Moritz (16) von der Elisabethenschule in Frankfurt am Main auf dem Podium bei der Konferenz Bildung Digitalisierung. (Bild: Forum Bildung Digitalisierung / Phil Dera)

Beteiligtes Lernen – Mehr Partizipation im digitalen Wandel

Digitale Medien haben das Potenzial, Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein bei Schülerinnen und Schülern auf verschiedensten Ebenen zu fördern – wenn sie pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden. Wir haben einige vielversprechende Beispiele zusammengetragen und auch bei den Lernenden selbst nachgefragt.

Das Lernen unter digitalen Bedingungen in offenen Lernumgebungen verändert nicht nur das Berufsbild von Lehrkräften, auch die Rolle von Schülerinnen und Schülern wandelt sich: Zunehmend wird bei Kindern und Jugendlichen Selbstverantwortung und die Fähigkeit zur Organisation von eigenen Lernprozessen und von Teamarbeit unterstützt. Für Ihre Motivation und das nachhaltige Lernen ist diese Entwicklung sehr hilfreich. Aus eher konsumierenden Lernenden können produktive, kooperativ agierende Mitgestaltende werden.

Auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2017 haben uns Emma (16) und Moritz (16) von der Elisabethenschule in Frankfurt am Main im Interview erzählt, inwiefern Partizipation und digitaler Wandel zusammenhängen.

Partizipation kann auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden: Bei der Planung und Durchführung von Unterricht, beim aktiven Umgang mit den neuen Technologien bis hin zu der demokratischen Mitbestimmung im Schulalltag oder der Interessenvertretung gegenüber der Politik.

Der Weg ist, was prägt – Selbstständiges Lernen im offenen Lernarrangement

Dass Lernen besser funktioniert, wenn Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Lernprozess steuern, ist eigentlich nichts Neues. In Lernarrangements mit digitalen Medien – wie dem Flipped Classroom oder der Binnendifferenzierung mithilfe von individualisierten Lernaufgaben – wird Eigenverantwortlichkeit besonders gefördert. Noch einen Schritt weiter gehen pädagogische Konzepte wie eduScrum. Scrum ist eine agile Arbeitsmethode, die in der Software-Entwicklung erfunden wurde, um komplexe Software-Projekte greifbarer zu machen - indem man sich in kleinen Teams von Zwischenergebnis zu Zwischenergebnis hangelt. Der niederländische Chemielehrer Willy Wijnands hat diese Idee aufs schulische Lernen übertragen: Bei eduScrum geben die Lehrkräfte zwar vor, was inhaltlich erarbeitet werden soll, den Weg dahin bestimmen die Schülerinnen und Schüler aber selbst: Sie planen ihre Arbeitsschritte, wählen die Methoden aus und arbeiten innerhalb von heterogenen Teams in einem festen Rhythmus zusammen. Ein so genanntes Scrumboard gibt den Lernenden Überblick und Struktur, die Lehrkraft steht ihnen als Coach zur Seite. Einerseits lernen die SchülerInnen dabei die eigenen Qualitäten besser kennen und entwickeln Teamfähigkeit. Andererseits erlaubt eduScrum, nicht nur den eigenen Lernprozesse zu gestalten, sondern auch an der Organisation schulischen Lernens zu partizipieren.

 

  • Es gibt einen kostenlosen Leitfaden zur Implementierung von eduScrum in der eigenen Klasse.
  • In einem Video auf seinem Blog Pädkonzept zeigt der Nürnberger Lehrer Herbert Just, wie er mit seiner Klasse den Unterricht nach den Prinzipien von Scrum umgestellt hat.
  • Hier kann man von einem Besuch bei einer Klasse des eduScrum-Erfinders Willy Wijnands lesen.

Selbst ist der Lernende – veränderter Umgang mit neuen Technologien 

Für die meisten Kinder und Jugendlichen gehören digitale Medien zum Alltag – allerdings bleibt die Nutzung von Apps & Co. oft passiv. In der Schule gibt es Möglichkeiten, einen selbstbestimmten Umgang mit neuen Technologien zu fördern. In Wordpress können Klassenwebseiten erstellt oder per App kurze Videos vom letzten Ausflug oder zu einem Unterrichtsthema kreiert werden. Darüber hinaus können auch nützliche Apps selbst programmiert werden. In solchen Projekten können Schülerinnen und Schüler digitale Medien als einen Bestandteil ihrer Lebenswelt kennenlernen, den sie selbst beeinflussen können. Zum ersten Experimentieren mit Programmiersprachen eignen sich intuitive Coding-Tools wie Scratch, eine Anwendung, mit der sich Quizze, Mini-Lexika und Chatbots programmieren lassen. 

Dass der aktive Umgang mit digitalen Medien Lernende zur gesellschaftlichen und auch schulischen Teilhabe motiviert, zeigen verschiedene außerschulische Veranstaltungen, in denen Schülerinnen und Schüler gemeinsam daran arbeiten, Schule und Lernen zeitgemäßer zu gestalten. Bei Hack your School, beispielsweise, kamen im Januar 2017 Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland zusammen und entwickelten zusammen mit Experten einen virtuellen Museumsrundgang, der mithilfe von VR-Brillen im Unterricht verwendet werden kann, eine Abi-Trainings-App oder ein Browser-Plugin, das gegen Prokrastination helfen und beim Lernen für eine geregelte Zeiteinteilung sorgen soll. 

Ähnliche Treffen für Kinder und Jugendliche finden überall in Deutschland statt: Seit 2014 ruft die EU jährlich zur Codeweek ein und Jugend hackt bietet auch regelmäßige Veranstaltungen. Unter dem Motto "Mit Code die Welt verbessern" tüfteln die Teilnehmenden gemeinsam an Prototypen und digitalen Werkzeugen für ihre Vision einer besseren Gesellschaft. 

Bildung schülerzentriert – Einmischen in der und für die Schule 

Auch auf der Ebene einer ganzen Schule kann Partizipation im Sinne demokratischer Bildung mithilfe digitaler Medien gefördert werden. So nutzt beispielsweise das Projekt aula – Schule gemeinsam gestalten die digitale Vernetzung, um alle Schülerinnen und Schüler einer Schule in ein dauerhaftes Beteiligungskonzept einzubinden: Über eine Online-Plattform können sie ihre eigene Schule aktiv mitgestalten - von den Regeln, über die Raumgestaltung und die Unterrichtsthemen bis hin zu Entscheidungen über Veranstaltungen. 

In der Pestalozzi-Realschule Freiburg haben die Schülerinnen und Schüler beispielsweise für einen Smartphone-Tag gestimmt und die Geräte einen Tag lang im Unterricht eingesetzt. Momentan befindet sich das Projekt noch in der Pilotphase an einzelnen Schulen – ab Juli 2018 wird aula aber hier als offene Bildungsressource zur Verfügung stehen. Auf diese Weise werden junge Menschen befähigt, durch aktive Demokratie-Praxis ihre eigene Umgebung zu verändern und Kompetenzen wie Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken zu erwerben.