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Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit

Teil 11: in Südkorea

Vor zehn Jahren verkündete die südkoreanische Regierung, das gedruckte Schulbuch abschaffen zu wollen – und künftig nur noch auf digitale Inhalte zu setzen. Was ist seither geschehen?

2007 präsentierte Südkorea seinen Plan, papierne Schulbücher aus allen Klassenzimmern zu verbannen – und stattdessen nur noch mit digitalen Unterrichtsmaterialien zu arbeiten. Die ganze Welt blickte damals neugierig nach Südkorea – einen solch ambitionierten Bildungsplan hatte damals kein anderes Land. 

„SMART Education“ tauften südkoreanische Bildungspolitiker das revolutionäre Projekt, und erzählten von den unzähligen Vorteilen von digitalen Textbüchern: mehr Motivation in den Klassenzimmern, individuelles Lernen, leichtere Rucksäcke, wegfallende Druckkosten, Lernen von überall.

Laut ursprünglichem Plan hätten die papiernen Schulbücher bis 2015 aus allen Klassenzimmern Südkoreas verschwunden sein sollen. Stattdessen steckt das Projekt „Digitales Schulbuch“ bis heute in der Testphase. Die digitalen Unterrichtsmaterialien werden immer noch in unterschiedlichen Schulstufen und -formen erprobt. Warum kam es in Südkorea doch nicht zum radikalen Bruch mit dem papiernen Buch? Was hat man aus den Erfahrungen mit den digitalen Schulbüchern gelernt? Was sind die bisherigen Ergebnisse der Testphase?

Südkoreas Jugend: Nummer 1 in digitaler Kompetenz

Es verwundert nicht, dass ausgerechnet Südkorea zu solch ehrgeizigen Maßnahmen greift: Bildung ist ein wichtiges Gut in Südkorea, der Druck auf Schülerinnen und Schüler enorm. Um die Abschlussprüfung zu bestehen, die Eintrittskarte für die besten Universitäten des Landes, pauken die meisten von ihnen im letzten Schuljahr bis in die späte Nacht hinein. Viele besuchen zusätzlich „Hagwons“, private Institute, in denen Nachhilfelehrer den Stoff wiederholen. Kaum ein anderes Land hat so hohe private Bildungsausgaben wie Korea. Dafür schneidet Korea bei den PISA-Ratings mit Top-Ergebnissen ab.

Das Land zählt bis heute außerdem zu den technisch fortschrittlichsten Nationen der Welt. 77,8 Prozent aller Südkoreanerinnen und Südkoreaner, die älter als drei Jahre sind, nutzen das Internet; bei den Unter-40-Jährigen sind es fast 100 Prozent. Laut der letzten PISA-Studie ist die digitale Kompetenz unter Südkoreas Teenagern so hoch wie nirgendwo sonst. Die „SMART Education“-Strategie sollte Südkorea auf die nächste Ebene des Fortschritts hieven und den Bildungseifer weiter befördern.

Digitales Buch: Text, Multimedia & Hyperlinks

Das digitale Textbuch, das an südkoreanischen Schulen getestet wird, ist nicht einfach eine digitalisierte Version von papiernen Schulbüchern. Das staatlich finanzierte Institut KERIS (Korea Education and Research Information Service) entwickelt gemeinsam mit privaten Unternehmen die digitalen Bücher. Diese verfügen über drei Ebenen: erstens die klassische Textebene (E-Book); zweitens Multimedia-Inhalte wie Videos, Animationen oder VR; und drittens Lern-Ressourcen wie Wörterbücher oder Hyperlinks. Zusätzlich führte man ein Lern-Management-System ein, das unter anderem über ein Beurteilungs-, Messaging- und Feedback-Tool verfügt.

Die Hoffnungen, die in die Digitalisierung der Unterrichtsmaterialien gesteckt wurden, waren groß: Künftig sollten Schülerinnen und Schüler von überall lernen können – in der U-Bahn genauso wie zu Hause. Außerdem sollten die digitalen Bücher das interaktive und gemeinschaftliche Lernen befördern. Und nicht zuletzt sollten durch die Einführung des digitalen Buchs, das von überall benutzt werden kann, auch die privaten Bildungsausgaben minimiert werden.

Die richtige Balance finden

Die Forscherinnen Hyeonseon Jeong und Amie Kim haben die wissenschaftliche Literatur zur Testphase ausgewertet. Zusätzlich haben sie Tiefeninterviews mit Grundschullehrenden geführt, die die digitalen Bücher seit mehr als drei Jahren im Unterricht einsetzen – und sie zu ihren Erfahrungen befragt. Das Ergebnis ist zwiespältig: „Technologie kann nur dann als Katalysator für positiven Wandel in der Bildung wirken, wenn auch die Beziehungen zwischen Lehrenden und Schülern behutsam betrachtet werden“, schreiben die Forscherinnen in ihrem Aufsatz „The Digital Textbook in South Korea: Opportunities and Challenges“.

Zwar habe der Einsatz von digitalen Büchern an manchen Schulen zu mehr Online-Interaktivität geführt – also den Austausch zwischen den Schülerinnen und Schülern und den Lehrenden auf deren Tablets, Computern und Smartphones gefördert. Darunter gelitten hätte jedoch die Rolle von Offline-Aktivitäten, also die direkte Kommunikation im Klassenzimmer. Die Rolle der Lehrenden sei es, in Zukunft die richtige Balance zu finden und nicht allein auf die digitalen Bücher zu setzen.

Digitale Bücher konzeptualisieren Wissen

Auch die Annahme, dass der Einsatz von digitalen Schulbüchern automatisch zu mehr Motivation unter den Schülerinnen und Schülern führe, sei falsch. Zwar könnten digitale Unterrichtsmaterialien Gelerntes kontextualisieren – etwa durch zusätzliche Audiodateien beim Sprachenlernen oder 3D-Bildern von Molekülen im Chemieunterricht. Doch häufig seien die Medienangebote, die Kinder privat nützen, noch viel ansprechender gestaltet als die schulischen Angebote, etwa die visuelle Qualität von Online-Games.

Die Forscherinnen schlussfolgern: Die Bildungspolitik sollte einen technik-deterministischen Ansatz vermeiden. Die Einführung von digitalen Schulbüchern allein würde positiven Wandel nicht garantieren. Es müsse zusätzlich permanente technische Unterstützung geben, die Weiterentwicklung der Inhalte müsste gewährleistet sein, daneben ausreichend Lehrer-Training und begleitende Forschung stattfinden.

Papierbücher werden doch nicht vollständig abgeschafft

Welche Auswirkungen hatte die Testphase nun auf die ursprünglichen Pläne? Laut Strategie-Plan hätten papierne Schulbücher bis 2015 vollständig abgeschafft werden sollen. Aufgrund der Ergebnisse aus der Testphase ruderte die südkoreanische Bildungspolitik aber ein wenig zurück. Digitale Bücher werden vorerst nur für Fächer wie Sozialkunde, Naturwissenschaften und Englisch eingesetzt, heißt es vom staatlichen Institut KERIS, bald voraussichtlich auch für Koreanisch und Mathematik. Vor allem ältere Schülerinnen und Schüler sollten mit digitalen Büchern arbeiten; erste und zweite Klassen lernen vorerst weiterhin mit normalen Papierbüchern.

„Im Moment erforschen wir die Nebeneffekte des Einsatzes von digitalen Büchern“, sagt Jiseon Yoo von KERIS. In jedem Fall sei das digitale Schulbuch ein wichtiger Puzzlestein auf dem Weg zum positiven Wandel des Bildungssystems. Erfolgsversprechend sei aber auch in Zukunft das Nebeneinander von Offline- und Online-Interaktion im Schulunterricht.

Text: Anja Reiter