Mit Tablet im Unterricht. (Bild: www.shutterstock.com/racorn)

Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit

Teil 5: In Dänemark

Dänemark gilt als mutiger und experimentierfreudiger Vorreiter, was den Einsatz von digitaler Technik im Schulunterricht angeht. 2010 war Dänemark das erste Land der Welt, das seinen Schülern erlaubte, während der Abiturprüfung im Internet zu recherchieren. Beispielhaft für das fortschrittliche Dänemark im Bereich Bildung ist aber die Kommune Odder im Osten Jütlands. Die Geschichte der Kommune erzählt von den Erfolgen der Digitalisierung im Bildungswesen. Die Erkenntnisse aus dem Experiment zeigen aber auch ein paar kleine Irrwege auf.

Es war Anfang der 2010er-Jahre, als die Schulen in Odder gemeinsam einen Weg finden wollten, mit den Veränderungen in der Gesellschaft mitzuhalten. Die Strategie, für die sich Lehrer und Direktoren entschieden: die digitale Welt ins Klassenzimmer hineinholen.

Gesagt, getan: Alle 2000 Schüler der Kommune wurden 2011 mit Tablets ausgestattet. „Es war damals die komplette Lehrerschaft der Gemeinde einbezogen – etwa 200 Lehrkräfte“, sagt Isa Jahnke. Die Professorin an der University of Missouri-Columbia untersuchte und begleitete den Digitalisierungsprozess an den Schulen von Odder. „Ich war begeistert, wie Pädagogik sich veränderte“, erinnert sich die Expertin.

Das Experiment wird evaluiert

Ein Jahr nach dem Einzug der Tablets wurde das Experiment von Forschern der Universität Umeå in Schweden evaluiert. Laut der Universität waren sowohl Schüler als auch Lehrer durch die neuen Maßnahmen motivierter und engagierter. „Was wir gelernt haben ist: Nicht mehr nur die Lösung einer Aufgabe steht im Mittelpunkt“, sagt Jahnke, die den Prozess auch wissenschaftlich begleitete. „Die Schülerinnen und Schüler finden mit Lehrbuch und Tablet die richtige Lösung und erklären dann, welchen Weg sie zur Lösung genommen haben.“

Doch das ist nicht alles: Digitale Lernmethoden wie in Odder können Lehrern dabei helfen, Zeit zu sparen – sowohl in der Vorbereitung des Unterrichts, also auch beim Lehren selbst. In der gleichen Zeitspanne könne mithilfe der Digitalisierung mehr erreicht werden: Das zeigte eine Studie von Rambøll Management Consulting und der Boston Consulting Group, für die Tiefeninterviews mit dänischen Lehrern geführt wurden.

Lessons learned: Tablets weniger praktikabel

Doch auch einen kleinen Rückschlag musste die digitale Offensive einstecken: Der Einsatz von Tablets und Ipads hätte sich langfristig als nicht so vorteilhaft erwiesen, resümiert Jahnke. Die dänischen Lehrer – in der Gemeinde Odder, aber auch an anderen Schulen wie dem Ørestad-Gymnasium in Kopenhagen – wären zu folgendem Ergebnis gekommen: Gerade für höhere Klassen seien Tablets nicht praktikabel, weil man mit ihnen wegen der fehlenden Tastatur schlecht schreiben könne. Viele Schulen hätten daher entschieden: Tablets sind gut für die unteren Klassen, ansonsten seien Laptops aber nützlicher.

Auch medizinische Aspekte spielten bei dieser Entscheidung eine Rolle. „Uns wurde zum Beispiel berichtet, dass manche Kinder Probleme mit dem Nacken bekamen, weil sie sich zum Bildschirm des Tablets herunterbeugten“, sagt Isa Jahnke. Hier könnten Tastaturen helfen, aber auch eine Langzeitstudie sei notwendig, um mögliche Auswirkungen zu untersuchen.

Platz eins im Web Index

Noch eine Lehre wurde aus dem Experiment gezogen: Wer auf Digitalisierung setzt, muss auch die Rahmenbedingungen für einen komplikationsfreien digitalen Unterricht schaffen. An den Schulen in Dänemark gibt es überall freies W-LAN. Die Schülerinnen und Schüler können so überall online sein und in Gruppen oder an Projekten arbeiten.

In ganz Dänemark soll bis zum Jahr 2020 außerdem ein Breitbandnetz zur Verfügung stehen. Ziel ist eine Geschwindigkeit von 100 Mbit/s (Download) beziehungsweise 30 Mbit/s (Upload). Zum Vergleich: In der von der deutschen Regierung 2014 vorgelegten Digitalen Agenda 2014-2017 werden bis 2018 gerademal 50 Mbit/s angestrebt. Schon 2013 hatten 87 Prozent aller dänischen Haushalte einen Breitbandzugang. Nicht umsonst landete Dänemark beim Web Index der World Wide Web Foundation auf dem ersten Platz.

Pilotphasen wichtig zum Experimentieren

Isa Jahnke ist sich sicher: Was die Digitalisierung der Bildung angeht, könne Deutschland von den Dänen lernen, insbesondere von der Experimentierfreude. Sie berichtet: „Gibt es in Dänemark eine neue Technologie, wird sie gekauft und die Lehrer probieren sie aus.“ Die deutschen Lehrerinnen und Lehrer würden hingegen erst über Einsatzmöglichkeiten und Erfolgsaussichten Bescheid wissen wollen, bevor sie fremde Technik im Unterricht einsetzen. „Aber das ist paradox“, sagt Isa Jahnke, „erst wenn ich etwas einsetze, kann ich es mir aneignen. Erst in der Nutzung ergibt sich der Prozess der Praxis. Die Didaktik kann man nur ein Stückweit vorgenehmen.“

Isa Jahnke ist sich daher sicher: Eine Pilotphase sei wichtig, in der Lehrer auch Fehler machen dürfen und die neuen Produkte in der Gemeinschaft testen können. Die Lehrer im dänischen Odder hatten ein Jahr Zeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen, bevor dann alle Schüler mit den Tablets ausgestattet wurden. 


Text: Anja Reiter