Lehrer zeigt Schüler etwas am Tablet. (Bild: www.shutterstock.de/goodluz)

Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit

Teil 3: In Tschechien

Tschechien ist überraschender Gewinner einer internationalen Vergleichsstudie zu Computerkompetenzen von Schülern. Was ist bloß das Geheimnis der Tschechen?

Die Überraschung war groß: Die tschechischen Schüler sind Spitzenreiter im  Umgang mit Computern und dem Internet, noch vor Kanada, Finnland oder Australien. Das steht seit 2014 fest: Damals wurden die Ergebnisse der International Computer and Information Literacy Study (ICILS) veröffentlicht – einer Studie des unabhängigen internationalen Verbunds wissenschaftlicher Institutionen für Bildungsforschung IEA. Für die Studie wurden Achtklässler in 19 Ländern unter die Lupe genommen – von Deutschland über Korea bis nach Kanada. Verglichen  wurden nicht nur die computer- und informationsbezogenen Kompetenzen der Schüler, sondern auch die schulischen und außerschulischen Rahmenbedingungen. 

Sogar die Tschechen selbst können ihren Erfolg kaum glauben. „Aus der Forschung wissen wir nicht exakt, warum die Ergebnisse der tschechischen Schüler so exzellent waren“, sagt Ondřej Neumajer, tschechischer Digitalisierungsexperte und Schul-Berater. Mittlerweile ist ein wenig Zeit verstrichen und Bildungsforscher weltweit haben sich mit der Frage nach dem tschechischen Erfolgsgeheimnis beschäftigt. Was macht das tschechische Schulsystem also bloß so besonders innovativ?

Nationaler Rahmenplan und verlässliche Kontrolle

Der Erfolg Tschechiens hat gleich mehrere Gründe. Im Unterschied zu Deutschland hat Tschechien schon 2007 einen nationalen Rahmenplan verabschiedet, der regelt, wie moderne Informationstechnologien an Schulen einzusetzen sind. An allen Schulen und Schulformen muss demnach ein Schulprogramm entwickelt werden, das sich an diesem Rahmenplan orientiert. Der Rahmenplan sichert, dass digitale Medien in schulische Lehr- und Lernprozesse verankert werden – sowohl in den unterschiedlichsten Fächern als auch in einem eigenen Schulfach. Hierfür wurde auch eine Mindeststundenzahl definiert. Eine Schulinspektion kontrolliert regelmäßig, ob das, was theoretisch festgeschrieben ist, praktisch auch umgesetzt und gelebt wird.

In Deutschland ist die Lage freilich anders. Der Bildungsföderalismus hierzulande macht eine gesamtstaatliche Lösung wie in Tschechien schwierig. Zumindest in einigen Bundesländern ist in punkto ICILS aber Aufbruchstimmung zu spüren: Schleswig-Holstein hat die digitale Bildung als eines der Kernthemen in der Schulpolitik ausgerufen. Und Nordrhein-Westfalen hat sich das Thema in der Lehrerausbildung vorgeknöpft.

Geringe Leistungsunterschiede

Doch noch sind die Unterschiede groß in Deutschland – das beweist nicht zuletzt auch die große Spannweite der Computer-Leistungen deutscher Schüler in der Studie. Nur an den Gymnasien sind die Leistungsunterschiede laut ICILS gering, in anderen Schulformen unterscheiden sich die Kenntnisse der Schüler stark. Tschechien hingegen verzeichnet nur eine geringe Leistungsstreuung. Die Kombination eines einheitlichen Rahmenplans und der externen Evaluierung scheint also auch in punkto Bildungsgerechtigkeit zu fruchten. Während in Deutschland oft die Initiative einzelner besonders engagierter Lehrer zählt, ist der Einsatz moderner Informationstechnologien in Tschechien eben nationale Bildungsangelegenheit. 

Bildungsgerechtigkeit wirkt in Tschechien auch zwischen Jungen und Mädchen. In Tschechien sind die Unterschiede zwischen den Kompetenzen von Mädchen und Jungen vergleichsweise gering. In Deutschland schätzt nur ein Drittel der Mädchen seine Leistungen als fortgeschritten und hoch sein, während sich 63 Prozent der Jungen als fortgeschritten einstufen.

Qualität statt Quantität

Auch was die Qualität und die Wartung der technischen Ausstattung angeht, ist Tschechien gut versorgt. Nur an 2,8 Prozent der Schulen in Tschechien wurde laut der Studie eine nicht ausreichende Bandbreite des Internetanschlusses wahrgenommen. In Deutschland stimmt mehr als ein Fünftel der Lehrer der Aussage zu, dass es nicht genügend technische Unterstützung bei der Wartung der IT-Ausstattung gibt; in der Tschechischen Republik beklagen sich hingegen nur 2,7 Prozent.

Noch eine Lehre lässt sich aus dem Blick nach Tschechien ziehen: Es kommt nicht auf die Häufigkeit des Technikeinsatzes in der Schule an, sondern auf die Qualität der Nutzung digitaler Medien – also die pädagogische und didaktische Einbindung. Denn was die quantitative Häufigkeit angeht, rangiert die Tschechische Republik auf den hinteren Plätzen. 

In Tschechien bastelt man einstweilen schon an den nächsten Maßnahmen. Die tschechische Regierung investiert in den nächsten Jahren sieben Milliarden Kronen (also knapp 260 Millionen Euro), um digitale Kompetenz bis 2020 zu fördern. „Das ist Teil unserer Reaktion auf die neue weltweite Agenda“, sagt Ondřej Neumajer, der die Arbeitsgruppe zur Entwicklung der digitalen Lernstrategie 2020 leitete. Die tschechischen Schüler wolle man schließlich auf ihre Zukunft in der veränderten Arbeitswelt vorbereiten – auf ihre künftigen Jobs in Smart Cities und der vernetzten Industrie. Auf jene Industrie 4.0 also, deren Grundzüge ausgerechnet in Deutschland erfunden wurden.

Text: Anja Reiter