Prof. Dr. Petra Grimm, Professorin für Medienforschung und Kommunikationswissenschaften an der Hochschule der Medien Stuttgart. (Bild: Radmila Kerl für Hochschule der Medien Stuttgart)

Digitale Ethik – Brauchen wir ein Werte-Navi für Schule und Bildung?

Die Phänomene Cybermobbing und Hate-Speech, aber auch die Preisgabe privater Daten sind Bespiele dafür, dass nicht allein technisches Knowhow im Umgang mit Medien für ein Leben in der digitalen Gemeinschaft ausreicht. Wie können Jugendliche dabei unterstützt werden, sich eine werteorientierte Digitalkompetenz anzueignen? Wir sprachen mit Prof. Dr. Petra Grimm, Professorin für Medienforschung und Kommunikationswissenschaften an der Hochschule der Medien in Stuttgart über das Projekt Die 10 Gebote der Digitalen Ethik.

Was sind die Besonderheiten digitaler Kommunikation?

Bezeichnend für die digitale Kommunikation ist, dass wir an jedem Ort und jederzeit mit anderen kommunizieren können. Die digitale Kommunikation ist zudem indirekt, da sie über ein Medium und nicht Face-to-Face (von Angesicht zu Angesicht) erfolgt. Das bringt mit sich, dass man die Reaktionen des Kommunikationspartners nicht wahrnehmen kann, zum Beispiel ob sich mein Gegenüber freut oder sich verletzt fühlt. Es bleibt deshalb bei indirekter Kommunikation immer ein Rest Unsicherheit, wie der andere mich verstanden hat. Zudem kann ich nicht nur individuell, sondern auch mit einem weit verstreuten Publikum kommunizieren. Wie unsere Studien mit Jugendlichen gezeigt haben, sind sich viele von ihnen, wenn auch nicht alle, bewusst, dass Bilder oder Videos nicht nur auf den Freundeskreis beschränkt bleiben, sondern potenziell die ganze Welt erreichen. 

Und welche Folgen hat diese Form der Kommunikation für Jugendliche?

Der subjektiv empfundene Kommunikationsdruck hat sich erhöht. Nur wenige sind in der Lage, neue WhatsApp-Nachrichten oder Facebook-Posts zu ignorieren. Was Beziehungen betrifft, so denke ich nicht, dass sich beispielsweise die Relevanz der Freundschaften qualitativ geändert hat, aber viele werden digital gepflegt und finden dort ihren Ort. Auch Konflikte aus dem Analogen verlagern sich in die digitale Sphäre. Die Jugendlichen wissen: Um Aufmerksamkeit in der Community zu erzielen, müssen sie Privates preisgeben. Deshalb bringt es nichts, zu sagen, Jugendliche sollten aufhören, sich im Netz zu präsentieren. Wichtiger ist vielmehr, wie und mit welcher Kompetenz sie sich präsentieren:  Sie müssen eine Balance finden zwischen dem Schutz der Privatheit und der Preisgabe von Privatem. 

Worauf sollten Jugendliche vorbereitet werden?

Sie sollten wissen, dass es Regeln gibt und Werte eine Rolle spielen. Das Netz ist kein wertefreier Raum. Sie sollten auch über Selbstschutzmaßnahmen informiert werden. Dabei hilft ihnen die Plattform von Jugendlichen für Jugendliche: juuuport.de. Zu wenig wird bislang das Thema Big Data fokussiert: Jugendliche sollten wissen, wie Data Mining funktioniert und welche Folgen das Sammeln von Daten durch die Anbieter von Social Media und Apps hat. Kinder müssten auch über mögliche Kostenfallen im Web aufgeklärt werden, in die sie nicht selten über das Anklicken von Spielen geraten, wie unsere Studie Mit Kindern unterwegs im Internet gezeigt hat. Ein weiteres wichtiges Thema ist das Bilden einer eigenen Meinung. Dazu gehört das Wissen, dass Nachrichten und Informationen in Sozialen Medien personalisiert und gegebenenfalls auch gefakt sind. 

Sie haben mit Ihren Studierenden und mit Jugendlichen die Zehn Gebote der Digitalen Ethik entwickelt – für ein gutes Miteinander, wie Sie schreiben. Warum brauchen wir neben einer allgemeinen Ethik eine digitale?

Die Digitale Ethik befasst sich mit einem bestimmten Anwendungsbereich der Ethik, eben dem der digitalen Medien beziehungsweise digitalen Umwelt. Sie ist also eine Bereichsethik wie die Wirtschaftsethik oder Bioethik. Die digitale Transformation hat Auswirkungen auf unser soziales Leben, auf unsere Identität, auf unser Berufsleben und letztlich auch auf unser Werteverständnis. Die Digitale Ethik reflektiert solche, in einer digitalen Gesellschaft geltenden Wertmaßstäbe und Überzeugungen. Sie muss gute Argumente vorbringen, warum bestimmte Werte und Normen gelten sollen, und formuliert konsensfähige Kriterien, die Handlungsorientierung bieten. Deshalb ist die Digitale Ethik als Steuerungs- und Reflexionsinstrument wichtig. Ihr Ziel ist es, eine wertebezogene Digitalkompetenz zu fördern. Die 10 Gebote der Digitalen Ethik sollen einen Impuls darstellen, um über die eigene Haltung und das eigene Verhalten im Netz nachzudenken. 

Zum Beispiel in Bezuf auf Cybermobbing und Hate Speech ...?

Das Problem Cybermobbing ist nach wie vor aktuell. Konflikte, die früher in der analogen Welt stattfanden, verlagern sich heute zunehmend ins Netz, damit auch Beleidigung, Hass und Mobbing. Da aber die Rahmenbedingungen und Auswirkungen bei Cybermobbing anders sind als beim klassischen Mobbing, braucht es spezifische Präventions- und Interventionsmaßnahmen.  

Was können Schulen für die Wertevermittlung und ein gutes Miteinander im Digitalen tun?

Auf jeden Fall sollten Schulen technische und werteorientierte Kompetenzen gleichermaßen vermitteln. Am erfolgreichsten wäre das, wenn es hierfür ein eigenes Fach gäbe. Kinder und Jugendliche könnten somit altersgerecht und konzentriert über die drei wichtigsten Wissensbereiche der Digitalisierung aufgeklärt werden – über die ökonomische, ethische und technische Dimension. Ebenso sollte bei der Aus- und Weiterbildung des pädagogischen Fachpersonals die Vermittlung von digitaler Wertekompetenz mehr im Vordergrund stehen. Zusammen mit der EU-Initiative klicksafe hat das Institut für Digitale Ethik die Materialien Ethik macht klick für Lehrkräfte herausgegeben. Hier gibt es ein spezifisches Modul Verletzendes Online-Verhalten. Darin geht es unter anderem um digitale Zivilcourage und wie diese praktisch gefördert werden kann. 

Und Eltern? 

Den Eltern obliegt es, Kinder altersgerecht an die digitalen Medien heranzuführen, indem sie ihnen erstmal nur kindgerechte Plattformen und Angebote zugänglich machen. Eltern haben auch eine Vorbildfunktion: Wenn sie das Smartphone beim gemeinsamen Essen nutzen, können sie nicht erwarten, dass es ihre Kinder nicht auch tun. Unverzichtbar bleibt aber eine ganz einfache Regel: mit den Kindern das Gespräch suchen und ihnen bei (Werte-)Konflikten helfen.

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