Prof. Dr. Bos im Interview. (Bild: Technische Universität Dortmund)

„Das muss Schule leisten!“

Weniger als die Hälfte der Lehrkräfte weiterführender Schulen können auf ein schulinternes Medienkonzept und pädagogische Unterstützung für den Einsatz von Computern bauen, so die Studie „Schule digital – Der Länderindikator 2016“ der Deutsche Telekom Stiftung. Professor Wilfried Bos von der Technischen Universität Dortmund, leitet die Studie. Im Gespräch erläutert er, warum digitale Bildung notwendig ist und warum es keine Blaupause für Medienkonzepte an Schulen gibt, die den Einsatz digitaler Medien im Unterricht voranbringen können.

Herr Professor Bos, was bedeutet Lernen über, aber auch mit digitalen Medien im Bereich Schule?

Es geht dabei zum einen um ganz einfache Dinge: Dass Schüler lernen, wie man einen Link anklickt oder sie den Kontrast von Fotos schärfer stellen können. Auf der anderen Seite geht es um die Kompetenzen, Informationen aus Quellen abzurufen und kritisch einzuschätzen, sie zusammenfassen zu können und neue Produkte herzustellen. Das kann man für jede Art von Unterricht herunterbrechen und auf einzelne Fächer beziehen. 

Das heißt, es geht bei digitaler Bildung nicht um den Einsatz digitaler Medien nur im klassischen Informatikunterricht sondern im Schulunterricht per se?

Genau. Es geht um den Einsatz von und den kritischen Umgang mit modernen Informationstechnologien in allen Fächern. 

Es gibt auch Kritiker, die digitale Bildung grundsätzlich nicht fördern wollen...

Ein Vergleich: Als Wähler der Partei Die Grünen kann ich gegen individuellen Straßenverkehr sein. Aber er findet nun mal statt. Wenn ich die Kinder nicht darauf vorbereite, werden sie umgefahren. Ich muss Kindern und Jugendlichen also beibringen, verantwortungsvoll damit umzugehen. So ist es auch mit digitalen Technologien: Sie finden statt – und wenn ich den Schülern etwas beibringen will, damit sie nicht in alle Fallen hineingeraten, muss man digitale Medien integrieren.

Wer und wohinein?

Das müssen die Lehrer tun. Im Zuge der Individualisierung des Lernens schreien digitale Medien und Technologien geradezu danach, im Unterricht eingesetzt zu werden: Man kann unterschiedliche Lernumgebungen schaffen, unterschiedliche Arten von Aufgaben stellen etc., und zwar in allen Fächern und Schulformen. Hinzu kommt das Erlernen eines vernünftig-kritischen Umgangs mit diesen Medien. Das muss Schule leisten! Eine gute Ausbildung, gute Fortbildung und eine angemessene Unterstützung der Lehrkräfte sind dafür natürlich ein „Muss“.

Was heißt das konkret für die Schüler?

Das kann alles heißen: zum Beispiel, dass es für jeden Schüler ein Tablet gibt und die ganze Klasse damit arbeitet. Oder alle recherchieren mit dem Computer, kommunizieren in ihren Arbeitsgruppen per WhatsApp oder arbeiten mit ihrem Lehrer per Mail an Aufgabenlösungen. Ein Lehrer in der Sekundarstufe II könnte sagen: Recherchiert im Internet drei verschiedene Shakespeare-Interpretationen von Macbeth und stellt sie gegenüber! 

Die Ergebnisse von „Schule digital – Der Länderindikator 2016“ zeigen: Medienkonzepte zur Umsetzung digitaler Bildung an Schulen gibt es an der Hälfte der Schulen in Deutschland und an der anderen Hälfte noch nicht: Was sagt das über unsere Schulen aus? 

Wenn Medienkonzepte vorliegen, heißt das, dass Schulen die Lebenswelt der Schüler zur Kenntnis nehmen und daran anknüpfen.

Was sagen die Ergebnisse des Länderindikators insgesamt über die Situation in Deutschland aus?

Es gibt viel zu tun!

Die eben angesprochenen Medienkonzepte werden gefordert, um die digitale Bildung voranzubringen. Was sollte inhaltlich in diesen Medienkonzepten verankert werden?

Man muss festlegen, wie an einer Schule mit digitalen Medien gearbeitet wird: Steht für jeden Schüler ein Tablet zur Verfügung oder arbeiten wir mit Computern? Gibt es WLAN oder ist der Zugang ins Internet nur in Computerräumen möglich. Es gibt kein einheitliches Konzept, das gut für alle ist. 

Das heißt, jede Schule erarbeitet sich solch ein Konzept selbst?

Ja, wir haben kein Muster, jede Schule muss dies selbst wissen. Medienkonzepte können sehr konkret sein und detailliert oder auch weniger. Wie konkret, das kann man der Schule schlecht vorschreiben – das hängt von der Situation an der jeweiligen Schule ab.

Was sind wichtige Faktoren, die den Inhalt des Medienkonzepts einer Schule vermutlich beeinflussen?

Zum Beispiel der Altersdurchschnitt der Lehrer. Oder Wie affin sind die Lehrer hinsichtlich des Digitalen? Wie sind die Kommunikationsstrukturen an der Schule? Inwieweit ist der Schulleiter in der Lage, Fachgruppen zusammenzuführen? Wird Fachunterricht bereits digital vorbereitet? Arbeiten die Fachgruppenlehrer gut im Team oder sind es eher Einzelkämpfer?

Wer erarbeitet an einer Schule das Medienkonzept?

Wir brauchen außerschulisch einen groben Rahmen ähnlich der Lehrpläne. Innerhalb dieses Rahmens könnten die Medienkonzepte an den Schulen von der Schulkonferenz erarbeitet werden – vielleicht aus einem Vorschlag der Lehrerkonferenz beziehungsweise von einzelnen Lehrergruppen und Lehrern. 

Warum gibt es in Deutschland an nur rund der Hälfte der Schulen ein Medienkonzept?

Es fehlt die Zeit. Heute heißt es: Inklusion, Flüchtlinge integrieren und jetzt Neue Medien einsetzen – bei gleicher Stundenzahl. Wobei: Der Einsatz moderner Informationstechnologien würde auch zu einer starken Entlastung führen.

Entlastung?

Ja, wenn ich als Lehrer einmal eine Unterrichtsreihe mit digitalen Medien zum Dreisatz entwickle, kann ich das die nächsten Jahre auch verwenden – und andere Lehrer auch. Oder ein Vokabel-Lernprogramm: Wenn ich damit als Lehrer einmal vertraut bin, kann ich das immer wieder verwenden.

Wie werden Medienkonzepte als Leitfaden in anderen Ländern umgesetzt? Haben Sie ein Beispiel, wo es gut funktioniert?

In Tschechien zu Beispiel: Hinsichtlich digitaler Bildung ist Tschechien eines der führenden Länder. Dort wird zentral vom Staat festgelegt, wie moderne Technologien im Unterricht einzusetzen sind. Diese Vorgaben müssen die Schulen in ein schulinternes Curriculum einarbeiten und umsetzen. Eine Kommission prüft dies dann in den Schulen. Das könnte auch für einige Bundesländer in Deutschland ein Modell sein. 

Haben Sie eine persönliche Vision? Die digitale Bildung in Deutschland: Wie es einmal sein könnte?

Im Grunde sind wir jetzt soweit, dass wir im Unterricht eigentlich kein Papier mehr brauchen. Man kann Papier verwenden, aber man müsste nicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Schule digital – Der Länderindikator 2016. Eine Studie der Deutsche Telekom Stiftung

Der Länderindikator „Schule digital“ liefert bundesländerbezogene Informationen zur aktuellen Situation der digitalen Bildung in Deutschland – aus Praktikersicht: Basis der Studie ist eine repräsentative Befragung von 1.210 Lehrkräften weiterführender Schulen. Einige der Ergebnisse: Knapp die Hälfte der Lehrkräfte kann auf ein schulinternes Medienkonzept zurückgreifen. Pädagogische Unterstützung für den Einsatz von Computern im Unterricht erhalten nach eigenen Angaben nur 41 Prozent. Die meisten Lehrer halten sich für kompetent, in ihrem Unterricht digitale Medien sinnvoll einsetzen zu können. Die Lehrkräfte in Bremen, Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen bewerten das eigene Lehren und Lernen mit digitalen Medien deutlich besser als ihre Kollegen in den anderen Bundesländern. Verschlechtert hat sich aus Sicht der Lehrer die WLAN-Ausstattung der Schulen. Nur ein Zehntel der Befragten kooperiert mit Kollegen, um digitale Medien im Unterricht zu integrieren.

Details zum Länderindikator „Schule digital“ finden sich auf der Internetseite der Deutsche Telekom Stiftung. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse gibt es unter  www.telekom-stiftung.de/schuledigital16.

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