(Bild: Siemens Stiftung/Sebastian Isacu)

Auch in Willkommensklassen willkommen: digitale Medien zum Sprachenlernen

Als der 17jährige Yaser aus Syrien vor neun Monaten in die Klasse von Sandra Regitz kam, sprach er kein Wort Deutsch. Ein neuer Schüler stand plötzlich vor ihr, ohne Ankündigung. Für die Lehrerin der Peter-Bruckmann-Schule Heilbronn gehören solche Überraschungen zum schulischen Alltag. Die größte Herausforderung in Flüchtlingsklassen wie ihrer sei die Heterogenität: „In einer Klasse haben wir Schüler, die kaum oder sehr schlecht Deutsch sprechen, zum Teil erst alphabetisiert werden müssen, und wir haben Schüler wie Yaser, die kurz vor ihrem Abitur aus Syrien geflohen sind und rasch gute Deutschkenntnisse erwerben. Im Unterricht jeden zu erreichen, das ist nicht einfach.“

Damit Sandra Regitz jeden einzelnen individuell fördern kann, nutzt sie auch digitale Lernplattformen, Hörübungen oder Videos.  Einige Lernprogramme sind so aufgebaut, dass sie ohne fremde Hilfe genutzt werden können. Eine große Entlastung für Lehrkräfte, die sich in dieser Zeit gezielt anderen Schülern widmen können. „Wichtig ist, dass die Schüler keine Angst haben vor der deutschen Sprache“, so die Gymnasiallehrerin. „Deshalb muss man den Unterricht immer sehr spielerisch und mit viel Humor gestalten. Viele Schüler sagen mir, dass sie im Fernsehen nur sehr schlecht Deutsch verstehen. Die Leute sprechen ihnen zu schnell. Daher zeige ich auch gerne Lernvideos, die Sprache spielerisch über Bilder, Handlung und einfache Worte vermitteln.“

Digitales Sprachlernangebot wächst

Das Goethe-Institut stellt zusammen mit Apple Educational Experts Education seit Mai 2016 die neue Sprachförderinitiative „DaF/DaZ digital” bundesweit vor: ein Bildungspaket für Lehrkräfte und Schüler, das den Unterricht von Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache unterstützen soll. Im kostenpflichtigen Paket enthalten ist eine vom Goethe-Institut entwickelte achtwöchige Online-Fortbildung DaF/DaZ für Lehrkräfte mit Materialien und konkreten Vorschlägen zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht sowie ein Technikkoffer, bestehend aus 16 iPads und weiterem technischen Equipment. „Der Vorteil der Tablets aber auch des digitalen Lernens im Allgemeinen ist, dass Schülerinnen und Schüler binnendifferenziert unterrichtet werden können“, so Kathrin Hahn, Referentin für Online-Sprachkurse beim Goethe-Institut. „Sie lernen in ihrem eigenen Tempo und mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Durch die Ausstattung der Tablets mit Kamera und Mikro können unterschiedliche Kompetenzen trainiert werden.“

Wer gleichfalls gute, aber kostenlose digitale Bildungs- und Informationsangebote sucht, wird ebenso im Internet fündig: Mit der Sprach-Lern-Software „KIKUS digital“ etwa, entstanden aus der Kooperation der Siemens Stiftung mit dem Zentrum für kindliche Mehrsprachigkeit e.V., können Pädagogen Übungen zu Wortschatz, Grammatik und sprachlichen Handlungsmustern spielerisch aufbereiten; die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet sammelt auf ihrem Portal „ZUM-Willkommen“ Materialien, Informationen und Ideen für den Deutschunterricht mit Flüchtlingen und richtet sich sowohl an Kursleitende als auch an selbstständig Lernende.

Der 17jährige Yaser  wird in den nächsten zwei Jahren auf seinen Realschulabschluss vorbereitet. Und obwohl er und die anderen Jugendlichen kulturell so unterschiedlich seien, so Lehrerin Sandra Regitz, vereine sie von Anfang an ein gemeinsames Ziel: „Alle sind begierig, Deutsch zu lernen und langfristig hier anzukommen.“

Kostenlose Online-Angebote für Deutsch als Fremd-/Zweitsprache (Auswahl)

  • Eine Empfehlung von Lehrerin Sandra Regitz ist das Angebot für DaF-/DaZ-Lehrkräfte von Planet Schule, einem Gemeinschaftsprojekt von SWR und WDR.
  • Um die Sprach-Lern-Software KIKUS digital von Siemens Stiftung und dem Zentrum für Mehrsprachigkeit e.V. online und offline nutzen zu können, ist allein eine Anmeldung im Medienportal der Stiftung erforderlich.
  • Das offene Portal ZUM-Willkommen.de sammelt Materialien, die kostenlos und als offene Bildungsinhalte (OER) genutzt werden können. 
  • Die Deutsche Welle macht eine Vielzahl von multimedialen Deutschlern-Angeboten, die zu verschiedenen Themen und für unterschiedliche Niveaustufen zur Verfügung stehen.
  • Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt auf ihrer Webseite Materialien zur Verfügung, mit denen Flüchtlingskinder oder junge Asylbewerber in Willkommensklassen unterrichtet werden können. Darunter Materialien aus den Bereichen Deutsch als Fremdsprache, Grundrechte, Kinderrechte und Demokratie.