Dr. Nils Weichert ist der neue Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung (Bild: Phil Dera / Forum Bildung Digitalisierung)

Mit Kaffee und Kollaboration für den digitalen Wandel

Nils Weichert ist der neue Vorstand im Forum Bildung Digitalisierung

Herr Weichert, seit dem 3. April sind Sie Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung e. V. Wie viel Kaffee haben Sie seitdem getrunken?

Mit der besten Kaffeemaschine und im angenehmsten Team der Stadt: zu viel!

Haben Sie eine Strategie, um sich einzuarbeiten und schnell einen Überblick über die Aktivitäten des Forums zu verschaffen?

Fragen, zuhören, lernen.

Neu im Forum heißt ja nicht, neu im Thema – was verbindet Sie mit der Bildung im digitalen Wandel?

Bildung und Digitalisierung stehen seit vielen Jahren im Mittelpunkt meiner Arbeit. Als Politikwissenschaftler haben mich vor allem die Themen Technikphilosophie und technologischer Fortschritt begeistert, weil es hier um die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch, Welt und Technik geht. Damit rücken Bildungs- oder Ethikfragen automatisch in den Vordergrund. Für mich ist hier der Begriff der Mündigkeit von zentraler Bedeutung. Wer mündig ist, übernimmt für sein eigenes Handeln Verantwortung und gestaltet mit. Dies gilt auch – und insbesondere – für den digitalen Raum.

Welches Thema in dem großen Komplex Bildung und Digitalisierung liegt Ihnen besonders am Herzen?

Das Thema „Open Education“ liegt mir sehr am Herzen. Unter dieser Überschrift lassen sich zahlreiche aktuelle Bildungsdiskussionen fassen. Im Kern geht es um zwei Grundbedingungen für Bildung unter den Bedingungen der Digitalisierung: Open Access und Open Educational Resources. Also den offenen, unbeschränkten Zugang zu Wissen und die Verfügbarkeit von kostenfreien, offen lizensierten Bildungsmaterialien.

Was bedeutet denn für Sie zeitgemäße Bildung?

Zeitgemäße Bildung steht in erster Linie für Freiraum. Das 20. Jahrhundert war gekennzeichnet von Bildungsplänen oder Unterrichtsplänen. Für Bildung in den heterogenen und vernetzten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts kann dieser Planungszwang nur noch bedingt Wirkung entfalten. Die Chiffre „zeitgemäße Bildung“ steht für ein offenes Verständnis von Bildung, dass Konventionen überwindet und neue Wege beschreitet.

Was wünschen Sie sich als kurz- und als langfristiges Ziel für unsere Schulen?

Gute Bildung mit digitalen Medien erfordert vor allem eine entsprechend gute Pädagogik. Kurzfristig wünsche ich mir daher für unsere Schulen vor allem ausreichend personale Ressourcen, um geeignete Schul- und Unterrichtskonzepte entwickeln zu können. Nur so können digitale Technologien dabei unterstützen, schulische Herausforderungen wie Bildungsgerechtigkeit, Integration oder Inklusion anzugehen.

Woran wollen Sie im Forum arbeiten, um Ihren Beitrag zur zeitgemäßen Bildung zu leisten?

Digitalisierung ist ein Schlagwort geworden, mit dem kein Ziel verbunden wird. Das ist gerade für den Bildungsbereich verhängnisvoll, weil Digitalisierung häufig mit Technisierung gleichsetzt wird. Dabei handelt es sich um einen komplexen kulturellen Wandlungsprozess der nur gelingen kann, wenn wir alle mit Leidenschaft an diesem Thema arbeiten. Diese Leidenschaft zu entfachen, den Diskurs zu gestalten und gemeinsam Ziele zu erarbeiten, auf die wir als Gesellschaft hinarbeiten wollen, ist eine Hauptaufgabe des Forum Bildung Digitalisierung.

Worin sehen die Stärke des Forums? Worin sehen Sie die Chancen des Netzwerks?

Wenn wir die Kerngedanken des sogenannten „digitalen Zeitalters“ ernst nehmen, dann sollten wir auch unsere Zusammenarbeit entsprechend gestalten: transparent und kollaborativ. Kollaboration geht weit über traditionelle Kooperation hinaus. Es wird zwar ebenfalls in der Gruppe zusammengearbeitet und natürlich findet Wissensaustausch statt. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass alle an einem gemeinsamen Ziel und einer gemeinsamen Vision arbeiten und der Beitrag des Einzelnen immanent wichtig für das Ergebnis ist. Darin liegt die Stärke des Forum Bildung Digitalisierung.

Was ist da das Ziel, das Sie antreibt?

Chancengerechte Bildung sicherstellen! Bildungserfolg darf nicht länger von der sozialen Herkunft abhängig sein. Oder davon, ob ich in der Stadt oder auf dem Land wohne. Für zentrale Herausforderungen der deutschen Bildungspolitik bieten digitale Medien große Potenziale. Hier wünsche ich mir einen chancenorientierten Diskurs und mehr Initiative.


Das Interview mit Dr. Nils Weichert führte Wiebke Volkmann.