„Wir müssen alle inkludieren – auch mithilfe digitaler Medien“

Digitalisierung und Inklusion – die zwei großen Schlagwörter der aktuellen Bildungsdebatte hängen stärker zusammen, als man denkt: Denn der Einsatz digitaler Medien hat das Potential, jedes Kind mit seinen individuellen Voraussetzungen in den Unterricht einzuschließen – wenn ein sinnvolles Konzept dahintersteht.

Tablets mit Screenreader für blinde Heranwachsende. Webcams, die erkrankte Kinder live ihrer Schulklasse zuschalten. Oder das Schreiben an der Tastatur, das Schülerinnen und Schülern mit feinmotorischen Schwächen dabei unterstützt, sich stärker auf den Inhalt ihrer Texte zu konzentrieren: Die technischen Voraussetzungen, Kindern mit unterschiedlichem Förderbedarf einen besseren Zugang zu Bildung zu ermöglichen, sind ziemlich ausgereift. „Das Internet ist weitgehend barrierefrei, die meisten PCs und Whiteboards entsprechen dem universal design und werden auch mehr und mehr eingesetzt“, sagt Gregor Renner, Professor für Heilpädagogik und Unterstützte Kommunikation an der Katholischen Hochschule Freiburg. „Ein Unterricht mit digitalen Medien, der konzeptionell auf die Teilhabe aller Kinder ausgerichtet ist, wird aber bisher nur an wenigen Leuchttürmen praktisch erprobt.“

Inklusive Settings – mehr als Technik

Einer dieser Leuchttürme ist die Grund- und Mittelschule Thalmässing, die letztes Jahr den Jakob Muth-Preis für inklusive Schule der Bertelsmann Stiftung erhalten hat. Hier lernen 310 Schülerinnen und Schüler – darunter 32 Kinder mit besonderem Förderbedarf – nach dem Schulmotto „Stärken stärken durch eigenaktives Lernen“. Für den Schulleiter Ottmar Misoph sind dabei alle Kinder Inklusionskinder: „Ob mit emotional-sozialem Förderbedarf, Migrationshintergrund, Autismus oder Hochbegabung – wir müssen alle inkludieren.“ Dafür könne man digitale Medien einsetzten – wenn sie einen pädagogischen und didaktischen Mehrwert hätten.

Deswegen arbeiten Lehrerin Elke Moder und ihre Kollegen immer mehrschichtig – analog und digital. Mit offenen Unterrichtsformen und Binnendifferenzierung schaffen sie inklusive Settings: „Wir haben ein computergestütztes System, auf dem jeder Schüler sein eigenes Konto mit einer eigenen Benutzeroberfläche hat. Da kann jeder nach seinem Tempo und seinen Begabungen an von uns individuell zusammengestellten Wochenaufgaben arbeiten – am PC oder mit anderen Materialien“, erklärt die Pädagogin. Mindestens zwei Stunden am Tag sind an der Schule in Thalmässing für diese „freie Lernzeit“ reserviert: Die Kinder dürfen sich währenddessen im ganzen Schulgebäude aufhalten, die Klassenstufen vermischen sich. „Bei solch offenen Lernumgebungen haben wir viel mehr ‚Lernhelfer‘ als nur uns Lehrkräfte und Sonderpädagogen, denn die Altergenossen unterstützen sich gegenseitig: Die Kinder mit Handicap können sich an ihre Klassenkameraden wenden, die Älteren geben ihre Medienkompetenz an die Jüngeren weiter“, betont Elke Moder. 

Hersteller, Schulpraxis, Forschung – stärkere Zusammenarbeit

Dass eine digital gestützte inklusive Bildung wie in Thalmässing eher ein Einzelfall ist, hat mehrere Gründe: Zum einen fehlt es schon in der Ausbildung von Lehrkräften oft an digitaler Ausstattung und somit auch an neuen Konzepten; zum anderen vergeht viel Zeit, bis inklusive digitale Ansätze wie das aus Thalmässing ihren Weg in die Forschung und dann zurück in die Praxis finden – und somit auch in die Schulbuchverlage. „Erst wenn Inklusion wirklich als Anspruch seitens der Schulen formuliert wird, kann sie auch ihren Weg in die Konzepte der Verlage und Hersteller finden“, erläutert Gregor Renner von der Katholischen Hochschule Freiburg. Deswegen wünscht sich Ottmar Misoph von der Schule in Thalmässing mehr Austausch mit anderen Schulen, aber auch mit Hochschulen und den Herstellern. „Nur so können die Erfahrungen ausstrahlen und in die Breite getragen werden“, so der Schulleiter. Denn für eine flächendeckende und konzeptgebunde Inklusion – und Digitalisierung – bedarf es nicht nur einer angemessenen Finanzierung, sondern vor allem einer stärkeren Zusammenarbeit.

  • Lehrerin Elke Moder von der Grund- und Mittelschule Thalmässing hat das Konzept ihrer Schule bei der Konferenz schulentwicklung.digital des Forum Bildung Digitalisierung vorgestellt. Hier geht es zum Video

  • Unter http://www.inklusive-medienarbeit.de hat sich ein Netzwerk von Projekten zusammengeschlossen, die sich mit dem Thema Medien und Inklusion beschäftigen. Hier findet man viele Informationen, aber auch Fortbildungsangebote und Workshops (vor allem in NRW).

  • Wer mehr über Inklusion und digitale Medien auch außerhalb der Schule erfahren möchte, wird in der Werkstatt.bpb.de fündig.