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„Monitor Digitale Bildung“: Chancen digitaler Medien für Berufsschule und Ausbildung

Die digitale Welt verändert das Lernen wie kaum eine andere gesellschaftliche Entwicklung. Doch ist das digitale Lernen auch in Schule und Ausbildung angekommen? Der „Monitor Digitale Bildung“ der Bertelsmann Stiftung schafft erstmals eine umfassende und repräsentative Datenbasis zum Stand des digitalen Lernens in allen Bildungssektoren. Die erste Ausgabe zu Berufsschule und Ausbildung zeigt:  Digitale Bildung ist im dualen Ausbildungssystem noch nicht angekommen, denn der Einsatz digitaler Lernmedien folgt vorrangig „alten“ didaktischen Konzepten.

Dr. Ulrich Schmid, Projektleiter des Monitors und geschäftsführender Gesellschafter des mmb Instituts, plädiert im Interview mit ForumBD für neue Strategien und Konzepte zur Förderung des digitalen Lernens.

ForumBD

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Herr Dr. Schmid, woran liegt der verhaltene Einsatz digitaler Medien in Schulen und Ausbildungsbetrieben?

Dr. Ulrich Schmid

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Die Studie hat gezeigt, dass die Kosten für Hardware, der Zeitmangel der Lehrenden und auch die fehlende Betreuung der Infrastrukturen ausschlaggebende Punkte sind. Zudem fehlt es vielen Lehrkräften an Erfahrung und Qualifikation in Sachen Digitales Lernen. Ausbilder haben häufig kein ausgeprägtes mediendidaktisches Wissen, aber auch Berufsschullehrern fehlt die Erfahrung mit digitalen Medien. Dazu kommt, dass es zu wenige passende Lerninhalte gibt, die auch qualitativ überzeugen. Kurzum: Die Digitalisierung der Lehre wird durchaus als Chance und Notwendigkeit, aber vor allem auch als Herausforderung wahrgenommen.

ForumBD

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Wie können Lehrende besser unterstützt werden?

Dr. Ulrich Schmid

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Aus meiner Sicht sollten Fortbildungen für Ausbilder und Lehrkräfte viel stärker online stattfinden, so könnten Lehrende direkt in der Fortbildung Erfahrungen im Umgang mit digitalen Lernumgebungen sammeln und dieses Wissen dann später auch praktisch weitergeben. Zusätzlich brauchen Lehrende passende Inhalte, die auch modular verwendbar und einfach verfügbar sind. Und sie brauchen niedrigschwellige Konzepte, die zeigen, wie digitale Medien im Ausbildungsalltag einfach eingesetzt werden können: Blogs, Videos oder Podcasts für Lerntagebücher beispielsweise. Oder Formate wie „Mikrolearning“, wo kleine Lerneinheiten wie z.B. Videotutorials bereitgestellt werden, die dann „on demand“ abgerufen werden können. Und es muss mehr Abstimmungen zwischen Schulen und Ausbildungsbetrieben für eine lernortübergreifende Ausbildung geben. Das kann zum Beispiel durch den Einsatz von Lernplattformen oder durch soziale Netzwerke sehr gut unterstützt werden. Die Ausbilder und Lehrenden müssen zur Überzeugung gelangen, dass die digitalen Medien dazu beitragen können, die Probleme und Herausforderungen der dualen Ausbildung zu lösen – und nicht selbst ein neues, zusätzliches Problemfeld sind.

ForumBD

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Welche Impulse können digitale Medien zur Verbesserung des Lernens geben? 

Dr. Ulrich Schmid

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Sie können unter anderem helfen, komplexe Sachverhalte einfacher zu vermitteln. Denken Sie zum Beispiel an interaktive Grafiken oder Videos mit Animationen. Auch eTests zur selbständigen Wissensüberprüfung werden von Auszubildenden gerne genutzt – allerdings weniger in Betrieb und Berufsschule als für das „private“ Lernen. Adaptive Lernangebote, die sich an den persönlichen Wissenstand oder das Lerntempo anpassen,  ermöglichen außerdem individualisierte Lernangebote  zum Beispiel für leistungsstärkere und -schwächere Lernende. Nicht zuletzt ist durch digitale Lernmedien auch ein stärker handlungsorientiertes und situatives Lernen möglich. Man spricht dann auch von „informellem Lernen“. Unsere Untersuchung hat übrigens gezeigt, dass viele Berufsschüler, vor allem diejenigen mit Hauptschulabschluss, das Lernen mit digitalen Medien als sehr motivierend empfinden. Deren Affinität zu digitalen Medien könnte doch – gerade in der beruflichen Ausbildung – ganz gezielt genutzt werden.

ForumBD

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Auch die Arbeitswelt steht vor großen Veränderungen aufgrund der Digitalisierung. Wie spiegelt sich diese Entwicklung in Berufsschulen und Ausbildungsbetrieben wider?

Dr. Ulrich Schmid

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Digitale Lerntechnologien fördern die Entwicklung von Kompetenzen, die essenziell für die vernetzte, digitale Industrie sein werden: zum Beispiel das virtuelle Kooperieren und Kommunizieren in gemischten, interdisziplinären Teams. Arbeitnehmer, aber auch Auszubildende werden künftig immer mehr projektbezogen arbeiten, selbstständig und problemlösungsorientiert.  Solche Arbeitsformen und Kompetenzen, die charakteristisch für die Industrie 4.0 sein werden, können zum Beispiel in virtuellen Lernumgebungen sehr gut eingeübt werden. Denn wer weiß, wie man auf digitalen Lernplattformen virtuell zusammenarbeitet, Lernprojekte selbstgesteuert durchführt, gemeinsam Dokumente erarbeitet, sie in der Cloud bereitstellt und virtuell präsentiert, der eignet sich gleichzeitig einige zentrale Fähigkeiten an, die auch in der digitalen Arbeitswelt gefordert sein werden.