Der kompetente Umgang mit mobilen Endgeräten gehört zur Medienbildung an der Schule im FiLB dazu: In dieser Stunde lernen Krystian und Sheikmous, Fotos zu machen und ein E-Book zu erstellen. (Bild: Tina Umlauf)

SCHULE IM FiLB

Lernen und Leben mit digitalen Medien

Schnell bewegen sich die Hände der 18-jährigen Mia-Lynn über das Tablet, auf dem viele bunte Symbole und Bilder zu sehen sind. Kurz darauf ertönt eine weibliche Computerstimme: „Frau Schlichting hat einen Knall.“ Die ganze Runde lacht – auch die Lehrerin, Ruth Schlichting. Sie ist Beraterin für Unterstützte Kommunikation an der Schule im FiLB und in ihrem Kurs ist ein bisschen Schimpfen ausdrücklich erlaubt.

FiLB steht für Förderzentrum zur Individuellen Lebensgestaltung und Berufsbildung. Die 2004 gegründete Förderschule in Gütersloh mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung unterrichtet Schülerinnen und Schüler von der Klasse 11 bis zur Klasse 13. Digitale Technik wird hier eingesetzt, um Hürden abzubauen, Jugendliche individuell zu fördern und ihnen Teilhabe zu ermöglichen.

So auch bei der Unterstützen Kommunikation: Wo früher dicke Kommunikationsmappen mit ausgedruckten Bildern zum Einsatz kamen, können Schüler, die gar nicht oder nur wenig reden, inzwischen sogenannte Talker-Apps nutzen. „Die Jugendlichen bekommen dadurch eine Stimme. Sie brauchen nicht mehr die Hilfe einer Begleitperson, die für sie übersetzt“, sagt Ruth Schlichting. Schüler wie Mia-Lynn und Marian können sich ausdrücken, wie es auch andere Jugendliche in ihrem Alter tun – und dazu gehört das gegenseitige Necken und Witze machen nun einmal dazu.

Marian hat mit seinem Talker sogar schon einen kompletten Klassenrat geleitetet. Die digitale Technik ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern also auch, sich gegenseitig neu wahrzunehmen und anders in Kontakt zu kommen. „Die digitale Technik hilft uns einfach, mehr Normalität zu vermitteln“, so Schulleiter Klaus Hagemann.

Medien als Teil des Erwachsenwerdens

Deshalb sind Smartphones an der Schule im FiLB ausdrücklich auch in der Pause erlaubt. Die Jugendlichen sitzen dann vor allem in den kalten Monaten im Pausenraum zusammen, probieren Spiele aus oder schicken sich Nachrichten über soziale Netzwerke. „Auch das ist Teil der Jugendkultur“, sagt Michael Wenzel, der seit zwei Jahren als Lehrer und Medienberater an der Schule im FiLB tätig ist. „Wir bereiten die Schüler hier auf ein Leben als Erwachsene und auf eine aktive Teilhabe am öffentlichen Leben vor. Digitale Medien sind ein wesentlicher Teil dieses Lebens.“

„Wir sind auf einem guten Weg zu einer Schule, die Digitalisierung als Chance sieht, Schüler besser fördern zu können und sie in die Gesellschaft zu inkludieren.“

Michael Wenzel, Lehrer und Medienbeauftragter an der Schule im FiLB

 

 

Als Michael Wenzel 2015 zum Team dazu kam, war die Schule bereits auf einem guten Weg, was den Einsatz digitaler Medien angeht. Laut Wenzel fehlte allerdings ein systematisches Medienkonzept, das auch den Bereich der Medienbildung mit abdeckt: „Durch die Orientierung am Medienpass NRW haben wir inzwischen einen ‚roten Faden‘ entwickelt“, so Wenzel.

Die Schule im FiLB unterscheidet in ihrem Konzept explizit zwischen zwei Kompetenzbereichen: Lernen über Medien und Lernen mit Medien. Beim Lernen über Medien werden den Schülerinnen und Schülern Themen wie Social Media, Datenschutz und Internetsicherheit nähergebracht. Beim Lernen mit Medien dienen die Medien als Werkzeuge. Beim Busfahrtraining sucht sich David seine Fahrpläne beispielsweise mit Hilfe einer Verkehrs-App heraus. „Das geht überraschend gut“, freut sich der 17-Jährige, der seit den Herbstferien endlich alleine mit dem Bus zur Schule fahren darf.

Digitale Technik nie als Selbstzweck

Michael Wenzel beschreibt die aktuelle Situation an der Schule im FiLB so: „Wir sind auf einem guten Weg zu einer Schule, die Digitalisierung als Chance sieht, Schüler besser fördern zu können und sie in die Gesellschaft zu inkludieren.“ Er selbst übt und experimentiert in seinem Unterricht viel mit Tablets. In dieser Schulstunde sollen die Schüler lernen, Fotos zu machen und mit dem „Book-Creator“ ein eigenes Buch zu gestalten.

Michael Wenzel geht den Ablauf Schritt für Schritt mit der Klasse durch: Tablet anschalten, Akku kontrollieren, das Kamerasymbol suchen. Für Kai, der nicht so gut sehen kann, wird die Zoom-Funktion angestellt. Danach beginnt die kreative Arbeit und die Schüler suchen sich verschiedene Orte der Schule aus, um sie im Bild festzuhalten: Die Schule von außen, die Mensa, den Schulhof, das Lehrerzimmer. Besonders schwer fällt es den Schülern am Ende, die Fotos im elektronischen Buch zu beschriften. Hier hilft die Auto-Korrektur der Software und manchmal einfach eine schriftliche Vorlage zum Abschreiben.

„Wir müssen immer einen kritischen Blick bewahren und abwägen zwischen analogen und digitalen Medien“, sagt Medienberater Michael Wenzel, „die digitale Technik darf nie zum Selbstzweck werden.“ Die Frage sei immer: Wann lohnt sich der Einsatz digitaler Technik wirklich? Was bringt er den Schülern in der jeweiligen Situation? Gerade in einer Förderschule brauchen einige Schüler noch den haptischen Umgang mit Lernmaterialien, um sie zu begreifen – digitale Inhalte sind manchmal zu abstrakt.

Hürden überwinden – auch als Schule

Bei der Vorbereitung auf den Mofa-Führerscheintest greifen analoge und digitale Medien besonders auffällig ineinander. Die Lehrerin Sonja Schlüter hat per Beamer eine Prüfungsfrage an die Wand geworfen. Thema: der Rechtsabbiegerpfeil. Gemeinsam geht die Klasse die Frage und mögliche Antwortmöglichkeiten durch. Auf den Tischen vor ihnen liegen kleine Verkehrsschilder. Zwischendurch nimmt eine Schülerin einzelne Schilder in die Hand und gleicht sie mit dem Bild vom Beamer ab.

Hausaufgaben für das Mofa-Führerschein-Training erledigen die Schüler auf ihrem Handy und Lehrerin Sonja Schlüter kann sie dann von zu Hause aus überprüfen.

Die Hausaufgaben beim Mofa-Training erledigen die Schüler wiederum komplett online. „Ich hab die App mit den Fragen auf meinem Handy“, berichtet Kai, der sich auf seine Prüfung im Frühjahr vorbereitet, „ich kann nicht so gut lesen und lasse mir die Fragen einfach vorlesen und gucke mir die Bilder dazu an. Damit klappt das viel besser.“ Im Anschluss kann Sonja Schlüter die Hausaufgaben von zu Hause aus überprüfen und in der nächsten Stunde individuell auf Kai eingehen.

Es scheint also alles glatt zu laufen in der Schule im FiLB. Fragt man jedoch Michael Wenzel, wo er noch Verbesserungspotenzial im Bereich „digitale Medien“ sieht, spricht er drei Probleme an: Erstens mangelt es noch – wie wohl an den meisten Schulen – an geeigneter Ausstattung. Zweites müssen die Lehrer die nötigen Kompetenzen erwerben. „Die Bereitschaft dazu ist da, aber entsprechende Fortbildungsangebote müssten ausgebaut werden“, so Wenzel. Und das dritte Problem: Es gibt wenig geeignetes, digitales Material für Förderschulen.

Netzwerkarbeit als Lösung

Davon kann Gunnar Hilbert aus eigener Erfahrung berichten. Er betreut mit seiner Klasse zusammen den Schulkiosk. In wechselnder Besetzung verkaufen die Schüler einmal wöchentlich Getränke und Snacks an ihre Mitschüler. Diejenigen, die Probleme mit dem Kopfrechnen haben, können das Tablet zu Hilfe nehmen. „Es war unglaublich schwierig, hier eine geeignete App zu finden“, berichtet Gunnar Hilbert, „die meisten Kassensysteme sind viel zu komplex, andere waren zu kindlich.“ Immer wieder stehen die Lehrerinnen und Lehrer vor der Herausforderung, Material zu finden, das zwar ein geringes Anforderungsniveau hat, aber nicht zu infantil ist in seiner Darstellung – einfach Material aus dem Grundschulbereich zu nehmen, würde den Jugendlichen nicht gerecht werden.

 

 

Geeignetes digitales Material zu finden, ist für Lehrkräfte an einer Förderschule schwierig: Die App für das Kassensystem darf nicht zu komplex, aber auch nicht zu kindlich sein.

An dieser Stelle ist dann häufig die Kreativität der einzelnen Lehrkräfte gefragt, die Materialien umgestalten oder selbst erfinden. Michael Wenzel richtet sich deshalb mit seinem Appell auch an die Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen: „Wenn alle Lehrkräfte ihre Materialien zur Verfügung stellen und sich über ihre Erfahrungen austauschen, könnten wir diese Hürde gemeinsam meistern.“ Er ist überzeugt, dass Netzwerkarbeit allgemein wertvoll ist. Die Aufnahme als Schule in das Forum Bildung Digitalisierung habe dem Kollegium beispielsweise geholfen, den eigenen Standpunkt noch einmal neu zu definieren und über alternative Wege nachzudenken. 

„Vieles wurde ja schon gedacht und ausprobiert, davon kann man gegenseitig profitieren“, ist sich Michael Wenzel sicher. Und die Schule im FiLB hat gerade erst angefangen, neue technische Möglichkeiten für sich zu entdecken, Erfahrungen zu sammeln und den Unterricht mit neuen Methoden zu bereichern. 

Text: Laura Millmann, Fotos und Film: Tina Umlauf


INFOKASTEN

Der Medienpass NRW

Mit ihrem Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt“ hat die Kultusministerkonferenz (KMK) Kompetenzen definiert, die Schülerinnen und Schüler für das Lernen in der digitalen Welt benötigen. Daran angelehnt hat der Medienpass NRW seinen Kompetenzrahmen überarbeitet. Der aktuelle Kompetenzrahmen umfasst insgesamt sechs Bereiche mit 24 Teilkompetenzen, die darauf abzielen, Heranwachsende an den Chancen des digitalen Wandels teilhaben zu lassen.

Die sechs Kompetenzbereiche sind:

  • Bedienen und Anwenden
  • Informieren und Recherchieren
  • Kommunizieren und Kooperieren
  • Produzieren und Präsentieren
  • Analysieren und Reflektieren
  • Problemlösen und Modellieren

 

Weitere Informationen unter: www.medienpass.nrw.de.