„Der Vorteil digitaler Formate: Man kann die Komplexität endlos erweitern“

Heterogenität ist Alltag an den meisten Schulen - und eine Chance, Unterricht neu zu denken. Dabei geht es nicht nur darum, leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler mitzunehmen, sondern auch diejenigen zu fördern, die besonders talentiert sind. Digitale Medien können dabei helfen.

„Welche Potenziale schlummern in Marthas Kopf? Und in welchen Bereichen ist Sinan wohl besonders stark?“ Fragen, die sich Lehrkräfte täglich stellen, wenn es darum geht, den Lernstand ihrer Schülerinnen und Schüler zu erheben. Und Fragen, die auch am Anfang jeder Begabungspotenzialförderung stehen, erklärt Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn. „Einmal erkannt, liegt die Herausforderung darin, individuellen Wissensständen und Stärken gerecht zu werden und eine positive Weiterentwicklung zu ermöglichen.“ Digitale Medien könnten dabei unterstützend wirken – im schulischen Kontext, aber auch darüber hinaus, so die Bildungsforscherin weiter. „Sinnvoll sind digitale Medien, wenn sie im Rahmen offener Unterrichtssettings eingesetzt werden. Individuelle Begabungen werden auf diese Weise besonders gut berücksichtigt –  im Vordergrund steht hier die Selbststeuerung und Organisation von Lernprozessen durch die Lernenden selbst.“

Jeder in seinem eigenen Tempo

Den individualisierten Einsatz digitaler Medien kennt Ulrike Leikhof aus der Praxis: Bei den Vorbilder- und Talent-Akademien des bundesweiten Talentförderzentrums Bildung & Begabung arbeitet sie eng mit Jugendlichen zusammen und unterstützt sie dabei, ihre Stärken zu erkennen und auszubauen. Zum Beispiel, indem sie gemeinsam Radiosendungen oder Hip Hop-Tracks produzieren – mit computerbasierter Technik. „Der größte Vorteil ist, dass man bei digitalen Formaten auf jedem Level einsteigen und den Schwierigkeitsgrad endlos erweitern kann“, betont Ulrike Leikhof. „Das kann mit einer sehr einfachen Recherche auf Wikipedia beginnen, kann aber auch sehr komplex werden, je mehr Informationen man aussortieren und bewerten muss.“ Auf diese Weise habe jeder Einzelne die Möglichkeit, in seinem eigenen Tempo Fortschritte zu machen.

Die Digitalisierung biete aber auch Chancen in puncto Vernetzung und Erreichbarkeit, erklärt Ulrike Leikhof weiter: „Auf dem platten Land sind spezialisierte Angebote für besonders talentierte Kinder und Jugendliche oft beschränkt. Über das Internet können sie sich vernetzen oder Onlineangebote nutzen.“ Und zwar in den verschiedensten Bereichen: Wer ein besonderes Faible für Mathematik hat, kann am „Digitalen Adventskalender“ des DFG-Forschungszentrum MATHEON und der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV) mitknobeln, wer seine Stärken eher im Geschichtenerforschen sieht, kann am „Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten“ der Körber-Stiftung teilnehmen.

Onlinekurse für interessierte Lehrkräfte

Doch die Fernbetreuung über das Internet kann den persönlichen Kontakt mit Pädagoginnen und Pädagogen nicht ersetzen. „Damit Begabtenförderung mithilfe digitaler Medien verstärkt auch an die Schulen kommen kann, müssen auch Lehrkräfte stärker dahingehend ausgebildet werden“, sagt Petra Flocke vom Netzwerk Bildung & Begabung. „Deswegen haben wir @Ucation entwickelt – videobasierte Onlinekurse für Talentförderer.“ Über die kostenlose Lernplattform mooin können sich interessierte Lehrerinnen und Lehrer beispielsweise darüber informieren, wie man das Smartphone im Unterricht einsetzen kann, um Kinder und Jugendliche in ihren unterschiedlichen Begabungen zu fördern – mit konkreten Beispielen, Konzepten und hilfreichen Links.

Neben der Schulung für den Einsatz digitaler Medien bei der Talentförderung bietet die Onlineweiterbildung @Ucation auch eine „Haltungsschule für Talententdecker“ an – so soll ein neues Bewusstsein für das Thema Begabungsförderung geschaffen werden. „In unserem Verständnis von Talentförderung geht es eben nicht darum, die Leistungsstarken zu separieren. Ziel ist es vielmehr, individuelle Begabungen in der Breite zu erkennen und Inhalte individuell auf den Einzelnen zuzuschneiden“, betont Petra Flocke. Denn das kommt allen Kindern und Jugendlichen zugute.

  • Bund und Länder wollen besonders begabte Schülerinnen und Schüler stärken. Dafür werden ab Herbst 2017 an 300 Grund- und weiterbildenen Schulen neue Konzepte erprobt – auch mithilfe digitaler Medien. Das Programm soll 125 Millionen Euro kosten und über fünf Jahre getestet werden.
  • Die Karg Stiftung setzt sich besonders für hochbegabte Kinder und Jugendliche und für die Gestaltung des deutschen Bildungssystems in der Hochbegabtenförderung ein.
  • Auf der Seite des Zentrums für Begabungsförderung in Deutschland Bildung & Begabung findet man viele Informationen zum Thema Talentförderung.
  • Wer die kostenlose Videoweiterbildung @Ucation nutzen möchte, kann sich auf der kostenlosen Lernplatt-form mooin anmelden.