Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit (Teil 2)

Teil 2: in Finnland

Seit Herbst 2016 ist in Finnland ein neuer Lehrplan im Einsatz. Neben Behörden und Politikern arbeiteten Lehrer, Forscher, Kommunen und Schulen Seite an Seite an dem neuen Curriculum. Im Zentrum der Erneuerungen steht das digitale Lernen. Wie sieht sie aus – die radikale Reform, derentwegen alle Welt mal wieder neugierig nach Finnland blickt?

Rückblick: Ein schwächelnder Musterschüler

Seit der ersten Pisa-Studie 2000 gilt Finnland als Bildungswunderland. Scharen von internationalen Bildungsexperten, Schulleitern und Politikern pilgerten vor allem in den Pisa-Anfangsjahren in den Norden, um von den Finnen als Bildungs-Europameister zu lernen. Doch irgendwann strauchelte der Pisa-Vorzeigeschüler: Zwischen 2006 und 2012 fiel Finnland in der Kategorie „Mathematik“ von Platz 2 auf Platz 12.

Schulreform: Digitalisierung als Kernelement

Weil Finnland sein Image als Bildungseuropameister aufrechterhalten will, machten sich die Finnen Gedanken um eine Reform. „Wir können die Schule nicht als Museum bewahren“, sagt Pasi Silander, der die Reform als Projektleiter des Digitalisierungsprogramms mitgestaltet hat. Oberstes Ziel: die Schule konsequent vom Lernprozess des Schülers her zu denken.
Dabei helfen soll der kluge Einsatz von digitalen Medien. Bisher zählte Finnland zu den Schlusslichtern des digitalen Lernens: Nur 18,2 Prozent der finnischen Schüler nutzten laut EU-Kommission Informationstechnologien in der Klasse oder für Projekte, weit hinter dem EU-Durchschnitt von 34 Prozent. 

Das soll sich nun ändern. Geht es nach den finnischen Reformern, zählen im 21. Jahrhundert andere Fähigkeiten als bisher. Statt Fakten auswendig zu kennen, sei heute erfolgreich, wer selbstständig Informationen zu einem bestimmten Thema recherchieren und einordnen kann. „Phenomenon-based learning“ nennen die Finnen diese Idee. Mit Hilfe von Laptops und Tablets, aber auch Zeitungen und eigenen Experimenten sollen Schüler in der Schule Fähigkeiten erlernen, die sie später auch in der Berufswelt brauchen können: Informationen beschaffen, einordnen und analysieren.
Vom passiven Zuhörer werden die Schüler so zu Produzenten. Fächerübergreifend recherchieren sie über Phänomene wie den Klimawandel, die Flüchtlingsproblematik oder die Europäische Union. „Die Rolle der Lehrer ist es nicht mehr länger, Informationen bereitzustellen, denn dafür gibt es genügend andere Quellen“, sagt Salander. „Sie sollen stattdessen die Schüler inspirieren und begleiten.“
Für die Reform finanzierten die Behörden großzügig den Kauf von Laptops, Tablets und Software und investieren in Forschung und Lehrerweiterbildung im Bereich der Digitalisierung. Bisher nutzten Lehrer zwar selbst Informations- und Kommunikationstechnologien, waren aber nicht mit deren Einsatz im Unterricht vertraut. 300 Millionen Euro soll die Reform insgesamt gekostet haben.

Von der Vorschule bis in die Sekundarstufe

Die Digitalisierung des Lernens umfasst in Finnland alle Schulstufen. Forscher entwickeln in Zusammenarbeit mit der Spieleindustrie Computerspiele, in denen Kleinkinder auf spielerische Art lernen – im Rahmen des sogenannten Playful Learning Center (PLC) der Universität Helsinki.
In der Grundschule erlaubt es der neue Lehrplan, als Schulanfänger das Schreiben sogleich auf der Computer-Tastatur zu trainieren. Ältere Schüler können Geodaten im Unterricht nutzen, um Geografie erlebbar zu machen. Und Wilma, das digitale Klassenbuch, ist sowieso in allen Altersklassen im Einsatz: Eltern, Schüler und Lehrer können über Wilma bequem kommunizieren, Noten checken und Krankenstände verfolgen.

Pilotschulen in Helsinki

Zusätzlich werden in auserwählten Pilotschulen neue Typen des digitalen Lernens erprobt. In Helsinki gibt es Schulen, die mit ePortfolios experimentieren, einer Art elektronischen Schultasche, in der Schüler ihren Lernprozess und Fortschritte sichtbar machen.
Andere Schulen verzichten gänzlich auf gedruckte Schulbücher und arbeiten ausschließlich mit elektronischen Lehrmaterialen: E-Books, Animationen, Videos, Simulationen und Multimedia-Präsentationen. Was davon landesweit in die Tat umgesetzt wird, steht heute noch nicht fest. „Mit Hilfe dieser Pilotschulen versuchen wir die besten Projekte zu identifizieren“, sagt Silander.

Skepsis aus dem Ausland

„Finnland schafft die Schreibschrift ab!“, „Finnland will Schulfächer abschaffen!“ – solche Schlagzeilen waren in den letzten Monaten in internationalen Medien über die finnische Schulreform zu lesen. Wahr ist: Abgeschafft werden die Schulfächer nicht, die Schulreform sorgt lediglich für mehr fächerübergreifende Projekte. Und natürlich können finnische Schüler weiterhin mit der Hand schreiben. Die schnörkelige Schreibschrift ist aber nicht mehr zwingend.
In Finnland selbst werden die Reformen entspannter aufgenommen als im Ausland. Angst vor der digitalen Blase in der Schule hat hier kaum jemand. Das Vertrauen in Lehrer und Schulen ist grundsätzlich hoch. Hier gilt das Credo: Abwarten! Die nächste Pisa-Studie kommt bestimmt. 


Text: Anja Reiter


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