Zwei Schülerinnen mit der österreichischen Bundesministerin für Bildung, Dr. Sonja Hammerschmid (Bild: BKA Bundespressedienst / Regina Aigner)

Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit

Teil 6: in Österreich

Im Herbst 2017 startet die Digitalisierungsoffensive Schule 4.0 des österreichischen Bildungsministeriums. Wie beurteilen Experten die Strategie?

Ein Klassenzimmer in Wien-Ottakring, zwei sprechende Socken flimmern über den Bildschirm eines Tablets. Sie reden keinen Wiener Dialekt, sondern plappern munteres Englisch. Die Schüler der Neuen Mittelschule (NMS) Koppstraße im 16. Wiener Gemeindebezirk üben mit den Sock Puppets englische Vokabeln und Dialoge.

So sieht moderner Unterricht ganz nach dem Geschmack der österreichischen Bildungsministerin Sonja Hammerschmid aus. In den nächsten Jahren möchte die Ministerin Österreichs Schulen radikal digitalisieren. Anfang des Jahres hat sie deshalb die fortschrittliche Schule in Wien-Ottakring als Ort für die Präsentation ihrer Digitalisierungsoffensive ausgewählt. Hier werden Schüler im Alter von elf bis 15 Jahren mit Tablets unterrichtet. So könne besser auf die unterschiedlichen Stärken und Schwächen, Hintergründe und Lernfortschritte der Schüler eingegangen werden.

Digitalisierungsstrategie mit vier Säulen

Von Wien-Ottakring aus soll der digitale Geist bald alle neun österreichischen Bundesländer erfassen: Ab dem Schuljahr 2017/18 wird die Medienbildung fester Bestandteil in allen österreichischen Pflichtschulen sein. Schulen wie die NMS Koppstraße, die heute schon den Einsatz von Tablets erproben, nennt Hammerschmid „Expert.Schulen“. Diese Pilotschulen sollen im kommenden Schuljahr ihr gesammeltes Know-how und ihre erarbeiteten didaktischen Konzepte österreichweit teilen.

Doch das Peer-to-Peer-Learning ist nicht alles. Die Strategie der Ministerin beruht auf vier Säulen: Erstens werden die Lehrpläne aller Bundesländer um digitale Bildung erweitert; zweitens sollen Lehrer über einen Lehrgang in digitaler Fachdidaktik weitergebildet werden; drittens sollen bis 2020 alle Schulen flächendeckend mit Breitbandinternet ausgestattet werden und viertens werden eigens Lernprogramme für den Unterricht entwickelt und in einer „Eduthek“ für alle Schulen zur Verfügung gestellt.

Digitale Grundbildung bereits in der Volksschule

Wie beurteilen Experten diese Pläne der Bildungsministerin? Dazu haben wir bei österreichischen Wissenschaftlern nachgefragt, die sich mit der Digitalisierung in der österreichischen Bildungslandschaft beschäftigen. Franz Fidler, Leiter des Studiengangs Digitale Medientechnologie an der FH St. Pölten, ist noch vorsichtig, was die Bewertung der neuen Strategie angeht. Schließlich müsse man noch die Implementierung der Maßnahmen abwarten, ehe man urteilen könne.

Einzelne Punkte will Fidler dennoch schon heute kommentieren. Dass digitale Grundbildung in Zukunft bereits in der Volksschule (Grundschule) stattfindet, ist für ihn längst überfällig. „Aus unserer Sicht könnte eine digitale Grundbildung in spielerischer Form noch früher, z. B. im Kindergarten, beginnen“, sagt Fidler. Schließlich zeigen Studien, etwa von Saferinternet.at, dass bis zu zehn Prozent der Drei- bis Sechsjährigen heute schon jeden Tag internetfähige Geräte nutzen. Eine altersadäquate Vermittlung von Medienkompetenz sei daher als Begleitmaßnahme absolut notwendig.

Generationen-Gap zwischen Schülern und Lehrern

Die Maßnahmen der Ministerin umfassen ab der Volksschulzeit die gesamte Bildungslaufbahn. Damit Schüler digitale Medienkompetenz erlernen können, müssen aber erst ihre Lehrer das Handwerkszeug der Digitalisierung beherrschen. Doch viele Jugendliche halten ihre Lehrer für nicht besonders fit, was den Umgang mit digitalen Technologien angeht. Das macht auch eine Studie der Bundesjugendvertretung (BJV) klar: 91 Prozent der Jugendlichen gaben in der Studie an, selbst geschickt mit Smartphones und Apps umgehen zu können. Zugleich wünschen sich 54 Prozent der Jugendlichen, ihre Lehrer hätten mehr Wissen über Internet und digitale Medien.

Für Franz Fidler, der selbst immer wieder Weiterbildungsseminare für Pädagogen gibt, ist dieser Generationen-Gap nicht verwunderlich. In seinen Seminaren sei unter den Lehrern häufig eine große Unsicherheit über die Sinnhaftigkeit des Einsatzes digitaler Technologien zu verspüren, bis hin zu Ängsten hinsichtlich der digitalisierten Zukunft. Auch dieser Punkt müsse in der geplanten Aus- und Weiterbildung der Pädagogen behandelt werden, um einen angstfreien Zugang zur Digitalisierung zu ermöglichen. „Ein Lehrer, der selbst noch große Unsicherheiten oder Ängste in Hinblick auf die Digitalisierung hat, tut sich natürlich schwer, den Umgang mit digitalen Technologien auch im positiven Kontext zu vermitteln“, sagt Fidler.

Mehr Reflexion statt Tools und Technik

Auch Sonja Gabriel von der Kirchlichen Pädagogische Hochschule Krems plädiert dafür, in der Aus- und Weiterbildung der Lehrer vermehrt auf Reflexion zu setzen, statt sich allein auf die Funktionsweisen neuer Technologien zu beschränken. „Es darf nicht darum gehen, das hundertste Tool für die Erstellung eines Quizzes kennen und bedienen zu lernen“, sagt Gabriel. Themen wie Cybermobbing, Datensicherheit oder Big Data müssten vermehrt in die Lehrerausbildung und später auch in den Klassenzimmern diskutiert werden. Darüber hinaus müsse den Lehrern aufgezeigt werden, wie man auf einem Gebiet Schritt hält, auf dem die Entwicklung derart rasch voranschreitet. Denn klar ist: Nur wenn Lehrer selbst von der Sinnhaftigkeit des Einsatzes von digitalen Medien im Unterricht überzeugt sind, werden auch die Schüler davon profitieren.

Wie sehr der Erfolg der Digitalisierungsstrategie mit dem Engagement einzelner Lehrer zusammenhängt, sieht man auch in der NMS Koppstraße. Hier hat Lehrer Ingo Stein bereits 2012 seine erste PC-Tablet-Klasse gestartet – und damit den Grundstein für die „Vorzeigeschule“ von heute gelegt. Ihm ging es damals vor allem darum, die vielseitigen Möglichkeiten der Tablets in den Schulalltag zu integrieren: interaktive Sprachlern-Programme, Mathe-Quiz-Duelle oder Coding. An seiner Schule werden heute nicht nur Englisch-Vokabeln mit dem Tablet gelernt, sondern auch die Mathe-Hausübung mit Audiokommentar an den Lehrer geschickt, damit dieser Denkfehler schneller nachvollziehen kann. Auch die Schulleitung ist sich heute sicher: Durch den Einsatz der Tablets sei individuelle Förderung möglich und die Schüler würden mehr Selbstständigkeit erlangen. Zugleich erlernen sie die für den Arbeitsmarkt immer wichtiger werdenden digitalen Medienkompetenzen.

Lehrer Stein experimentiert aber nicht nur an seiner eigenen Schule mit digitalen Medien im Unterricht, sondern gibt sein Wissen zugleich auch weiter. Er betreibt einen Blog und ein Vlog auf Youtube, wo er von seinen Erfahrungen aus dem Unterricht berichtet, damit auch andere Lehrer in ganz Österreich davon profitieren können – ganz im Sinne der Bildungsministerin.

Text: Anja Reiter