Professor Rolf Arnold vom Lehrstuhl für Berufs- und Erwachsenenbildung an der TU Kaiserslautern. (Bild: Prof. Dr. Rolf Arnold)

„Und was wird dann aus mir!?“ – Wie sich die Lehrerrolle verändert

Durch den Einsatz aktiver Lehrmethoden und digitaler Lernformate verändert sich auch die Rolle der Lehrenden: Sie sind nicht mehr die alleinigen Wissensquellen oder MotivatorInnen. Dass Lehrkräfte deswegen aber noch lange nicht durch Erklärvideos ersetzt werden, erklärt Pädagogikprofessor Rolf Arnold von der TU Kaiserslautern im Interview. 

Forum Bildung Digitalisierung: Professor Arnold, Sie sind nicht nur Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik an der TU Kaiserslautern, sondern auch Sprecher des Virtuellen Campus Rheinland-Pfalz, einer Einrichtung, die mehr digitale Formate in die Hochschullehre bringen will – wie stehen Sie zu der These, Lehrkräfte würden durch eigenständige Lernformen und Digitalisierung zu Kompetenzbeschaffungsgehilfen reduziert? 

Rolf Arnold: Nach meiner Wahrnehmung sind das Sichtweisen, die von der Vergangenheit her Entwicklungen heute interpretieren – und damit werden wir den künftigen Möglichkeiten nicht gerecht. Mit der Digitalisierung hat das erst einmal nichts zu tun, sondern wir wissen heute unter anderem durch die Hirnforschung einfach besser, wie Lehr-Lern-Umgebungen gestaltet werden müssen, damit nachhaltige Lernprozesse umgesetzt werden können. Es geht darum, stärker vom Lernenden her zu denken, denn der Mensch ist nicht erst seit es Lehrer gibt ein lernendes Tier – laut einer Studie werden ganze 80% der Kompetenzen einer Person nicht in Bildungsinstitutionen erworben (vgl. David w. Livingstone, 2001). Daher brauchen wir einen multidimensionalen Lernbegriff, in dem Bildung mehr ist, als Fachwissen.  

Forum Bildung Digitalisierung: Die konstruktivistische Lerntheorie, die auf Jean Piagets Kognitionspsychologie aufbaut und besagt, dass Menschen nur durch persönliches Erfahren, Erleben und Interpretieren lernen – also selbstständig auf ihr individuelles Vorwissen aufbauen müssen – ist ja eigentlich schon seit den frühen 1980er Jahren bekannt. Offene Lernkonzepte galten in der Pädagogik aber lange Zeit als alternativ. Warum kommt es gerade jetzt zu einem spürbaren Wandel? Liegt das auch an den neuen Medien? 

Rolf Arnold: Der Grund, weswegen diese pädagogischen Konzepte jetzt in der Breite ankommen, ist weniger die Digitalisierung als die skandalöse Wirkungslosigkeit des Frontalunterrichts: Seit der Enttäuschung über PISA schaut man nüchterner auf das deutsche Bildungssystem. Ein zweiter Grund hängt mit dem von der europäischen Bildungspolitik geprägten Kompetenzbegriff zusammen: Was kann ein Mensch eigentlich tun, um neuartige Probleme zu lösen? Und wie kann man Menschen ausbilden, die mit schnellen Veränderungen zurechtkommen, die Expertise haben, aber auch die Fähigkeit, altes Wissen zu revidieren und aufzugeben? Es geht darum, zu überlegen, unter welchen Bedingungen Menschen nachhaltig lernen. Und dafür muss man Räume und Situationen schaffen, in denen Lernende Selbstwirksamkeit erleben können – was nicht bedeutet, dass die Gesellschaft keine Kriterien vorgibt.  

Forum Bildung Digitalisierung: Was verändert sich dadurch für die Rolle der Lehrenden? 

Rolf Arnold: Es geht nicht mehr darum, dass Lehrer Lernende motivieren oder Inhalte vermitteln, sondern darum, dass sie Räume schaffen, in denen Lernende nicht ein Etikett mit Defiziten verpasst bekommen, sondern die Chance haben, ihre Potenziale zu entfalten. Das können Klassenzimmer neuer Art sein, mit einer neuen Architektur, es können aber auch virtuelle Lernräume sein. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie viel Präsenzzeit in der Schule für innere Lernprozesse benötigt wird, wenn sich Schülerinnen und Schüler auf fachdidaktisch gut durchdachten Lernplattformen faktenorientiertes Wissen aneignen oder Selbstlernaufgaben bearbeiten. Der Lehrer wird dadurch aber überhaupt nicht abgeschafft! Denn wenn man zusammenkommt, geht es um die Fragen der Lernenden, um Persönlichkeitsbildung und Haltungsentwicklung – das heißt, wir brauchen Lehrkräfte, die stärker auf Beziehungsarbeit achten.  

Forum Bildung Digitalisierung: Mit einer veränderten Definition der Berufsethik hin zum Lernbegleiter gehen auch neue Kompetenzen einher – welche gehören für Sie dazu? 

Rolf Arnold: Meiner Auffassung nach sind fünf Bereiche zentral für eine veränderte LehrerInnenrolle: Erstens geht es um Haltung. Dafür brauchen Lehrerinnen und Lehrer mehr Reflexion über sich selbst und über ihre inneren Rollenbilder – sie brauchen den Raum und die Gelegenheit, sich selbst zu verändern. Zweitens brauchen sie Wissen über Beratung, drittens müssen sie Methoden kennen, die es Lernenden erlauben, etwas selbst zu gestalten. Und auf der Umsetzungsebene sind ein neuer Umgang mit Wissen und der Umgang mit dem Thema Schulentwicklung zentral.  

Forum Bildung Digitalisierung: Inwiefern fließen solche Ansätze schon in die LehrerInnenaus- und -weiterbildung ein? 

Rolf Arnold: Wie schnell die Hochschulen, die ja eher altertümliche Strukturen haben, in der Lage sind, diese Veränderungen aufzugreifen, ist einerseits eine Managementfrage. Andererseits sind da natürlich auch Widerstände und die Sorge der Lehrenden: „Was soll dann aus mir werden?“ Daher ist das zwar kein Jahrhundert-, aber schon ein Jahrzehnteprozess. Es gibt aber einen Generationswechsel: Menschen, die eine digitale Kindheit hatten, kommen jetzt langsam in die Professuren. Und in der zweiten Phase der Lehrerbildung stellt sich auch einiges um: Kompetenzprofile werden präzisiert, es gibt mehr Austausch zwischen Hochschullehrenden, Praxisvertretern und Ministerien. Die Fortbildungseinrichtungen der Länder müssten aber auch mehr tun zum Thema Lehrerrolle. Und um mehr Lehrkräfte zu erreichen, müssen sie sich stärker virtualisieren. Es gibt also eine Menge zu tun.   

Forum Bildung Digitalisierung: Professor Rolf Arnold, vielen Dank für das Interview!

  • Rolf Arnold hat sich viel mit dem deutschen Bildungssystem auseinandergesetzt; sein neustes Buch „Entlehrt euch! Ausbruch aus dem Vollständigkeitswahn“ erscheint diese Woche im hep Verlag.

  • Der Frankfurter Lehrer Torsten Larbig hat für seinen Blog seine SchülerInnen befragt, was LehrerInnen eigentlich besser können, als Erklärvideos.

  • In seinem Buch „Lehrerdämmerung“ schildert der Philosoph Christoph Türcke seine kritische Perspektive auf die Veränderungen des LehrerInnenberufs.

  • Wer gern weit in die Zukunft blickt, findet in „Bildung 2030. Sieben Trends, die die Schule revolutionieren“ von Olaf-Axel Burow und Charlotte Gallenkamp Inspirationen.