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Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit

Teil 11: in Estland

Estland gilt als Digitalisierungsweltmeister und Pisa-Spitzenreiter. Wie konnte die ehemalige Sowjetrepublik zum Vorbild in Sachen Digitalisierung in der Bildung werden?  

Um Estlands Ehrgeiz und Erfolg in Sachen Digitalisierung in der Bildung zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte der ehemaligen Sowjetrepublik aufschlussreich: Seit 1991 ist der kleine Staat im Norden Europas unabhängig und auf der Suche nach wirtschaftlichem Wohlergehen und politischer Stabilität. Estland, das sich vom finnischen bis zum Rigaer Meerbusen erstreckt, ist der kleinste der drei baltischen Staaten und hat mit 1,3 Millionen in etwa so viele Einwohner wie die Stadt München.  

Schnell nach der Unabhängigkeit wurde den Esten klar: Nur über die Qualifizierung der Fachkräfte und ein fortschrittliches Bildungssystem würde man als kleines Land im internationalen Wettbewerb bestehen können. Daher hat das Thema Bildung seit jeher einen extrem hohen Stellenwert in Politik und Gesellschaft. Schon in den neunziger Jahren wurde konsequent auf Technik- und Innovationsförderung gesetzt, der Telekommunikationssektor ausgebaut und die Förderung von IT-Startups vorangetrieben. Der Fahrplan war ambitioniert, vor allem auch in der Digitalisierung des Bildungssektors. In den letzten 25 Jahren entwickelte sich Estland so zu einer der fortschrittlichsten Informationsgesellschaften der Welt.  

„Tigersprung“ ins Internet  

Im Jahr 1997 wurde das nationale Tiger-Leap-Programm (Estnisch: Tiigrihüpe) lanciert. Ziel des Programms: das Bildungssystem an die Anforderungen der Informationsgesellschaft anzupassen und Computer und Internet in allen Bildungsinstitutionen einzuführen. Mitte der neunziger Jahre galt das tatsächlich als besonders ambitionierter „Tigersprung“ im europäischen Vergleich. Alle estnischen Schulen wurden mit moderner Hard- und Software ausgestattet und ans Internet angeschlossen. Fast alle Lehrer erhielten grundlegende Computerschulungen und 2.600 Lehrer (4o Prozent) wurden zu IT-Experten weitergebildet. Darüber hinaus stellte ein Internetportal für Lehrer vielfältige Unterrichtsmaterialien zur Verfügung und informierte über aktuelle Bildungsangebote.  

Im Jahr 2000 beschloss das estnische Parlament sodann ein Grundrecht aller Bürgerinnen und Bürger auf einen Internetzugang. Außerdem einigten sich die estnischen Parlamentarier darauf, alle sieben Jahre die IT-Infrastruktur zu erneuern, um den digitalen Fortschritt auch weiterhin zu gewährleisten und international nicht hinterherzuhinken. Deswegen verfügt das Land heute über einen guten Ausbau des Breitband-Internet. Heute gilt Estland als Digitalisierungspionier: In „e-Estonia“ arbeitet die Verwaltung praktisch papierlos, fast alle staatlichen Dienstleistungen (Ummeldung des Wohnsitzes, Wahlrecht ausüben, Elterngeld beantragen etc.) lassen sich digital erledigen – ausgenommen der Heirat, der Scheidung und des Hauskaufs.  

Kennenlernen von fremden Kulturen und Ideen  

Doch wie profitierten Schülerinnen und Schüler vom Fokus auf „e-Education“ in „e-Estonia“? Maart Laanpere ist Senior-Researcher an der „School of Digital Technologies“ der Universität Tallinn. Für ihn liegt der Hauptvorteil der Digitalisierung für Schülerinnen und Schüler am Kennenlernen von fremden Ideen und Kulturen. „Das war besonders wichtig für jene Kinder, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind, hinter dem Eisernen Vorhang, wo Massenmedien kontrolliert wurden und voller kommunistischer Propaganda steckten“, sagt Laanpere.  

Im Vergleich zu anderen Ländern würden estnische Eltern und Schulen entspannter mit den möglichen Gefahren der digitalen Technologie umgehen. Deutschland könnte von Estland lernen, den eigenen Lehrern mehr zu vertrauen und weniger Angst vor den „Schatten der digitalen Wand“ zu haben, glaubt Laanpere. Estland sei außerdem eines der wenigen Länder der Welt, wo es schon seit 17 Jahren keine Korrelation mehr gebe zwischen dem sozio-ökonomischen Status einer Familie und dem Besitz eines internet-fähigen Computers. „Das heißt, dass es auch ärmeren Familien gelingt, ihren Kindern einen Internetzugang zu ermöglichen, weil sie es als wichtig für die Bildung und die Zukunft erachten“, erklärt Laanpere.

Programmieren ab der ersten Klasse

Doch auch abseits von Hardware-Fragen werden in Estland erhebliche Ressourcen in den Ausbau digitaler Kompetenzen gesteckt. 2012 wurde das Proge-Tiger-Projekt gestartet: Schülerinnen und Schüler ab der ersten Klasse lernen seither Web-Apps und mobile Apps zu programmieren und Websites zu kreieren. Bereits in der Vorschule kommen Kinder mit Tablets und Animations-Programmen in Berührung. Ziel ist es, logisches und kreatives Denken zu fördern und mathematische Fähigkeiten durch praktische Anwendung zu schulen.

Maßgeblich verantwortlich für die Koordinierung dieser unterschiedlichen digitalen Programme in der estnischen Bildungspolitik ist die Information Technology Foundation for Education (HITSA). Die Non-Profit-Organisation wurde 2013 von der Regierung Estlands, der  Universität Tartu, der Tallinn University of Technology und estnischen Telekommunikationsunternehmen gegründet. Seither bietet die Stiftung Fortbildungen für Lehrkräfte und Schulleiter an und vertritt Estland bei internationalen Kooperationsprojekten im Bereich Bildung und IT.

Doch wo sind aktuell die Herausforderungen bei der Digitalisierung der estnischen Schulen? „Wir müssen das digitale Lern-Ökosystems der nächsten Generation aufbauen“,  sagt Laanpere. Er träumt von einem Klassenzimmer der Zukunft, in dem Kinder zusammen an alltagsnahen Projekten arbeiten, und dabei viele unterschiedliche Tools nutzen können, aber stets ihre eigenen Geräte mitbringen („Bring your own device“). „Im Moment arbeiten wir an einer Aktualisierung unseres nationalen Lehrplans, welcher uns näher zu dieser Vision bringen soll“, sagt Laanpere. Denn auch in Zukunft möchte Estland in Sachen Digitalisierung zu den Pionieren zählen.      

Text: Anja Reiter