Chancen und Herausforderungen offener Bildungsressourcen (OER)

Worin besteht der Mehrwert von OER?

„Open Educational Resources sind, vereinfacht gesagt, digitale Medien mit eingebauten Nutzungsrechten.“ (Maria Schumm-Tschauder)

Fächerübergreifende Projektarbeit in der Klasse 9. Thema: „Energiewende – Chancen und Risiken erneuerbarer Energien“. Der Lehrer verteilt die Aufgaben an die Klasse: Wie hängen Klimawandel und Verbrauch fossiler Energieträger zusammen? Welche regenerativen Energieträger gibt es? Welche Nachteile und Grenzen haben sie? Mit viel Motivation machen sich die Schülerteams an die Arbeit: Sie besuchen eine Geothermie-Anlage, machen Fotos und Filme. Ergänzend suchen sie im Internet nach Anschauungsmaterial von Solaranlagen und Offshore-Windparks. Sie bearbeiten kleine Testaufgaben, die ihr Lehrer im Netz zum freien Download gefunden und an die unterschiedlichen Niveaustufen der Schüler angepasst hat. Nach Abschluss des Projekts sollen die Ergebnisse auch für andere auf der Schul-Homepage zur Verfügung gestellt werden.

Dieses konstruierte Beispiel zeigt, wie digitale Medien nutzbringend im Unterricht eingesetzt werden können. Und wenn Lehrer und Schüler darauf geachtet haben, dass die von ihnen verwendeten Fremdmaterialien OER sind – also unter einer offenen Lizenz stehen, können sie ihr Projekt erfolgreich abschließen.

Wenn nicht, haben sie ein Problem. Denn die meisten Materialien aus dem Netz sind keine OER und damit haben Schüler und Lehrer für deren Verwendung in der Regel keine ausreichenden Nutzungsrechte. Es gibt zwar den Paragraphen § 52 a des Urheberrechts, der aber den Einsatz fremd produzierter Materialien ausschließlich im Unterricht und nur ohne Veränderung erlaubt. 
In unserem Fall ist dies nicht ausreichend, denn Medien wurden verändert und das Gesamtwerk sollte wiederveröffentlicht werden. Damit müssten für jedes aus dem Netz verwendete Medium die entsprechenden Nutzungsrechte eingeholt werden. Kaum denkbar und sehr aufwändig.
Abhilfe schaffen also offene  Lehr- und Lernmaterialien (OER), die unter einer Creative Commons-Lizenz (CC) stehen. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Der Urheber räumt durch die Vergabe einer CC-Lizenz standardmäßig ein Nutzungsrecht für die Veränderung, Vervielfältigung und Veröffentlichung ein. Vorausgesetzt, der Nutzer beachtet die vom Urheber geforderten Bedingungen. Ein klarer Vorteil für den modernen Unterricht, der – so wie in unserem Fallbeispiel gezeigt – auf aktuelle Inhalte, Medien- und Methodenvielfalt, individuelle Förderung der Schüler und den Erwerb von Kompetenzen wie Kollaboration, Kommunikation und Kreativität setzt.

Trotz Stolpersteinen auf dem richtigen Weg

Auch wenn die Standard-Lizenzverträge (es gibt sechs Modelle) von Creative Commons dem Urheber ermöglichen, der Öffentlichkeit auf einfache Weise Nutzungsrechte einzuräumen, bleibt der Umgang damit doch komplex. Und daher kritisieren auch viele OER-Befürworter dieses Lizenzmodell und verlangen eine Vereinfachung. Denn derzeit ist es so, dass je nach Lizenztyp die Nutzung wieder stärker eingeschränkt werden kann. Bei CC BY gekennzeichneten Materialien müssen Sie beispielsweise nur den Urheber angeben. Die Kennzeichnung CC BY-SA erfordert zusätzlich, dass das Material bei Bearbeitung nur unter gleichen oder vergleichbaren Lizenzbestimmungen veröffentlicht werden darf. Bei der Angabe des Urhebers etwa ist entscheidend, dass Sie diesen so nennen, wie er genannt werden will. Auch die eingeschränkte Kombinierbarkeit von Materialien unterschiedlicher Lizenztypen wirkt erschwerend. So können beispielsweise Materialien unter CC BY-SA nicht mit Materialien unter CC BY-NC kombiniert werden, da der Zusatz „NC“ eine kommerzielle Verwendung des Materials ausschließt.  Und „kommerziell“ wird in der Rechtsprechung sehr unterschiedlich ausgelegt. Dass die CC-Lizenzen das Urheberrecht aushebeln, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Das Urheberrecht gilt weiterhin, und falsche oder unvollständige Angaben beim Fremdmedium führen ebenfalls zu einer Urheberrechtsverletzung.

Unser Fazit

Lehr- und Lernmaterialien unter einer offenen Lizenz sind die richtige Antwort für einen zeitgemäßen Unterricht – aber für den Gesetzgeber gibt es einigen Handlungsbedarf. Sein Ziel sollte es sein, ein modernes Lizenzrecht zu schaffen, das auch in der Praxis das Arbeiten mit digitalen Medien ermöglicht, die keinen oder nur wenigen Einschränkungen unterliegen. Wir wiederum können dafür sorgen, dass die OER Community eine breite Unterstützung durch die Öffentlichkeit erhält.

Nützliche Informationen:

Dieser Beitrag steht unter der Lizenz CC BY 4.0 – Urheber: Maria Schumm-Tschauder für forumbd.de