In Frankreich ist Programmieren Teil des Unterrichts – die Lehrenden müssen dafür selbst noch viel lernen. (Bild: Pixabay)

Digitalisierung und Bildung – Strategien weltweit

Teil 9: in Frankreich

Vor genau einem Jahr trat an französischen Schulen ein neuer Digitalisierungsplan in Kraft. Zeit, Resümee zu ziehen: Was hat sich in den Klassenzimmern seither verändert?

Plan Numérique pour l'Éducation: So lautet der Titel der Digitalisierungsstrategie für französische Schulen, die Ex-Präsident François Hollande im Mai 2015 präsentierte. Im September 2016 trat der Plan in Kraft, die ersten Schulen arbeiten seither nach den neuen Vorgaben. Bis 2019 soll die Strategie an allen Schulen umgesetzt werden. Das Ziel der digitalen Revolution in Frankreichs Klassenzimmer: Von der ersten bis zur letzten Schulstufe sollen digitale Inhalte im Unterricht vermittelt werden - vom Benutzen eines Computers bis zum Verständnis der Prozesse hinter der Hard- und Software.

Wir nutzen ein Schuljahr nach Inkrafttreten des Plans den Anlass, um uns die Situation an französischen Schulen näher anzuschauen: Wie wird der Plan an den Schulen umgesetzt und angenommen? Was denken die Lehrenden darüber? Und was sind die Konsequenzen für Schülerinnen und Schüler?

Informatik von der ersten bis zur letzten Klasse

Dazu ist ein Blick auf die konkreten Inhalte und die Ausmaße der Reform notwendig: Bis 2018 wird insgesamt 1 Milliarde Euro in die Lehrerfortbildung, die Bereitstellung pädagogischer Ressourcen und die Anschaffung neuer Computer investiert. Im vergangenen Schuljahr wurden bereits 223 Pilot-Mittelschulen (Collèges) und 375 Pilot-Grundschulen (Écoles Élémentaires) mit mobilen Geräten ausgestattet, also mit Tablets, hybriden Computern oder Laptops. Die Anschaffungen werden von den Departements und vom Staat finanziert. Bis 2018 sollen hundert Prozent aller sechsten und siebten Klassen mit digitalem Equipment ausgestattet sein.

Doch was ändert sich inhaltlich für Frankreichs Eleven? Informationstechnik und digitales Lernen soll sie künftig ihre gesamte Schullaufbahn begleiten. Laut dem neuen Plan haben nun bereits siebenjährige Schulanfänger der École Élémentaire die Möglichkeit, während der Mathematikstunden in Kontakt mit Computern und Software zu kommen. In den ersten Jahren ist es Schulen aber freigestellt, ob sie digitale Inhalte in den Unterricht einbauen wollen. 9- bis 12-jährige Grundschüler werden schließlich verpflichtend ins Programmieren eingeführt.

Auch im Literaturzweig wird künftig programmiert

Am Collège angekommen, müssen sich die 12- bis 15-Jährigen künftig mit dem neuen Themenblock Algorithmik und Programmieren auseinandersetzen. Am Ende des Collèges sollen alle Schülerinnen und Schüler dazu in der Lage sein, komplexe logische Probleme zu lösen und Programmierschleifen zu nutzen. Wechseln die Jugendlichen schließlich auf ein Lycée, haben sie die Option, das Fach Computing und digitale Kreation zu wählen, egal für welches Profil sie sich entschieden haben. Vor der Reform war diese Vertiefung nur dem naturwissenschaftlichen Zweig vorenthalten gewesen, nun dürfen auch Schüler mit einem Schwerpunkt auf Literatur oder Ökonomie die Vertiefung wählen.

Was halten Experten von den Neuerungen? Gilles Dowek ist Forscher am staatlichen Forschungsinsitut INRIA (Institut national de recherche en informatique et en automatique). Mit der Organisation La main à la pâte hat er das erste offizielle Schulbuch zum Programmieren entwickelt: "1, 2, 3 Let's Code". Das Schulbuch enthält Übungen, bei denen Schüler und Schülerinnen ein Programm schreiben müssen, um einen Charakter zu animieren oder um eine geheime Nachricht zu entschlüsseln.

Lehrende zu wenig vorbereitet auf Reform

Dowek begrüßt es, dass französische Schulen von nun an über die gesamte Schullaufbahn digitales Denken vermitteln. Denn Programmieren zu lernen, beinhalte eine besondere Weise zu denken, die wichtig für das spätere Berufsleben sei, egal in welche Laufbahn man einmal einsteige. "So wie nicht alle Schüler, die Französisch lernen, später Schriftsteller werden, müssen nicht alle, die Computerwissenschaften lernen, Ingenieure werden", sagt Dowek.

Das Programm der Regierung klingt in seinen Ohren sehr vielversprechend. Doch es gebe auch einige Lücken und Herausforderungen. An vorderster Stelle nennt er die Aus- und Weiterbildung des pädagogischen Personals, das die neuen Inhalte vermitteln soll. Denn bisher wurden Lehrer und Lehrerinnen nur zu einem geringen Teil auf ihre neue Aufgabe vorbereitet. "Die Vorkenntnisse der Lehrenden auf diesem Gebiet sind sehr unterschiedlich", sagt Dowek.

Zwar ist auch die Weiterbildung der Lehrpersonen Teil des Programms: Alle Lehrerinnen und Lehrer, die vom nationalen Digitalisierungsplan betroffen sind, müssen ein dreitägiges Training besuchen, in dem unter anderem digitales Projektmanagement und digitale Anwendungen im Unterricht thematisiert werden. Doch viele Lehrende betrachten ein solches dreitägiges Training als nicht ausreichend, um später im Klassenzimmer die neuen Inhalte zu lehren. Sie befürchten, dass ihre Schülerinnen und Schüler ihnen sogar einiges an Wissen voraushaben könnten.

Das französische Bildungsministerium hat diese Lücke erkannt. Sie stellt Lehrenden zusätzlich Online-Ressourcen zur Weiterbildung zur Verfügung: Auf Plattformen wie Code.org oder Myriaé können sich Lehrende im Bereich Informatik fortbilden. Auch einige französische Universitäten bieten Trainings an. Doch diese zusätzlichen Fortbildungen sind freiwillig und müssen in der Freizeit absolviert werden. Dieser Engpass führt dazu, dass der neue Lehrplan an vielen Schulen noch gar nicht umgesetzt werden kann. "Der verpflichtende Informatik-Unterricht in der Grundschule wird häufig nicht umgesetzt, weil qualifizierte Lehrende fehlen", sagt Forscher Dowek.

Frankreichs Digitalisierungsstrategie wird zentral gesteuert

Im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern sei in Frankreich der zentral gelenkte Ansatz der Bildungspolitik besonders, sagt Forscher Dowek. Während andere Länder mit ihren Digitalisierungsmaßnahmen klein gestartet hätten und dann gewachsen wären, müsste in Frankreich alles gleich auf nationaler Ebene geregelt werden. "Das macht es manchmal schwierig", sagt Dowek.

Bis die ambitionierte Digitalisierungsstrategie vollständig umgesetzt sein wird, bleibt noch einiges zu tun. Mit dem neuen Schuljahr müssen neue Klassen mit digitalem Equipment ausgestattet werden. Bis Ende des Jahres sollen 70 Prozent aller Siebtklässler versorgt sein - und auch ihre Lehrer müssen weiter fortgebildet werden. Den tatsächlichen Erfolg der Reform wird man wohl erst in einigen Jahren beurteilen können.

Text: Anja Reiter