(Foto: Pexels.com / Tookapic; CC0-Lizenz)

Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit

Teil 12: in Polen

Polen experimentiert mit digitalen Schulbüchern unter Creative-Commons-Lizenz. Wie werden die Schulmaterialien angenommen, die im Internet frei verfügbar sind?    

2012 war die Aufregung in Polen groß: Das Projekt „Cyfrowa szkoła“ („Digitale Schule“) sollte den polnischen Schulbuchmarkt gehörig durcheinanderwirbeln. Teil der groß angelegten Regierungs-Initiative war die Entwicklung und Finanzierung von digitalen Schulbüchern, die unter der Creative-Commons-Lizenz (CC) veröffentlicht werden – also im Internet frei verfügbar sind. Diese digitalen Bücher sollten nach und nach papierne Schulbücher ergänzen und ersetzen. 

Polen ist ein gutes Beispiel für den Einsatz von Open Educational Resources (OER): Darunter versteht man digitale Unterrichtsmaterialien, die kostenlos benutzt, vervielfältigt und auch bearbeitet werden dürfen. Die einzige Einschränkung besteht darin, dass bei der Verwendung immer der Name des Rechteinhabers genannt werden muss. In Deutschland gilt der sogenannte „Schulbuch-o-mat“, ein frei zugängliches digitales Biologiebuch, als erstes OER-Buch.  

Viele Befürworter für Open Educational Resources 

In Polen wird die Freigabe von Bildungsmaterialien bereits seit vielen Jahren von NGOs gefordert, etwa von Creative Commons Polska, der Koalicji Otwartej Edukacji  (Coalition for Open Education Poland) oder der Fundacja nowoczensna Polska (Stiftung modernes Polen). In ihrem Memorandum „The digitalisation of Polish education. Vision and proposals“ lassen sich die Argumente der Befürworterinnen und Befürworter von offenen Schulbüchern nachlesen.  

„In finanzieller Hinsicht schonen digitale Ressourcen das Budget der Eltern, auf pädagogischer Seite helfen sie Lehrern dabei, den Workflow und ihre Methoden zu verbessern“, fasst Kamil Śliwowski zusammen, Mitglied von Creative Commons Polska. Außerdem würden die kostenlosen CC-Materialien an Schulen für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen, nicht nur in finanzieller Hinsicht: E-Bücher ermöglichen Menschen mit Behinderung mehr Chancen und Teilhabe, vor allem wenn sie den Standards der Barrierefreiheit entsprechen. Schülerinnen und Schüler müssten außerdem nur noch leichte Tablets in die Schule tragen, nicht mehr einige Kilogramm schwere Schultaschen. Nicht zuletzt ließen sich die Inhalte der digitalen Schulbücher stetig aktualisieren und bearbeiten – und von überall abrufen. 

Polen wird zum OER-Pionier 

Im Jahr 2012 wagte die polnische Regierung das Experiment: Insgesamt flossen fast 30 Millionen Euro in das Programm „Digitale Schule“, darunter 13 Millionen Euro in die Erstellung der E-Bücher unter CC-Lizenz, die laut nationalem Bildungsplan an allen Primär- und Sekundärschulen verwendet werden dürfen. Der Rest wurde vor allem in die technische Ausstattung der Schulen und die Lehrerweiterbildungen investiert. 

Die polnische Regierung ließ den Auftrag zur Erstellung der E-Bücher öffentlich ausschreiben. Vier Institutionen kamen zum Zug: Die Education Group S.A. erstellte Inhalte für die Früherziehung, die Universität Breslau kümmerte sich um geisteswissenschaftliche Fächer, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Naturwissenschaftlichen Universität Breslau verfassten naturwissenschaftliche E-Bücher und an der TU Łódź befasste man sich mit Mathematik und Informationstechnologie. Heute können die digitalen Ressourcen unter anderem auf http://www.scholaris.pl/ und http://www.epodreczniki.pl/ abgerufen werden.  

Kritische Stimmen von den Schulbuchverlagen 

Doch von Anfang an wurde das Projekt auch von viel Kritik begleitet, vor allem von Seiten der polnischen Schulbuchverlage. Diese fühlten sich von der digitalen Initiative bedroht und fürchteten um ihre Vorrangstellung auf dem Schulbuchmarkt. Bisher hatten schließlich die Lehrenden entschieden, mit welchem Papierbuch sie arbeiten wollten – Eltern mussten dieses dann beim Verlag bezahlen. Mit den kostenlosen digitalen Schulbüchern sahen die klassischen Verlage ihr sicheres Geschäft schwinden. Die Verlage boykottierten das Programm und beteiligten sich gar nicht erst an der Regierungsausschreibung.                                                                                                                            

Ihre Argumentation: Bei der Finanzierung von kostenlosen Unterrichtsmaterialien handle es sich um „unfairen Wettbewerb“. Die Verleger beschwerten sich sogar bei der Europäischen Kommission. In einem Brief an José Manuel Barroso beschuldigten sie den polnischen Staat, mit Hilfe des Programms zum Schulbuch-Monopolisten werden zu wollen. Die Europäische Kommission wies die Anschuldigungen jedoch zurück – in Zeiten der digitalen Transformation sei es unausweichlich, dass neue Technologien bestehende Systeme herausfordern würden. 

Estland wird zum Vorbild 

Mittlerweile hat sich der Konflikt wieder etwas beruhigt: Nach dem ersten Schock über das kostenlose Schulbuch haben sich nun auch Polens Schulbuchverlage auf eine Doppelstrategie verlegt. Mehr und mehr bieten auch sie digitale Schulbücher an, außerdem Übungen und Lernspiele im Internet. Die klassischen Schulbücher auf Papier sind noch im Programm, allerdings oft mit zusätzlichen Übungen und Tests im Internet. Die Produzenten der CC-Bücher betonen wiederum, dass ihre Unterrichtsmaterialien papierne Bücher nicht ersetzen, sondern nur ergänzen sollen. 

Und was hat sich seit dem Pilot-Projekt „Digitale Schule“ in Polen ansonsten getan? Heute könne er in Polen keine kohärente bildungspolitische Strategie mehr erkennen, sagt CC-Experte Kamil Śliwowski. „Riesige Investitionen in die IT-Ausstattung an Schulen wurden nicht kombiniert mit dem Ausbau der Breitbandverbindung“, kritisiert er. Auch die Lehrenden seien nicht ausreichend darauf vorbereitet worden, wie sie die teure Ausstattung überhaupt nutzen könnten. Er wünscht sich eine umfassende Digitalisierungsstrategie für das polnische Bildungssystem – am besten nach dem Vorbild Estlands.    

Text: Anja Reiter