Digitalisierung und Bildung – Strategien Weltweit

Teil 7: in Russland

Die Digitalisierung soll die besten Bildungsangebote des Landes in die russische Peripherie tragen. Wie sieht russisches E-Learning aus?

Die Weite Russlands ist für die Bildungsgerechtigkeit eine große Herausforderung. Sieben Stunden fährt man im Winter von der sibirischen Industriestadt Prokopjewsk bis in die Universitätsstadt Tomsk. Im Gebiet Uljanowsk, tausend Kilometer östlich von Moskau, schaukelt kein Schulbus zwischen den Dörfern, sobald zu viel Schnee liegt. Fällt der Schulbus aus, fällt die Schule aus.

Während in Moskau und St. Petersburg vielfältige Bildungsangebote miteinander konkurrieren, ist in vielen abgelegenen Dörfern selbst der Zugang zur Pflichtschule schwierig. Das führt zu vielen Bildungsungerechtigkeiten. Dass am Ende ihrer Schulzeit alle russischen Schüler das sogenannte EGE (ein landesweites Staatsexamen) schreiben, um die Studienberechtigung für eine Universität zu erhalten, ist nur der Gipfel davon.

Distanzlernen für mehr Bildungsgerechtigkeit

Russische Bildungspolitiker sehen im E-Learning eine große Chance, um für mehr Bildungsgerechtigkeit im ganzen Land zu sorgen. Geht es nach den russischen E-Learning-Visionären, soll Schule stets nur wenige Klicks entfernt sein – egal ob am Schwarzen Meer oder in Sibirien. Kinder in entlegenen sibirischen Dörfern sollen davon genauso profitieren wie Leistungssportler, die häufig im Präsenzunterricht ausfallen oder Kinder mit Behinderung, die an der fehlenden Barrierefreiheit in vielen russischen Schulen scheitern.

Ihre Vision haben russische Bildungspolitiker in ein staatliches Programm gegossen, das viel politische Aufmerksamkeit und Unterstützung erfährt: Es nennt sich Rossijskaja elektronnaja schkola (Russländische elektronische Schule). Das Konzept: Besonders beliebte und erfolgreiche Lehrer (z.B. Lehrer des Jahres) zeichnen kurze Videosequenzen zu einem bestimmten Wissensgebiet auf – etwa das Sonnensystem oder französische Chansons. Der zehn- bis zwanzigminütige Vortrag wird von multimedialen Einspielungen untermalt. Schüler können diese Videos im ganzen Land abrufen.

Außerdem erstellen Schüler ein Profil in einem digitalen Bildungsportal, das ähnlich funktioniert wie ein soziales Netzwerk und die Bildungserfolge der Schüler aufzeichnet. Dort klicken sie sich durch die für ihre Jahrgangsstufe verpflichtenden Videos, beantworten Fragen und erledigen mit Hilfe des Portals ihre Hausaufgaben. Neue Videos werden erst freigeschaltet, wenn alle alten Aufgaben erledigt wurden. Diese Form, digital in die Schule „zu gehen“, ist als Ergänzung zum regulären Unterricht gedacht. In Ausnahmefällen, etwa bei Kindern mit Behinderung oder bei Spitzensportlern, ist es aber auch angedacht, eine rein digitale Ausbildung zu ermöglichen.

Kritiker plädieren für mehr Autonomie

Die Testphase der Rossijskaja elektronnaja schkola wurde im Herbst 2016 beendet, Ergebnisse oder Evaluationen des Projekts stehen jedoch noch nicht zur Verfügung. Allein in der Region Primorje, südöstlich am Pazifik gelegen, nahmen 30 Schulen, 1.325 Schüler und 347 Fachlehrer der fünften Klassen an der Testphase teil. Bald soll das Programm auf alle Jahrgangsstufen ausgeweitet werden.

Für einige Kritiker gehen diese Reformen jedoch nicht weit genug. Eine Gruppe aus Pädagogen, Wissenschaftlern und Journalisten rund um das Bildungsportal Edutainme hat ein Manifest verfasst, in dem die staatlichen Erneuerungen kritisiert werden. Es genüge nicht, das bestehende Schulsystem unverändert in die digitale Welt zu kopieren. Bildung müsse stattdessen im digitalen Zeitalter komplett neu gedacht werden, die Rolle des Lehrers revolutioniert und das Lernen mehr auf den individuellen Schüler zentriert werden. Die Autoren des Manifests halten wenig von großen staatlichen All-in-One-Lösungen. Stattdessen plädieren sie für mehr Flexibilität: Bürokratische Hürden für digitale Initiativen müssten beseitigt und einzelnen Schulen mehr Autonomie beim Experimentieren zugebilligt werden.

Die Online-Bildungsindustrie in Russland boomt

Ein weiteres Projekt, das etwas mehr in Richtung Individualisierung geht, ist Mobilnaja elektronnaja schkola (mobile elektronische Schule). Dabei handelt es sich um eine russlandweite Bildungscloud, in der digitale Unterrichtsmaterialien, Apps, Spiele und Videos zur Verfügung gestellt werden. Diese können im Unterricht oder zu Hause benutzt werden. Das Projekt Mobilnaja elektronnaja schkola ist Teil des Innovationszentrums Skolkowo, eine Art russisches Silicon Valley, und wird von Alexander Kondakow geleitet, einem bekannten russischen Bildungsaktivisten und Wissenschaftler.

Die mobile elektronische Schule ist derzeit an 270 Schulen implementiert, 23.500 Schüler nutzen die Cloud bereits. Der Schwerpunkt des Programmes, das ganze digitale Lehrmodule enthält, soll auf Individualisierung und Inklusion liegen. Auch ein Ausbildungsprogramm für Lehrer zur Nutzung der digitalen Ressourcen wurde aufgesetzt.

Doch auch abseits von staatlichen Programmen wächst der Markt für E-Learning und digitales Lernen. Unternehmen wie Intel oder Samsung entwickeln Tablets und digitale Schulbücher. Samsung hat sich mit dem russischen Schulbuchverlag Prosweschtschenije zusammengetan, um gemeinsam ein Bildungsportal für IT-Themen zu entwickeln. Um ein Viertel soll die Online-Bildungsindustrie in Russland pro Jahr weiter wachsen, prophezeite die russische Tageszeitung Kommersant kürzlich. Laut J’Son and Partners Consulting ist Russland heute schon für einen beachtlichen Teil des E-Learning-Kuchens verantwortlich: 162 Millionen Dollar beträgt das Marktvolumen des russischen E-Learning-Markts.

Hürden: Internetzugang und Stadt-Land-Gefälle

Doch auch für E-Learning gibt es freilich Hürden. Um mit elektronischen Hilfsmitteln aus der Ferne zu lernen, benötigt man einen funktionierenden Internetanschluss mit großer Bandbreite. Auch dabei ist ein Stadt-Land-Gefälle zu erkennen. Moskau liegt in seiner Internetnutzung weit über dem landesweiten Durchschnitt, während Menschen aus uralen Gegenden häufig viel weniger Erfahrung mit dem Internet und mit mobilen Endgeräten haben.

Doch die Durchdringung steigt: Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK (Gesellschaft für Konsumforschung e.V.) hatten 2015 in Russland 70 Prozent der Menschen einen Zugang zum Internet; 2010 betrug die Internetdurchdringung erst 37 Prozent. Laut einer Umfrage von Dnevnik.ru und Newtonew.com sind mittlerweile sogar 94 Prozent der russischen Schulen ans Internet angebunden. Nicht berücksichtigt wurde dabei aber, dass die Verbindung vielerorts nur über sehr geringe Bandbreiten verfügt und an vielen Schulen große Teile des Netzes gesperrt sind. Doch auch das soll sich dank eines föderalen Programms der Bildungsentwicklung bis 2020 ändern: Eine der sechs Säulen des Programms ist es, die technologische Entwicklung der Allgemeinbildung voranzutreiben, also auch in Infrastrukturmaßnahmen zu investieren. So sollen irgendwann auch die Schüler an der russischen Peripherie die gleichen Chancen wie alle haben.