Zu früh für die Grundschule? Ab wann und wie digitale Medien in der Bildung genutzt werden

Sind digitale Medien jetzt gut oder schlecht für Kinder? An dieser Frage scheiden sich die Geister: Teufelszeug versus Allheilmittel. Dabei kann ein positiver Lerneffekt nur entstehen, wenn digitale Technologien pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden.

Professor S. ist bestürzt. Raubritter August hat seine Forscherkollegin Jeannette entführt, gerade als sie mit der Zeitmaschine im Mittelalter gelandet waren! „Könnt ihr mir helfen, sie zu befreien?“, fleht der zauselige Forscher per Videobotschaft. Aufgeregt sammeln die ViertklässlerInnen der Franz-Marc-Grundschule in Berlin Ideen – Sich als Mönch verkleiden! Die Burg stürmen! Den Wächter austricksen! Bald steht fest: Die SchülerInnen wollen als Gegenleistung für das Passwort zum Verlies eine Buchseite für den Burgherren gestalten. „Aus der fiktiven Geschichte heraus entstehen Aufgaben und die Kinder müssen gemeinsam eine Lösung finden. Wie genau, bleibt ihnen selbst überlassen – und das ist sehr motivierend“, sagt Lehrerin Susanne Kanngießer. Seit einem Jahr setzt die Pädagogin das Computerspiel Professor S. in ihrem Unterricht ein. Bisher als Einzige an ihrer Schule.

Gut oder schlecht für Kinder?

Denn über das Lernen mit digitalen Medien im Kindesalter gehen die Meinungen auseinander. Und auch in der Wissenschaft gibt es widersprüchliche Erkenntnisse: Tablets wirken sich negativ auf Motorik und Sprachentwicklung aus und gehören weder in die Grundschule noch in die Kita, sagen die einen. Die anderen verweisen auf vermeintlich große Lernerfolge durch digitale Medien und fordern eine flächendeckende Ausstattung mit Tablets schon in der Kita.

Ob Kinder mit digitalen Medien besser lernen oder nicht, hält Stefan Aufenanger, Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, aber für die falsche Frage. „Es geht um die pädagogischen Bedingungen beim Einsatz digitaler Medien: um Lernkultur, Lernpsychologie, didaktische Ansätze.“ Wichtig sei, dass Lehrende und Lernende mit den Geräten und ihren Möglichkeiten vertraut gemacht werden – erst dann könnten die Chancen der Digitalisierung wirklich genutzt werden. „Die Technik erlaubt es zwar, naturwissenschaftliche Sachverhalte zu visualisieren, und das hilft einigen SchülerInnen“, so der Bildungsforscher, „wichtiger ist aber, dass Kinder mit digitalen Medien selbstständiger und mobiler arbeiten können – und man wegkommt von einem lehrerzentrierten Unterricht.“

Einsatz in Grundschule und Kita

Das kann beispielsweise gelingen, indem SchülerInnen gemeinsam kreativ an Dokumenten arbeiten, mithilfe von 3D-Druckern Komponenten für Experimente herstellen, oder sich beim Kugelstoßen im Sportunterricht gegenseitig filmen – um später in Mathe optimale Abstoßwinkel zu berechnen. Es ist also möglich, Kinder schon früh auf pädagogisch sinnvolle Weise an digitale Medien heranzuführen. Vielleicht ist es sogar nötig? Immerhin zählt das Spielen mit Smartphones und Tablets schon bei den Drei- bis Achtjährigen zu den „häufigsten Beschäftigungen“, so eine Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI). Einige Kitas und Kindergärten machen Digitalisierung zu ihrem Thema: In einer Mainzer Kita stellen die ErzieherInnen mit den Kindern kreative Trickfilme aus Knetfiguren her, deutschlandweit wird die Lernsoftware Schlaumäuse zur Sprachförderung von Kindern im Vorschulalter eingesetzt, und in einem Berliner Kindergarten dokumentieren ErzieherInnen den Alltag der Kinder per Video, um Eltern, die nicht gut deutsch sprechen, einen Einblick zu ermöglichen.

Einen angemessenen Umgang finden

Bei all diesen Beispielen gilt: Für die Entwicklung von Kleinkindern spielt das haptische Erleben in der analogen Welt eine wichtige Rolle – zeitlich und situativ ist das Spielen oder Lernen mit Tablet oder Smartphone begrenzt. Ein ausschlaggebender Punkt, findet Professor Aufenanger: „Wenn wir Tablet und Smartphone aus den Bildungsinstitutionen verbannen, verlieren wir genau diejenigen Familien aus den Augen, die keinen angemessenen pädagogischen Umgang mit digitalen Medien haben.“ Dabei sollten Kitas oder Grundschulen genau diese Eltern und Kinder dabei unterstützen, einen geeigneten Rahmen für das Spielen mit digitalen Geräten zu finden, so der Forscher weiter.

Auch Lehrerin Susanne Kanngießer setzt das Computerspiel Professor S. nur eine Stunde pro Woche ein. Das betrifft zumindest den digitalen Einsatz via Laptop. Denn die Buchseite, mit der die SchülerInnen Forscherin Jeannette freikaufen wollen, ist noch nicht fertig: Heute haben sich die ViertklässlerInnen online über Kalligrafie im Mittelalter informiert. Nächste Woche werden sie im Deutschunterricht Verse schreiben und im Kunstunterricht mit Tinte und Blattgold ihre Buchseiten gestalten – und zwar ganz analog.