Roboter Pepper (Bild: Pixabay)

Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit

Teil 8: in Japan

Japan gilt seit jeher als Land der Roboter. Inzwischen erobern die Menschmaschinen auch immer mehr japanische Klassenzimmer.

In Japan sind Roboter vielerorts nicht mehr wegzudenken: Was den Einsatz von Robotern in der Industrie angeht, steht Japan nach China und Korea weltweit auf Platz 3. Auch in Shoppingcentern, Bankfilialen, Krankenhäusern und Pflegeheimen kennt man die künstlichen Servicekräfte mittlerweile. Immer öfter trifft man Roboter nun aber auch in japanischen Klassenzimmern.

Professor Hidenobu Sumioka von der Universität Osaka leitet eine Forschungsgruppe, die den Einsatz von Roboter im schulischen Umfeld untersucht. Sein Team will herausfinden: Können sich Kinder besser konzentrieren, wenn ein Roboter sie beim Lernen unterstützt? Verbessern sich durch die technischen Helfer ihre Leistungen? Die WissenschaftlerInnen experimentierten dabei mit unterschiedlichen Typen von Robotern.

„Kuschel-Roboter“ Hugvie steigert die Aufmerksamkeit der Schüler

Hugvie heißt einer der Roboter, den die Wissenschaftler entwickelt und in Schulklassen getestet haben. Der Roboter, 75 Zentimeter groß und etwa 800 Gramm schwer, sieht aus wie eine menschenähnliche Puppe. Sie ist kuschelig wie ein Kissen und hat in ihrem Kopf ein Kommunikationsprogramm installiert. Darüber kann beispielsweise ein Lehrer den Schülern Texte vorlesen und Fragen beantworten. Während der Lehrer etwas erzählt, dürfen die Schüler mit Hugvie kuscheln.


Das Ergebnis des Versuchs: „Wenn die Schüler Hugvie im Arm halten, erinnern sie sich besser an die vorgelesenen Inhalte“, sagt Professor Hidenobu Sumioka. Der Grund: Auf diese Weise werde menschliche Nähe an die Kinder transportiert, glauben die Forscher, bis in die letzte Reihe einer Klasse. Das Gefühl der Nähe würde die Aufmerksamkeit steigern, heißt es in der Studie

In seiner Studie hätten vor allem jüngere Kinder von den Robotern profitiert, erklärt Sumioka. Ihre Aufmerksamkeit werde von den humanoiden Puppen besonders lange gefesselt. Unklar ist derzeit aber noch, ob sich der Effekt der Aufmerksamkeitssteigerung auch langfristig nachweisen lässt. „Vielleicht hat die Aufmerksamkeitssteigerung auch nur mit dem Neuigkeitseffekt der Technologie zu tun“, sagt Sumioka. Forschungsprojekte seien über einen längeren Zeitraum hinweg notwendig.   

Interaktiver Roboter Pepper assistiert im Unterricht

Hugvie ist nicht der einzige Roboter, mit dem die Japaner in Schulklassen experimentieren. Der Roboter Pepper der Konzerne SoftBank Robotics und Aldebaran zog letztes Jahr in eine Schule in Fukushima ein. Der humanoide Roboter wird als der „erste Roboter mit Emotionen“ angepriesen. Er ist darauf programmiert, Menschen und deren Emotionen, Mimik und Gestik zu analysieren und darauf zu reagieren. Pepper ist in etwa ein Meter zwanzig groß, besteht aus weißem Kunststoff und hat überproportional große Augen, die ihn niedlich wirken lassen.

Vorerst wurde Pepper vor allem als Serviceroboter in Verkaufsräumen eingesetzt. An Schulen soll er nun Kinder mit Kommunikationsschwierigkeiten dabei unterstützen, sich besser zu konzentrieren. Lehrenden hilft die interaktive Natur von Pepper dabei, Schüler mit besonderem Förderbedarf besser in den Unterricht zu integrieren. Seine Einsatzmöglichkeiten sin vielfältig: In den Musikstunden simuliert Pepper unterschiedliche Sound-Effekte und Rhythmus-Muster. Im Sprachunterricht trainiert er Vokabeln mit den SchülerInnen. Belastbare Studien zum Erfolg des Einsatzes von Pepper im Unterricht gibt es bisher aber noch nicht.

Roboter-Therapie für autistische Kinder

Japans Roboter-Enthusiasmus strahlt in der Zwischenzeit auch schon über die japanischen Grenzen hinweg: Der interaktive Roboter Nao, ebenfalls von SoftBank Robotics konstruiert, ist mittlerweile auch schon in Frankreich, Großbritannien und den USA im Einsatz. Dort unterstützt er Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen in ihrer mentalen Entwicklung. Dieser Therapieansatz baut darauf auf, dass autistische Kinder häufig leichter Beziehungen zu Dingen aufbauen können als zu Menschen.


Nao kann sprechen, seine Gliedmaßen bewegen und auf Sprache und Bewegungen reagieren. Der Vorteil für Menschen mit Autismus: Die Mimik von Nao ist für sie leichter zu entschlüsseln als die der meisten Mitmenschen, deren Gesichtsausdrücke meist flüchtig und zu komplex sind. Das macht die Interaktion mit Nao einfacher und besser vorhersehbar.

In der Therapie absolviert jedes Kind eine Art Nachahmungsspiel mit Nao. Der Auftrag: Das Kind soll die Bewegungen des Roboters imitieren – Verbeugung, Händeschütteln, Umarmung. Dieser spielerische Ansatz ermöglicht es Kindern mit Entwicklungsstörungen, angstfrei Motorik und Gleichgewichtssinn zu trainieren – Fähigkeiten, die bei autistischen Kindern häufig eingeschränkt sind. Wenn ein Kind die Pose schließlich korrekt imitiert hat, bekommt es ein Lob – vom Roboter.

Roboter beurteilen Fortschritte objektiv

Der Vorteil des Roboters gegenüber einem Menschen ist, dass er einfache Handlungen, Übungen und Spiele geduldig, beliebig oft und exakt gleich wiederholt – und so auch zur objektiven Beurteilung der Lernfortschritte des Kindes herangezogen werden kann. Hinter jedem dieser Roboter stehen aber immer auch menschliche PädagogInnen, Lehrkräfte und TherapeutInnen, die mitbestimmen, was der Roboter sagen oder tun soll. Denn bei den Sprach- und Interaktionsfähigkeiten stößt die Robotertechnik noch an Grenzen.

Was die Akzeptanz von Robotern angeht, ist Japan dem Rest der Welt weit voraus. Professor Sumioka ist sich sicher, dass die meisten Eltern, Lehrkräfte und Kinder den Einzug von Robotern in japanische Klassenzimmer begrüßen würden. Einige Lehrende hätten jedoch auch befürchtet, dass sie ihren Job an die Roboter verlieren würden. „Diese Ängste treten fast immer auf, wenn eine neue Technologie eingeführt wird“, sagt Sumioka. Die Furcht sei aber unbegründet: Schließlich würden die Roboter das japanische Lehr- und Therapiepersonal nicht ersetzen, sondern ergänzen und unterstützen.

Text: Anja Reiter