Während einer Diskussionsphase zeichnete die Illustratorin Anne Lehmann die Aussagen in Form eines Graphical Recordings mit. (Bild: Forum Bildung Digitalisierung / Katja Anokhina)

Wie Fächer die Kompetenzen in der digitalen Welt vermitteln

 

Ende 2016 veröffentlichte die Kultusministerkonferenz die Strategie „Bildung in der digitalen Welt“. Darin enthalten: 61 Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler helfen sollen, sich auf die Herausforderungen der digitalisierten Welt vorzubereiten. Sie umzusetzen ist Aufgabe aller Fächer, sodass perspektivisch alle Bildungspläne angepasst werden müssen.

Am 30. Juni trafen sich Verantwortliche aus Bildungsministerien und Landesinstituten sowie Expertinnen und Experten aus Fachdidaktik und Bildungspraxis bei einem Workshop der Stiftungsinitiative Forum Bildung Digitalisierung, um an dem Thema zu arbeiten:

Durch die Tagungsräume in Berlin Wedding schlendern die Teilnehmenden von Stelltafel zu Stelltafel. Mit bunten Klebepunkten bewerten sie verschiedene Thesen zum Thema des Workshops auf einer Skala von eins bis zehn:          

Während die Farbtupfer bei einigen Thesen ziemlich gleichmäßig verteilt werden, polarisieren andere Aussagen. Für den Workshop der Stiftungsinitiative Forum Bildung Digitalisierung sind Verantwortliche aus Bildungsministerien und Landesinstituten sowie Expertinnen und Experten aus Fachdidaktik und der Bildungspraxis angereist. Und sie haben ganz verschiedene Meinungen zur Digitalisierung von Schule mitgebracht.

Um diese unterschiedlichen Erfahrungen zusammenzutragen, arbeiteten die rund siebzig Teilnehmenden anfangs in fünf Fach-Werkstätten zu Sprachen, Gesellschaft, kultureller Bildung, Naturwissenschaften/Mathematik und Informatik zusammen. Sie gingen den Fragen nach, wie jedes einzelne Fach zur Entwicklung der Kompetenzen beitragen kann, wie das Kompetenzmodell in die Praxis umgesetzt werden kann und inwiefern der Kompetenzerwerb der Schülerinnen und Schüler zertifiziert werden kann.

                      Graphical Recording by Anne Lehmann (Bilder: Forum Bildung Digitalisierung / Katja Anokhina)

Die Ergebnisse aus den Gruppen hielt die Illustratorin Anne Lehmann in einem detaillierten Graphical-Recording-Kunstwerk fest, während sie im Plenum vorgetragen wurden. Am Ende des Textes geben wir einen Überblick über die wichtigsten Aussagen aus den Fach-Werkstätten. Im Anschluss an die Präsentationen aus der Gruppenarbeit gab es weiteren Raum für offene Diskussionen. In einer lebhaften Fishbowl-Runde, bei  der die Teilnehmenden mit ihren Anliegen auf das Podium gebeten wurden, kristallisierten sich unter anderem folgende Punkte und weiterführende Fragen heraus:

  • Jedes einzelne Fach könnte theoretisch zur Entwicklung aller 61 im Strategiepapier aufgeführten Kompetenzen beitragen - sinnvoller wäre es aber, die Aufgabe so zu unterteilen, dass jedes Fach seine spezifischen Stärken nutzt.

  • Gibt es ein separates Fach für die Umsetzung der Kompetenzen, fühlen sich alle andern Fächer nicht mehr zuständig. Sind alle Fächer zuständig, kann das zu Dopplungen und Auslassungen führen - deswegen muss beides kombiniert werden.

  • Kompetenzen bei den SchülerInnen setzen Kompetenzen bei den LehrerInnen voraus, daher müssen die erste und zweite Phase der Lehrerbildung bei der Umsetzung der KMK-Strategie mitgedacht werden.

  • Digitalisierung bietet die Chance, die Organisation von Lernen zu verändern und Selbstwirksamkeit zu erfahren: In flachen Hierarchien können auch Eltern und Lehrkräfte von den SchülerInnen lernen. Die Herausforderung ist, dass sich dafür die Lehrerrolle vom Experten hin zum Lernbegleiter verändern muss.

  •  Veränderte Lehr-Lern-Prozesse brauchen auch neue Prüfungsverfahren und eine Veränderung der Bewertungsmaßstäbe. 

  •  Für die praktische Umsetzung der KMK-Strategie brauchen Lehrkräfte die Freiheit, mit digitalen Medien zu arbeiten: Der Einsatz digitaler Medien setzt auch die Motivation dazu auf Seiten der Lehrkräfte und rechtliche Sicherheit für die Arbeit an den Schulen voraus.

  •  Es reicht nicht aus, Informationen zu Konzepten für den Unterricht mit digitalen Technologien in Papierform an den Schulen zu verteilen; die Lehrkräfte benötigen auch die Möglichkeiten, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Notwendig sind ganz neue Ansätze der fortlaufenden professionellen Qualifizierung und der Lehrerkooperation.

 

Der Forum-Workshop sei ein guter erster Schritt, um diesen Punkten zu begegnen, betonte Arthur Gottwald, der als Koordinator für die Umsetzung der Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ bei der KMK verantwortlich ist: BildungsplanerInnen, ForscherInnen, HochschuldidaktikerInnen, SchulleiterInnen und Lehrkräfte bräuchten die Möglichkeit, sich zu vernetzen und untereinander auszutauschen, damit die Kompetenzen in der digitalen Welt in die Lehrpläne aufgenommen werden könnten. „Ab kommendem Herbst plant daher auch die KMK, Veranstaltungen wie die heutige als Unterstützungssystem zu etablieren“, so Gottwald weiter. Für eine nachhaltige Digitalisierung von Schule sei außerdem die Art des Austauschs wichtig: Die in der Praxis gewonnenen Erkenntnisse müssten allen Beteiligten zur Verfügung gestellt werden, um so gemeinsames Lernen zu fördern. Um es frei nach einer Teilnehmerin zu sagen: Es sollten nicht immer neue Konzepte entwickelt werden, es geht auch darum, sie zu realisieren.

Fach-Werkstatt Sprachen

Viele der genannten Kompetenzen gehören ganz natürlich zum Sprachunterricht. Gerade die Kompetenzbereiche Kommunizieren & Kooperieren und Analysieren & Reflektieren können sehr gut umgesetzt werden - das muss aber nicht unbedingt mit digitalen Medien passieren. Bei der Leistungsbewertung muss sich etwas verändern: Wenn man einerseits digitale Kompetenzen fordert, kann nicht andererseits die Internetnutzung im Abitur verboten sein; fürs Projektlernen müssen klare Bewertungskriterien der methodisch-medialen und inhaltlichen Kompetenzen her. Die Anfangsfrage sollte bei all dem aber grundsätzlich sein: Wie kann man digitale Medien einsetzen um das fachliche Lernen zu unterstützen? - und nicht andersherum.“  

– Ingo Kritisch, Landesinstitut für Lehrerbildung Hamburg

Fach-Werkstatt Kulturelle Bildung

In unserer Gruppe gab es eine kritische Diskussion zum Kompetenzbegriff, der häufig von ökonomisch-technischen Verwertungsinteressen getrieben wird. Sollte es bei kultureller Bildung um Kompetenzen gehen? In diesen Fächern geht es um Kreativität, Imagination, und Intuition - sie können eine kognitive und emanzipatorische Orientierung geben, Empathie und Solidarität vermitteln. Es geht darum, Haltung einzunehmen. Wichtiger, als ein Kompetenzraster umzusetzen, ist es daher, digitale Bildung als Schulkultur zu etablieren. Dafür bedarf es Lehrerfortbildungen jenseits der traditionellen Top-down-Formate: Man sollte das unterstützen, was sich vor Ort entwickelt, und die Zusammenarbeit mit Musik- und Kunsthochschulen stärken.

– Christian Filk, Professor am Seminar für Medienbildung der Europa-Universität Flensburg (EUF), Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Forum Bildung Digitalisierung 

Fach-Werkstatt Informatik

Das Fach Informatik wird oft missverstanden. Es geht nicht nur um Coding oder Technik, sondern vor allem um Computational Thinking: Logisches Denken, komplexe Probleme in kleine Teilstücke herunterbrechen, Kreativsein, Abstraktion - das ist das Informatikbild, über das wir sprechen und das einen Beitrag leisten kann zur Kompetenzvermittlung. Dafür braucht es das Fach an den Hochschulen und in der Lehrerbildung, und möglicherweise auch ein Pflichtfach Informatik in den Schulen. Auf der anderen Seite sehen wir informatische Bildung als Querschnittskompetenz für alle Fächer, um die Prozesse der Digitalisierung zu verstehen und umzusetzen.

– Prof. Dr. Ralf Romeike, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Prof. Dr. Hilde Köster, Freie Universität Berlin, Kerstin Wilmans, Global Goals Curriculum e.V., Benjamin Piétza, Freie Universiät Berlin

Fach-Werkstatt Gesellschaft

„Im Prinzip könnte man in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern alle Kompetenzen aus der Liste vermitteln. Es wäre aber schlauer, arbeitsteilig vorzugehen und zu schauen, wo welche Fächer welche Stärken haben: Im Geschichtsunterricht sind Quellenkritik und Medienanalyse ein klassisches historisches Instrumentarium - das beginnt schon bei der Höhlenmalerei -, in der politischen Bildung liegt der Kompetenzbereich Schützen & sicher Agieren nahe. Einerseits macht das die Stärke dieser Fächer deutlich, andererseits kommt es auch zu neuen Inhalten wie Big Data und künstliche Intelligenz - das ist für viele Lehrkräfte einschüchternd. Daher muss man den an Bildung beteiligten den Mehrwert digitaler Medien und Themen aufzeigen.“

– Julia André, Körber-Stiftung    

Fach-Werkstatt Naturwissenschaften/ Mathematik

Wir haben die Frage diskutiert, ob die Kompetenzen integrativ oder separat vermittelt werden sollten. Und die Antwort ist, es geht uns alle etwas an: Ein gesondertes Fach Medienbildung kann zwar nicht schaden, aber nur zusätzlich, in Kooperation mit den anderen Fächern. Dafür brauchen wir vor allem mehr Lehrerkooperationen in den Schulen direkt - Teachers-teach-the-Teachers- und Best-Practice-Beispiele, an denen man sich orientieren kann. Und zusätzlich muss es Aufgabenpakete geben für die Fachdidaktiken, die Lehrerbildung, die Infrastruktur. Die Frage ist aber vor allem, wie man es schafft, bestehende Konzepte in die Schulen zu tragen. Unser Motto ist: Einfach anfangen!“

– Dr. Johannes Huber, Universität des Saarlandes