Matheunterricht an der TSS Husum: Ihre Notizen können die SchülerInnen direkt über den Touchscreen des Tablets in das jeweilige PDF-Dokument eintragen. (Foto: Tina Umlauf / Forum Bildung Digitalisierung)

Theodor-Storm-Schule (TSS) in Husum

Das Ziel: mündige Schüler

 

Der schicke Flachbildschirm mit Touchscreen am Ende des Raums würde in Größe und Auflösung auch Heimkinobesitzern Freude bereiten. Gerade zeigt er jedoch keinen Film, sondern ein vergrößertes Koordinatensystem mit einem Graph darin – Maltes Mathehausaufgaben. Kein Wunder: Der Bildschirm hängt im Unterrichtsraum der Klasse 12e der Theodor-Storm-Schule (TSS) in Husum, Schleswig-Holstein.

Für die Schülerinnen und Schüler der Klasse 12e gehören digitale Medien mittlerweile zum Schulalltag. Wie in den anderen Tablet-Projektklassen des Gymnasiums verfügen die Jugendlichen seit der Oberstufe jeweils über ein eigenes Tablet und arbeiten regelmäßig damit – allerdings nur, „wenn es sinnvoll ist“, sagt Nils Peters, Mathelehrer der 12e. Das heißt, „wenn die Methodik oder der Inhalt der jeweiligen Stunde davon einen Mehrwert hat“, erklärt Peters‘ Kollegin Catharina Frehoff, Fachlehrerin für Latein und Deutsch. „Sollen die Schülerinnen und Schüler einen Film analysieren und einzelne Filmszenen sequenziell untersuchen, dann ist es sinnvoll, wenn sie ein I-Pad vor sich haben und in ihrem Tempo den Film vor- oder zurückspulen können“, so Frehoff. Im Fach Physik sind zum Beispiel digitale Materialien laut Peters eine gute Ergänzung zu Realexperimenten. Die Schüler können mit den Tablets entsprechende Simulationen abrufen und auf diese Weise detaillierter nachvollziehen, was während des Experiments geschieht.

Ein ergänzendes Arbeitsmittel

Die Beispiele verdeutlichen den Status der Tablets an der TSS: Sie sind nur „ein selbstverständliches Arbeitswerkzeug, ein Medium unter vielen“, wie Mathelehrer Peters es beschreibt. Diese Auffassung teilen auch seine Schüler: Die Vorteile der flachen Computer beschreiben sie lediglich in Abhängigkeit ihres Nutzens. „In Mathe macht es definitiv Sinn, mit Tablets zu arbeiten“, sagt etwa die 18-jährige Julie, „weil wir unsere Ergebnisse eins zu eins nach vorne spiegeln und sie so sehr schnell vergleichen können.“ Dafür müssen die Jugendlichen ihre Tablets nur per WLAN mit dem Flachbildschirm verbinden – eine Aufgabe von wenigen Sekunden. Die Taschenrechner-App ist Hannas (17) Favorit. Sie ermöglicht es ihr beispielsweise, Graphen zu vergrößern, wodurch sie besser mit ihnen arbeiten kann. Gleichzeitig greifen die Schülerinnen und Schüler aber auch immer noch auf bekannte schultypische Medien zurück – wie Stift und Papier. Während Hanna den gerade gelernten Merksatz direkt in das PDF-Dokument des zu bearbeitenden Arbeitsblatts notiert, schreibt Kristian (17) ihn, wie die Mehrheit seiner Mitschüler, lieber mit der Hand in seinen Block. „Wir wollen, dass die Schüler ihren eigenen Weg finden, mit den digitalen Medien umzugehen“, sagt Peters.

„Eine sehr große Rolle bei der Entwicklung des Medienkonzepts haben unsere sehr starken Schülersprecher gespielt. Beteiligt waren aber natürlich auch die Eltern, Kolleginnen und Kollegen – also alle an der Schule vertretenen Personenkreise.“

Sibylle Karschin, Schulleiterin der Theodor-Storm-Schule

 

 

Unterstützung erhalten sie dabei durch das schulische Medienkonzept, in dessen Mittelpunkt die drei Kernbereiche Medienkunde, Mediennutzung und Medienkritik stehen. Demnach sollen die Schülerinnen und Schüler die unterschiedlichen Medientypen kennenlernen; sie sollen lernen, sie altersangemessen, souverän und zielführend zu nutzen sowie Medien und ihren individuellen Konsum kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen. Das Ziel: mündige Schüler. „Der mündige Schüler soll im Umgang mit den Medien genau wissen, wann, wie, wozu und mit welchem Zweck er sie gewinnbringend einsetzen kann“, erklärt die stellvertretende Schulleiterin der TSS Susanne Malinowski. Daher beschäftigen sich die Kinder schon ab der fünften Klasse jeweils altersentsprechend und fächerübergreifend mit Medien. Fünft- und Sechstklässler lernen etwa wie sie ansprechende und rechtskonforme Präsentationen gestalten und wie sie im Internet nach Informationen suchen können.

Von Schülern für Schüler

Bei der Präventionsarbeit spielen Peer-to-peer-Projekte eine herausragende Rolle, die die zu Medienscouts ausgebildeten Oberstufenschüler entwickeln. In der gleichnamigen AG erarbeiten sie sich zu diesem Zweck zunächst selbst den sicheren Umgang mit digitalen Medien. Dazu setzen sie sich etwa mit Teilen des Medienrechts auseinander, wie dem Urheber- und Persönlichkeitsrecht, mit Fragen der Suchtprävention und Themen wie Cybermobbing und Datenschutz. Pädagogisches Grundlagenwissen soll sie zudem befähigen, diese Inhalte altersgerecht an Viertklässler kooperierender Grundschulen sowie Schülerinnen und Schüler der fünften bis siebten Klasse der TSS weiterzugeben.

„Die Medienscouts können anders an die Themen herangehen. Ihre Hinweise wirken nicht wie Ermahnungen mit erhobenem Zeigefinger“, sagt Catharina Frehoff, die die Medienscout-AG leitet. So nehmen die Siebtklässler es Vivienne, Elia, Jenny und Nadine auch nicht übel, dass die vier Medienscouts sie zum Projektbeginn unverblümt auf ihr problematisches Verhalten im Internet ansprechen. „Wir haben im Vorfeld ein wenig Recherchearbeit betrieben“, kündigen die vier zum Einstieg an und fragen in die Runde: „Gibt es hier ein Mädchen namens Line?“ Das erschreckte „Oh nein“ aus der linken Ecke des Stuhlkreises verrät, dass die betroffene Schülerin nichts Gutes ahnt. Zurecht: Obwohl die Medienscouts Line eigentlich nicht kennen, wissen sie dank ihrer Profile in sozialen Netzwerken eine ganze Menge über sie, etwa dass sie eine gute Freundin namens Nele und italienische Wurzeln hat. „Das ist ein Beispiel, wie viel wir schon mit nur ein paar Klicks herausfinden konnten“, mahnt Medienscout Jenny (17). Als sich dann herausstellt, dass Lines Profil beim Online-Foto-Netzwerk Instagram für jeden zugänglich ist, da sie ihr Konto nicht auf „privat“ geschaltet hat, tönt ein Schüler: „Das ist jetzt peinlich.“

Die direkte Konfrontation wirkt: Schon nach den ersten beiden Doppelstunden des Projekts korrigiert Line ihre Privatsphäre-Einstellungen. Doch nicht nur die jüngeren Schüler ändern durch den Einfluss der Medienscouts ihr Nutzungsverhalten, auch die Medienscouts selber berichten von Veränderungen: „Ich habe viel dazugelernt und mache jetzt vieles anders“, sagt etwa Robin (17). Fotos veröffentliche er beispielsweise nicht mehr so unbedacht wie früher. „Ich weiß jetzt, das Internet vergisst nichts.“ Medienscout Jenny achtet seit der Ausbildung viel mehr auf den Datenschutz und sie mischt sich ein, wenn andere beleidigt werden. „Die Medienscouts sehen sich in der Verantwortung, sie werden bei Problemen aktiv“, sagt AG-Leiterin Frehoff und zeigt sich stolz, wie sich die Teilnehmer entwickelt haben.

Unerlässlich: Netzwerken

Zur Zielgruppe der Aufklärungsarbeit der Medienscouts gehören neben den jüngeren Schülerinnen und Schülern auch Lehrkräfte und Eltern. Auf Elternabenden besprechen sie mit den Erziehungsberechtigten die jeweiligen Projektthemen der einzelnen Klassen. Für Lehrkräfte organisieren sie Fortbildungen, auf denen sie die Erwachsenen zum Beispiel über gerade angesagte Apps und Youtube-Stars informieren. „Das ist super für das Selbstwertgefühl, wenn die Schüler den Lehrern mal etwas beibringen können“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Malinowski. Im Zuge der Digitalisierung der Bildung schlüpfen auch die Lehrkräfte immer wieder in die Rolle der Lernenden. „Schritt für Schritt führen wir sie an die neuen Medien heran und erklären, wie sie sie im Unterricht einsetzen können“, sagt Nils Peters, der auch Mitglied der Steuergruppe „Digitale Medien“ an der TSS ist. Diese entwickelt in Absprache mit allen Beteiligten an der Schule Konzepte und Entwicklungslinien, um Medienkompetenz zu vermitteln. Susanne Malinowski leitet die Steuergruppe und plant für die nahe Zukunft weitere Qualifizierungsmaßnahmen für das Kollegium. „Natürlich müssen wir alle Kolleginnen und Kollegen mitnehmen. Das ist ein sehr langwieriger Prozess, der inzwischen aber an Fahrt gewonnen hat.“ Darüber hinaus verfolgt die Steuergruppe das Ziel, die gesamte Oberstufe, nicht nur Projektklassen, mit Tablets auszustatten und die Räume nach und nach mit interaktiven Flachbildschirmen auszurüsten.

Für den Erfolg der Steuergruppe, zu der auch Medienerzieherin Catharina Frehoff gehört, ist laut Susanne Malinowski die Netzwerkarbeit entscheidend: „Die Steuergruppe sitzt wie die Spinne in der Mitte des Netzes und spinnt weitere Netzwerke, die sie am besten noch miteinander verwebt.“ Sie vernetze die Kollegen miteinander, engagiere außerschulische Partner zur Unterstützung und tausche sich über regionale und überregionale Netzwerke mit anderen Schulen aus. „Für die Weiterentwicklung sind Netzwerke in allen Bereichen von Schule einfach unerlässlich.“

Text: Anna Hückelheim, Fotos und Film: Tina Umlauf