Der Laptop wird an der ESG für die Teamarbeit genutzt - zwischen Lehrenden und Lernenden - bei der Unterrichtsvorbereitung und in den Fächern. (Bild: Tina Umlauf)

ESG GÜTERSLOH

Kooperation stärken – Lehrer entlasten

 

Auf den Tischen der Schülerinnen und Schüler liegt der Erzählband „Sommerhaus, später“. Im Deutschunterricht der elften Klasse steht heute klassische Textanalyse auf dem Stundenplan. Weniger klassisch ist allerdings die Aufgabenstellung. „Geht bitte zu ‚Sli-do‘ und beschreibt für unsere Umfrage die Ich-Erzählerin mit einem Wort“, fordert Deutschlehrer Hendrik Haverkamp die Jugendlichen auf. Für kurze Zeit ist nur das eifrige Tippen auf der Tastatur zu hören. Über den Beamer können die Jugendlichen in Echtzeit beobachten, wie ihre Mitschüler die Ich-Erzählerin charakterisieren: kalt, abweisend, gelangweilt, desinteressiert.

Für die Schüler am Evangelisch Stiftischen Gymnasium (ESG) in Gütersloh ist dies eine ganz normale Unterrichtsstunde. Bereits seit dem Jahr 2004 gehört es am ESG dazu, dass alle Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse mit ihrem eigenen mobilen Endgerät arbeiten, das in der Regel durch die Eltern finanziert wird.

„Bei uns sind jeden Tag 700 Schülergeräte im Einsatz“, erklärt Hendrik Haverkamp, „das heißt, in jedem Unterrichtsfach kann der Laptop eingesetzt werden – egal ob es sich um die Hauptfächer Deutsch, Mathe, Englisch handelt oder um ein Nebenfach. Selbst im Bereich Sport wird der Laptop teilweise eingesetzt, wenn es um Bewegungsanalyse geht.“ Wichtig sei, dass der Einsatz einen pädagogischen und fachlichen Mehrwert biete. 2014 haben die Lehrkräfte des ESG gemeinsam ein fächerübergreifendes Laptop-Curriculum erarbeitet.

Bevor die Elftklässler den Deutschunterricht an diesem Tag verlassen, gibt Hendrik Haverkamp ihnen noch eine Aufgabe für zu Hause mit. „Ladet eure Ausarbeitung dann bitte im entsprechenden Nerdl-Space hoch“, erinnert der Deutschlehrer seine Schüler noch, bevor sie aus dem Klassenzimmer strömen.

Aus dem Silicon Valley nach Gütersloh

„Nerdl“, das steht für „Networked Educational Resources for Device-aided Learning“ und wird am ESG seit 2016 als Lernmanagement-System und Lernplattform eingesetzt. Das Herzstück von Nerdl ist die Bibliothek, in denen alle Lehrkräfte der Schule interaktive Arbeitsblätter, Bilder, Links, Präsentationen, Lehrfilme oder Tutorials hochladen und diese nach Kompetenzbereichen sortieren. Ganze Unterrichtsreihen können über Nerdl gemeinsam geplant werden. Auch die Schüler haben die Möglichkeit, erledigte Aufgaben hochzuladen, sich gegenseitig Feedback zu geben und gemeinsam an Projekten zu arbeiten.  

„Der Unterricht in Deutschland ist noch immer stark von der Lehrerpersönlichkeit geprägt – was wir als sehr wertvoll erachten.“

Martin Fugmann, Schulleiter an der ESG

 

 

Schulleiter Martin Fugmann hat zuvor sechs Jahre lang als Schulleiter an einer deutschen Auslandsschule im Silicon Valley gearbeitet – in nächster Nachbarschaft zu Google, Facebook, Apple und Co. „Wir waren umringt von Schulen, die sich natürlich mit Digitalisierung beschäftigt und ihre Schule auch digital organisiert haben“, erzählt Fugmann. Aber er wollte diesen Schulen nicht einfach nacheifern, er wollte der Digitalisierung seinen eigenen Stempel aufdrücken. Mit Kollegen hat er nach einer technischen Lösung gesucht, welche die Vorteile des amerikanischen Systems mit der Philosophie des deutschen Systems verbindet. „Die Schulen im Silicon Valley haben den Großteil der Lernprozesse auf digitale Technik übertragen“, berichtet der Schulleiter des ESG von seinen Beobachtungen. „Der Unterricht in Deutschland ist aber noch immer stark von der Lehrerpersönlichkeit geprägt – was wir als sehr wertvoll erachten.“ Nerdl ist somit seine Antwort auf den digitalen Fortschritt. Die Plattform soll gerade die Lehrerinnen und Lehrer stärken und sie entlasten, damit sie sich mehr auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren können: das Unterrichten.

 

 

Mit gemeinsamer Mission: Yvonne Bansmann und Hendrik Haverkamp von der ESG

Teamwork auf allen Ebenen

In diesem vernetzten Denken und Arbeiten sieht Martin Fugmann die Zukunft. Dass es wirklich funktionieren kann, zeigt sich am ESG spätestens seit September 2017, seitdem das Gymnasium ans Glasfasernetz angeschlossen ist. „Erst jetzt macht der Einsatz von Nerdl auch wirklich Sinn und Spaß“, sagt Lehrerin Yvonne Bansmann. Sie lacht im Gespräch viel und herzlich, wodurch ihr Enthusiasmus noch ansteckender wirkt. Wie sie berichtet, wird es für die Lehrer des Gymnasiums mit jeder Woche selbstverständlicher das Material für die Schüler bereits von zu Hause hochzuladen, um dann im Unterricht über die Lernplattform gemeinsam daran zu arbeiten. Regelmäßig bietet Martin Fugmann auch sogenannte Mikrofortbildungen zum Thema Nerdl an. Die Hoffnung: Je mehr die einzelnen Kollegen ihr Material teilen, je mehr sie sich austauschen, desto enger wächst das Kollegium als Team zusammen.

„Unsere Schule war schon immer sehr weit, wenn es um den Bereich der Digitalisierung geht“, berichtet Yvonne Bansmann. Aufgrund des Schulleiterwechsels seien die Bemühungen dann noch weiter intensiviert worden. Dazu gehört auch, dass die Schule eine gemeinsame Vision entwickelt hat – in Fachkonferenzen wurde über die Frage diskutiert: Was soll Digitalisierung für uns bedeuten? Das Ergebnis ist ein neues Schulprogramm für die nächsten fünf Jahre, das konkrete Ziele festhält. Zu den vier tragenden Säulen des Programms gehört auch der Bereich „Digitale Medien: Pädagogischer Mehrwert und Medienkompetenz“, für den Hendrik Haverkamp verantwortlich ist, sowie der Bereich „Differenziert Lernen: Fördern und Fordern“, für den Yvonne Bansmann die Leitung übernommen hat. 

Nach Begabung fördern

„Wir haben damit eine gemeinsame Mission“, meint Yvonne Bansmann und lacht. Sie ist überzeugt, dass individuelle Förderung durch den Einsatz digitaler Medien erleichtert. Gleichzeitig sei es für die Lehrkräfte wichtig zu erkennen, wann der Einsatz digitaler Medien einen Mehrwert hat. „Und wann es sich anbietet, das Gerät auch mal zuzuklappen“, ergänzt Hendrik Haverkamp die Ausführungen seiner Kollegin. Und genau dieses Gespür sollen die Schüler während ihrer Schulzeit am ESG auch entwickeln. Im Fach „Wirtschaft Medien Kultur“ (WMK) ist ein wichtiger Schwerpunkt der selbstkritische Umgang mit Medien. „Dazu muss man auch eine Selbstregulierung trainieren. Die fällt nicht vom Himmel“, bestätigt Yvonne Bansmann.

Am Ende ihrer Schulzeit am ESG sollen alle Schülerinnen und Schüler den Laptop als ein ganz normales Arbeitsgerät ansehen – mit allen Chancen und Grenzen. Außerdem sollen sie mit zehn Finger blind tippen, recherchieren, mit Suchmaschinen umgehen und Präsentationen erstellen können. Das ist die Grundlage. Aber natürlich haben die Schüler auch die Möglichkeit, sich zu spezialisieren und Fachwissen anzueignen.

„Auch wir Schüler sind untereinander vernetzt“

Die „CompuTecS“ ist beispielsweise eine AG, die sich aus interessierten Schülerin und Lehrern zusammensetzt. An zwei Nachmittagen und in zwei großen Pausen bieten sie technischen Support an. „Hilfe zur Selbsthilfe“, das ist die Idee. Darüber hinaus übernehmen die Mitglieder der CompuTecS-AG die Einweisung in die neuen Laptops in der Jahrgangsstufe 7, die Leitung von Computerkursen und die Entwicklung neuer Konzepte zur Laptoparbeit. 

Schaut man ein paar Räume weiter, sieht es auch ziemlich technisch aus. Kameras, Stative und Mikrofone liegen auf dem Tisch vor dem Schnittcomputer. In der Film-AG drehen sich die Diskussionen nicht um Fehlermeldungen und Rechnerleistung, sondern um die richtige Beleuchtung, den Sound und den perfekten Zusammenschnitt. Die Bürgerstiftung Gütersloh hat der AG die technische Ausrüstung gespendet – im Gegenzug haben die Teilnehmer einen Imagefilm für die Stiftung gedreht. Gerade arbeiten die zwölf Jugendlichen an einem Imagefilm über die eigene Schule. „Ich würde so etwas später gerne auch beruflich machen“, erzählt der Elfklässler Daniel. Gemeinsam sichtet er gerade mit Peer und Julia das Material vom letzten Dreh. Passt die Farbsättigung? Wie viele Sekunden soll das Bild stehen bleiben? Es sind Fragen, die sich auch Profis stellen.    

 

 

Am ESG müssen sich alle Schüler in der 7. Klasse einen Laptop zulegen. Dieses Arbeitsgerät begleitet sie dann bis zum Abitur.
Roboter lernen die Schüler mit MINT-Schwerpunkt am ESG im 8. und 9. Schuljahr programmieren. Auch hier gehört der Laptop als Arbeitsgerät dazu, denn darauf läuft die Programmiersoftware.

In der Film-AG lernen die Schüler Videos zu erstellen – sie drehen das Material selbst und schneiden es im Anschluss zusammen.

„Wir merken häufig gar nicht, wie fortschrittlich unsere Schule ist“, meint die Schülerin Johanna, „erst wenn ich es mit anderen Schulen vergleiche, fällt es mir auf.“ Für sie ist das eingetreten, was ein Ziel der Schule ist: Der Laptop ist nur ein Arbeitsgerät unter vielen. Sie nutzt es, ohne großartig darüber nachzudenken. 

Auch die Plattform Nerdl überzeugt die Schüler der Film-AG, wie sie im Interview erzählen. „Jeder hat seinen eigenen Account, es müssen keine Zettel mehr verteilt werden und Gruppenarbeit klappt damit auch ganz unkompliziert“, fasst Peer die Vorteile für sich zusammen. Johanna nickt: „Auch wir Schüler sind untereinander vernetzt und können uns ganz leicht abstimmen.“ Und verpassen sie mal eine Stunde – weil zum Beispiel ein Dreh ansteht – können sie den Inhalt ganz leicht von zu Hause nacharbeiten. Das Material der Stunde, anstehende Hausaufgaben, Ausarbeitungen der Mitschüler – alles lässt sich über Nerdl abrufen. 

Angst vor der Zukunft müssen diese Schüler keine haben. An ihrer Schule ist sie längst angekommen.

Text: Laura Millmann, Fotos und Film: Tina Umlauf


INFOKASTEN

Laptoparbeit am ESG

Eine Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung ermöglichte bereits 1999 die Initiierung der Laptop-Arbeit: Das Projekt startete mit zwei Pilotklassen ab der Jahrgangsstufe 7. Als 2004 das Projekt endete, fing die Laptop-Arbeit am ESG erst richtig an. Seitdem arbeiten alle Schüler ab Klasse 7 mit eigenen Laptops. 2014 wurde die Arbeit weiter professionalisiert und ein Laptopcurriculum erarbeitet, das den Einsatz der Laptops im Fachunterricht verbindlich regelt.

Das ESG hat zudem gewählte Laptopbeiräte eingeführt, welche die Schule bei allen Fragen rund um die Laptopnutzung beraten. Das Gremium sichtet zum Beispiel mobile Endgeräte und spricht Empfehlungen aus, welches Gerät zukünftig im Unterricht genutzt werden könnte. Dieser Anschaffungsvorschlag ist jedoch nicht bindend. Der Laptopbeirat besteht aus Vertretern der Elternschaft, der Schülerschaft und des Kollegiums.