Notenständer, Tablet, Mikro: Fertig ist die Vorrichtung von Tobias Raue, mit der schriftliche Korrekturen und Kommentare live aufgezeichnet werden können. (Bild: Tobias Raue)

Flipped Feedback – Korrekturen besser verstehen

Man bekommt seine Hausaufgaben zurück, alles ist rot markiert, aber man versteht nicht wirklich, was man falsch gemacht hat - diese frustrierende Erfahrung kennen die meisten Schülerinnen und Schüler. Die Methode des "Flipped Feedback" bietet Lehrkräften die Möglichkeit, ihre Rückmeldung ausführlich und personalisiert zu gestalten, wird bisher aber selten eingesetzt. Zwei Erfahrungsberichte.

Das Video des australischen Lehrers Joel Speranza wurde auf Twitter bekannt und inspirierte auch einige LehrerInnen in Deutschland, mit Flipped Feedback zu arbeiten.


Tobias Raue ist Lehrer für BWL und Geschäftsprozesse an den Kaufmännischen Schulen Rheine und berichtet in seinem Blog Trägheit der Klasse? über seine Erfahrungen mit digitalen Schulthemen.

 

Forum Bildung Digitalisierung: Was verstehen Sie überhaupt unter Flipped Feedback?

Tobias Raue: Auf das Thema Flipped Feedback bin durch einen Tweet gestoßen, in dem ein Kollege aus den USA berichtete, man könne das Prinzip des Flipped Classroom auch nutzen, um Schülerinnen und Schülern ein individuelles Feedback zu geben: Man filmt sich selbst beim Korrigieren und schickt den SchülerInnen dann diese Datei zu, statt die Schuldstunde für ein ausführliches Feedback zu nutzen. Das geht nicht nur schneller, als wenn ich schriftlich korrigieren würde, es ist auch sprachlich intensiver und verständlicher.

Forum Bildung Digitalisierung: Wie setzen Sie die Methode ein?

Tobias Raue: Das erste Mal habe ich Flipped Feedback eingesetzt, als die SchülerInnen meiner Klasse sehr viel Arbeit in eine Stellenanzeige gesteckt hatten und ich die Ergebnisse intensiv in einem persönlichen Feedback besprechen wollte, mir die gemeinsame Unterrichtszeit aber zu kostbar war. Also habe ich zu Hause ein keines Studio aufgebaut: Ich habe die Stellenanzeigen auf einem Notenständer fixiert, habe das Papier mit meiner Schreibtischlampe ausgeleuchtet und habe mein IPad auf einem Stativ an meinem Schreibtisch befestigt. Dann habe ich die Aufnahme gestartet und habe für jeden Schüler und jede Schülerin ein 1- bis 1:30-minütiges Video aufgenommen, in dem ich das Lernprodukt anhand eines vorher abgesprochenen Kriterienkatalogs kommentiert habe. Per Telegram wurde die Datei dann an die einzelnen SchülerInnen verschickt.

Forum Bildung Digitalisierung: Wie haben die SchülerInnen reagiert?

Tobias Raue: Sie fanden die Idee cool und haben die Videos als sehr hohe Wertschätzung ihrer Arbeit empfunden - viele haben direkt zurückgeschrieben oder Sprachnachrichten geschickt. Per Messanger konnten sie auch direkt Rückfragen stellen, die sie bei einer schriftlichen Korrektur wahrscheinlich erst am Ende der Schulstunde stellen würden. Der Vorteil daran war: Sie konnten das Feedback noch vor dem nächsten Zusammenkommen einarbeiten und in der nächsten Stunde war dann mehr Zeit, um thematisch weiterzudiskutieren. Ein Nachteil des Flipped Feedbacks ist aber, zumindest bei uns an der Schule, dass die SchülerInnen die Videos zu ihren Lernprodukten nicht lange aufrufen können - die Dateien nehmen zu viel Speicherplatz weg und müssen relativ schnell wieder gelöscht werden.


Nina Toller ist Lehrerin für Englisch, Geschichte und Latein an einem Gymnasium in NRW. Trotz technischer Widrigkeiten versucht sie, die digitale Medien in ihren Unterricht einzubinden. Darüber bloggt sie unter tollerunterricht.com.

 

Wie sind Sie auf die Methode des Flipped Feedback gekommen?

Ich habe eigentlich mit dem Flipped-Classroom-Prinzip experimentiert - also mit einer Methode, bei der der theoretische Teil des Wissenserwerbs aus dem Unterricht ausgelagert wird, meistens mithilfe von Erklärvideos. Nachdem ich einen australischen Lehrer gesehen habe, der sich beim Korrigieren der Schülerarbeiten selbst filmt, wollte ich so etwas auch ausprobieren. Meine Art des Feedbacks habe ich aber abgewandelt: Bei mir bekommen die SchülerInnen Audiokommentare zu ihren Lernprodukten. Das ist viel aussagekräftiger, als wenn ich beispielsweise in einem Englischaufsatz schriftlich nur ein „T“ für das falsche Tempus am Rand notiere und keinen Platz für weitere Korrekturen habe.  

Welche Tools benutzen Sie dafür?

Ich habe zum Beispiel meine Englisch-Leistungskursaufsätze online verfassen lassen – anonymisiert – direkt in Google Docs. Und da gibt es eine kostenlose Browsererweiterung, ein Add-on, das „Talk & Comment“ heißt. Das funktioniert so, dass ich statt schriftlicher Kommentarfunktion Sprachaufnahmen mache und markierte Abschnitte oder Wörter so kommentiere. Die SchülerInnen sehen dann an den Stellen ein kleines Mikrophonzeichen neben ihren Texten. Neben der Tatsache, dass das Feedback auf diese Weise ausführlicher ist, können die Lernenden so ihr Hörverstehen üben - ich spreche die Kommentare auf Englisch ein.

Was sind die Vor- und Nachteile der Methode? 

Ich spreche viel schneller als ich schreibe, daher ist diese Art des Flipped Feedback für mich eine Erleichterung. Unter anderem auch, weil ich nicht jedem Einzelnen etwas schicken oder Bescheid geben muss - wir haben in Google Docs die Benachrichtigung eingeschaltet, und die Lernenden werden automatisch informiert und ich auch, falls es Rückfragen gibt. Dass ich die Form der Sprachaufnahme statt des Videos gewählt habe, lag auch an der rechtlichen Grauzone rund um die Frage, auf welche Weise ein Video mit dem Lernprodukt der Schüler verschickt werden darf. Eine Form wie WhatsApp wäre hier die einfachste Variante, ist datenschutztechnisch aber schwierig. Hinzu kommt: Für jedes Bundesland gibt es andere Bestimmungen beziehungsweise Empfehlungen darüber, wie solche Anwendungen in der Schule benutzt werden dürfen - aber jeden Tag eine neue App. Das sollte man immer alles am besten sowohl mit Schülern, Eltern als auch der Schulleitung abklären.

In dem folgenden Erklärvideo zeigt uns Nina Toller, wie Sie Flipped Feedback mit Audiokommentar umsetzt: 


  • Wissenschaftliches zum Thema gibt es hier.
  • In Joel Speranzas Blog geht es neben Flipped Feedback noch um viele andere Themen rund um Schule und digitale Medien.
  • Wer sich generell für Flipped-Classroom-Konzepte interessiert, findet hier eine Auflistung unterschiedlichster Webseiten zum Thema.