Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit (Teil 3)

Teil 3: in Australien

Aus Australien kommen frische Architekturideen: Die Zeiten des „industrialisierten Klassenzimmers“ sind dort vorbei – auch wegen der Digitalisierung.

Rechteckige Klassenzimmer mit Tischreihen, einem Lehrerpult und einer Tafel? Computerräume voller Stand-PC? Geht es nach Stephen Harris, soll diese traditionelle Schulgestaltung weitgehend der Vergangenheit angehören. Der australische Schulleiter und Reformer läutet ein Umdenken ein: In Zeiten der Digitalisierung müssten sich Schulen auch auf eine neuartige Raumgestaltung einlassen, die auf die veränderte Welt reagiert. Um seine Vision umzusetzen, schuf Stephen Harris das Sydney Centre for Innovation in Learning. 

Das Team entwickelte die Pläne für ein neues Schulgebäude, das den Herausforderungen der Digitalisierung gerecht werden soll. Im Januar 2010 eröffnete das neue Gebäude der Northern Beaches Christian School (NBCS) in der Nähe von Sydney, das als Modell für Schulen weltweit gelten soll. „Raum hat enormen Einfluss darauf, wie wir fühlen und denken“, sagt Stephen Harris. Für das architektonische Konzept gewann die Schule bereits mehrere Preise, etwa den 2016 NSW Milo Dunphy Award for Sustainable Architecture. Doch wie sieht sie aus – die Schule des digitalen Zeitalters?

Bring your own device

Das neue Gebäude soll die Lücke schließen zwischen Pädagogik, Technologie und Architektur. Die Prämisse: Neue Technologien müssen im 21. Jahrhundert zur Alltagserfahrung von Schülern gehören. „Wir wollen dass unsere Schüler in der NBCS reale Erfahrungen mit Technologie machen“, sagt Anne Knock, Director of Development am Sydney Center for Innovation in Learning. Laptops und Mobiltelefone werden deshalb nicht verbannt. Jedes Kind bringt sein eigenes Gerät von zu Hause mit (Bring Your Own Device). Im ganzen NBCS-Gebäude verteilt gibt es feste und mobile Computerzugänge und ein robustes WLAN-Netzwerk für die 1.200 Schüler.

Mit diesem mobilen und flexiblen Ansatz richtet sich Harris klar gegen die traditionellen „Computerräume“, wie sie häufig auch noch in Deutschland zu finden sind: ein Raum voller Computer, der von der ganzen Schule genutzt wird. In Deutschland wird laut der Studie ICILS 2013 weniger als die Hälfte der Schüler mit transportablen Computern unterrichtet. Eigene Geräte nutzen nur 18 Prozent der Schüler – in Australien sind es hingegen 53 Prozent. Australische Schulen sind auch im internationalen Vergleich gut mit digitaler Technik ausgestattet. Weniger als zwei Schüler teilen sich in Australien einen Computer. Zum Vergleich: In Deutschland kommen etwa 11,5 Schüler auf ein Gerät.

Lerninseln statt Klassenzimmer

Der digitale Ansatz spiegelt sich auch in der Architektonik der NBCS wider: In Zeiten der Digitalisierung müsse der Lehrer nicht mehr in einem geschlossenen Klassenzimmer standardisierten Unterricht für zwanzig bis dreißig Kinder machen, finden die Australier. Traditionelle Klassenräume sucht man an der NBCS deshalb vergeblich. Stattdessen haben die Architekten auf eine offene Lernlandschaft mit Lerninseln und Lernecken gesetzt. Schüler unterschiedlichen Alters erarbeiten sich hier mit Hilfe ihrer Laptops und Tablets den Lernstoff selbstständig oder in Gruppen. Die anwesenden Lehrer an der NBCS motivieren, geben Feedback und Hilfestellungen.

Lernen dürfen die Schüler, wo immer sie wollen – egal ob drinnen oder draußen. Flexible Sitzmöglichkeiten außerhalb des Schulgebäudes ermöglichen freies Lernen und die Interaktion mit der Umgebung. „Wir glauben, dass ein innovatives Lernumfeld neue Wege des Lernens ermöglicht – in einer Form, die in einem geschlossenen Klassenzimmer nicht möglich ist“, sagt Anne Knock.

Flexible Raumgestaltung

Betritt man das Gebäude, sieht man zuallererst den sogenannten Brainforest, eingerichtet mit Würfeln zum Sitzen, die wie große Pixel aussehen. Die Intention der Würfel ist: „Fun, Function, Flexibility“. Andere Bereiche haben so verspielte Namen wie Parklands, Glasshouse, Sandpit oder Loft. Damit es auch während der Gruppenarbeiten in dem offenen Gebäude leise bleibt, war ein Sounddesigner beim Bau des Gebäudes involviert. Die flexible Nutzung der Möbel war bei der Planung des Gebäudes besonders wichtig. Die Tische an der Schule sind flexibel zu gruppieren. Sie sollen zur Zusammenarbeit und Diskussion ermutigen.

Digitale Lernplattformen

Der Raum zum Lernen wird an der NBCS auch ins Digitale erweitert: In einer Art virtuellen Klassenzimmer können Schüler Bildung auch im digitalen Raum  erleben und sich neue Inhalte aneignen. In Australien ist dieser Ansatz schon fast gewöhnlich: 77 Prozent der australischen Schüler sind mit Lernplattformen vertraut und nutzen sie regelmäßig. In Deutschland nutzen nur acht Prozent der Schüler sogenannte Lern-Management-Systeme.

Die deutsche Skepsis versteht man in Australien nicht. „Technologie ist in mancher Hinsicht wie Elektrizität“, sagt Anne Knock. „Früher waren die Menschen beeindruckt von elektrischem Licht und dessen Möglichkeiten. Heute setzen wir es einfach voraus.“



Text: Anja Reiter