Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit

Teil 13: in Südafrika

Südafrikas Schulsystem ist von Ungleichheit geprägt. Kann die Digitalisierung dabei helfen, Bildungschancen fairer zu verteilen?

Es liegen Welten zwischen zwei Schülerleben in Südafrika: Während sich in der Provinz Westkap reiche Privatschulen Kricketfelder leisten, haben manche Schulen in Ostkap keine Stromversorgung oder kein fließendes Wasser. Die Unterschiede wirken sich auch auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler aus: Der Abstand zwischen den Testergebnissen an Top-Schulen und dem Rest ist größer als fast überall sonst auf der Welt.

Ein Land, zwei Welten

Um Südafrikas Herausforderungen in der Bildungspolitik zu verstehen, ist ein Blick in die ungleiche Struktur der Gesellschaft notwendig. Der Weltbank zufolge ist die Einkommensverteilung in Südafrika so ungleich wie kaum anderswo in der Welt. Die ärmsten 20 Prozent der südafrikanischen Bevölkerung konsumieren weniger als drei Prozent der gesamten Ausgaben, während die reichsten 20 Prozent für 65 Prozent des Konsums verantwortlich sind. 31 Prozent der Bevölkerung muss mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen – und lebt damit in Armut.

Zugleich ist Südafrika aber auch die fortschrittlichste und leistungsstärkste Wirtschaft des afrikanischen Kontinents, mit guter Infrastruktur und vielen Bodenschätzen. Von Südafrikas relativer wirtschaftlicher Stärke profitieren jedoch nur ein kleiner, vorwiegend weißer Anteil der Bevölkerung und die schwarze Oberschicht. Insbesondere die ländlichen Gebiete und die armen Vorstädte ähneln hingegen Entwicklungsländern.

Die Apartheid hat Spuren hinterlassen

Die Ungleichheit resultiert aus der Apartheid. Bis 1994 wurden Weiße in Südafrika privilegiert. Auch die Bildung war von der Apartheidpolitik betroffen: Der Bantu Education Act aus dem Jahr 1953 stellte sicher, dass Weiße eine bessere Bildung genießen als Schwarze. Zwar verbannte Nelson Mandela 1994 die Rassentrennung an den Schulen – und ließ Schulen in armen Gegenden mehr staatliche Förderung zukommen. Doch die Apartheidpolitik hat dennoch Spuren an den Schulen hinterlassen. Die Digitalisierung soll nun die Gesellschaft insgesamt wieder mehr zusammenbringen und Bildungschancen gerechter verteilen. „Die Digitalisierung hat das Potenzial, soziale Ungleichheiten zu verringern“, sagt Lydia Mbati vom Institut für Open and Distance Learning an der University of South Africa.

Bildungsgerechtigkeit durch Digitalisierung?

Der Gedanke: Tablets, Laptops, und E-Learning sollen sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern den Zugang zu mehr Bildung und damit mehr Chancen gewährleisten. Durch mobiles Lernen und Distance-Learning soll Top-Unterricht auch in armen, ländlichen – und mehrheitlich „schwarzen“ Gegenden möglich werden. Unterschiedliche Initiativen und Projekte versuchen mit Hilfe digitaler Mittel Bildung in abgelegene und benachteiligte Dörfer auf dem Land zu bringen. Das prämierte Ligbron E-Learning-System etwa ermöglicht armen Schulen die Vernetzung mit hoch-qualifizierten Lehrenden für Mathematik und Naturwissenschaften.

Ländliche Schulen werden mit Top-Lehrern vernetzt

Das System funktioniert folgendermaßen: Smart-Boards und Computer an den teilnehmenden Schulen sind mit den Computern der Lehrenden in der Stadt Ermelo verbunden. Während der Unterrichtsstunden können die Schülerinnen und Schüler mit den Lehrenden in der Ferne kommunizieren – über Video- und Audio-Equipment und das interaktive Smart-Board.

Schon 2007 wurde das System von der Ligbron Academy of Technology entwickelt, und ist seither in vielen Schulen der Provinz im Einsatz. Laut lokalen Medienberichten führte der Einsatz des E-Learning-Systems zu einem dramatischen Anstieg der Erfolgsquote der Schülerinnen und Schüler: Bestanden 2009 nur 38,3 Prozent an der Umzimvelo Secondary School in Mpumalanga die Abschlussprüfung, waren es 2016 schon 94,5 Prozent.

Infrastruktur muss sich verbessern

Einstweilen müssen sich die Digitalisierungsoffensiven aber mit den lokalen Gegebenheiten arrangieren. Das Startup „Rethink Education“ aus Kapstadt hat eine erfolgreiche Lern-App für Mathe und Naturwissenschaften entwickelt. Die Beliebtheit der App in Südafrika erklärt man sich dort folgendermaßen: Weil es sich bei der Anwendung um eine Web-App handelt, sind keine Downloads oder Updates erforderlich. So müssen Teenager beim Konsumieren von Lernvideos, Bildern und Fotos weniger Kompromisse eingehen.

Die Herausforderungen für die Digitalisierung der Bildung sind in Südafrika andere als in der westlichen Hemisphäre. Schulen in armen Gegenden, die mit Tablets und Laptops ausgestattet werden, müssen von Sicherheitskräften bewacht werden. Vielerorts ist die technische Infrastruktur sehr schlecht. Wo es nicht einmal fließendes Wasser gibt, findet man auch selten schnelles Breitband-Internet.

Viele Südafrikaner mit geringem Einkommen besitzen außerdem nur einfache Mobiltelefone mit Prepaid-Tarifen – keine Smartphones mit Internet-Flatrate. „Nur wenn diese Probleme angegangen werden, kann Digitalisierung zu mehr Gleichheit führen“, sagt die Wissenschaftlerin Mbati.

Text: Anja Reiter