Die Corona-Pandemie hat viele Schulen zu Bildungsinnovatoren gemacht, die Konzepte für das digitale Lehren und Lernen entwickelt und gezeigt haben, was möglich ist, wenn alte Strukturen über Bord geworfen werden. Wie es gelingen kann, am Ball zu bleiben, nicht in alte Muster zu verfallen und den Wandel in die Breite zu tragen, darüber diskutierten auf der sechsten Konferenz Bildung Digitalisierung (#KonfBD21) 1.400 Teilnehmende in über 120 Programmpunkten.
Kontakt
Helen Schwarze (sie/ihr)
Senior Projektmanagement
helen.schwarze@forumbd.de
+49 30 5858466-72
Philipp Schulz (er/ihm)
Leitung Kommunikation
Das Wissen ist da, aber wir tun uns schwer, es in die Breite zu bringen. Wer sich mit der Frage befasst, wie unser Bildungssystem anzupassen wäre an jene komplexen, globalen Transformationsprozesse, die uns jetzt schon überfordern und in Zukunft eine enorme Innovationskraft nötig machen, hört seit Jahren immer wieder diesen einen Satz. Und daran hat offensichtlich auch der Innovationsschub der Corona-Pandemie wenig geändert, wie es schon in den Grußworten zur Konferenz Bildung Digitalisierung 2021 anklang. Zwar habe man einen großen Schritt vorwärts gemacht, gleichwohl befinde man sich erst am Startpunkt eines langen Weges, so Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. „Wir müssen es endlich schaffen, das was wir wissen und an Erfahrung machen, der Breite zur Verfügung stellen“, formulierte es noch direkter die Forderung Karin Priens, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein und designierte Präsidentin der Ständigen Konferenz der Kultusminister im Jahr 2022. Ein „back to normal“ dürfe es nicht geben.
Also, woran liegt es? Was ist das Geheimnis des berühmt-berüchtigten deutschen „Umsetzungsproblems“? Während in früheren Konferenzen das Thema technische Ausstattung noch viele Diskussionen dominierte, war in diesem Jahr ein interessanter Perspektivwechsel zu spüren. Auch weil inzwischen deutlich mehr Schulen Erfahrungen im Einsatz digitaler Medien machen konnten und mit dem DigitalPakt Schule ein erster wichtiger Schritt in Richtung flächendeckender IT-Förderung getan wurde, traten vor allem Fragen der Didaktik und Schulentwicklung in den Vordergrund. Wie kann zeitgemäßer Unterricht gelingen? Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein? Und welche Rolle spielt hierbei die Haltung der Akteure im System? Selbst unter den zehn Denkanstößen, die das Forum Bildung Digitalisierung den rund 1.400 Teilnehmenden und 150 Speaker:innen zur Konferenz mit auf den Weg gegeben hatte, bezog sich nur eine Forderung konkret auf Technik und Lerninfrastruktur. Sonst: Ganzheitliche Schulentwicklung, partizipatives Unterrichtsdesign und – vor allem und an erster Stelle – die Arbeit am professionellen Selbstverständnis von Lehrkräften, Schulleitungen und Schulverwaltungen.
Die Zukunft spüren
Dass ohne das entsprechende Mindset der Beteiligten Transformationsprozesse kaum umzusetzen sind, weiß man in der Managementtheorie schon lange. Doch was ist das richtige Mindset? Und wie lässt es sich herstellen? Otto Scharmer, Senior Lecturer an der Sloan School of Management, Massachusetts Institute of Technology (MIT), beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit genau dieser Frage. In seiner Theorie U entwirft er ein Prozessmodell, das zu verstehen hilft, wie Wandel und Innovation möglich werden können. Denn Innovationskraft, so Scharmer in seiner Keynote, werden wir in Zukunft dringend brauchen. „Es wird uns immer schwerer fallen, Entwicklungen zu antizipieren. Niemand weiß, wie die Zukunft aussehen wird. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass wir mehr Disruption erleben werden.“
Der Aktionsforscher Scharmer plädiert deshalb für die konsequente Arbeit an der eigenen Haltung. Nur wer sich öffne, dabei seine eigene Rolle reflektiere und den Mut habe zu experimentieren, ist bereit für die Zukunft. Man müsse diese „spüren“ sagt Scharmer – und meint dabei vor allem das Denken „out of the box“, das Überwinden eigener Filterblasen, das Erleben von Selbstwirksamkeit. „Eine der größten Barrieren für Veränderung ist der Zweifel, ob Veränderung überhaupt möglich ist. Den kann man nicht mit guten Argumenten austreiben, sondern nur mit der Aktivierung von Erfahrungsräumen“, erklärt Scharmer. „Wir können die Probleme der Gegenwart nur dann lösen, wenn es uns gelingt, schöpferische soziale Felder zu aktivieren.“
Individuelle Entwicklungsräume
Wie entscheidend die Überzeugungen von Lehrenden im Kontext von Schultransformation sind, zeigt eine Studie des Schulleiters Micha Pallesche, gemeinsam vorgestellt mit Uta Hauck-Thum, Professorin am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Demnach hat die innere Haltung einer Lehrkraft eine hohe Bedeutung für ihre professionelle Kompetenz. „Wie eine Lehrkraft sich im Schulalltag verhält, wird nicht nur von ihrem erworbenen Wissen, sondern vor allem von ihren Überzeugungen bestimmt“, so Hauck-Thum. „Besonders, wenn sie unter Stress stehen.“ Ziel müsse es sein, neue Erfahrungen zu generieren, zum Beispiel, indem man gemeinsam mit anderen Kolleg:innen eine Schule besucht, die bestimmte Entwicklungsschritte bereits gegangen ist. Wer diese Dimension nicht mitdenke, werde wenig mehr erreichen als die Optimierung bestehender Strukturen. Dazu passte die in vielen Panels und Sessions immer wieder formulierte Erkenntnis, wie wenig hilfreich on top verordnete Qualifizierungsmaßnahmen sind, wenn die Teilnehmenden im Grund gar nicht bereit wären für echte Veränderung.
Auch Nina Bremm, Professorin für Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Zürich, stellte in ihrer Keynote die Frage, wie gut Schulen eigentlich darin sind, sich weiterzuentwickeln. Und kommt zum Ergebnis: Echtes Change Management im Bildungsbereich muss deutlich stärker von der Entwicklung einzelner Bildungsakteure aus gedacht werden, als von der Gesamtorganisation Schulen. Ähnlich wie Hauck-Thum und Pallesche plädiert Bremm für mehr individuelle Entwicklungsräume und den Abbau institutioneller Steuerungslogiken. „Wir haben uns in Deutschland für ein System entschieden, in dem Lehrkräfte zwar sehr gut bezahlt und ausgebildet werden, aber viel zu weisungsgebunden sind, um sich entwickeln zu können.“ Was auch erkläre, dass in der Lernforschung zwar alle Settings für guten Unterricht auf dem Tisch liegen, diese aber nach wie vor erst in wenigen Modellschulen umgesetzt werden. „Die einzelne Unterrichtsgestaltung mag innovativ sein, in der Breite passiert leider immer noch zu wenig.“
Tiefes Lernen
Tief in die Theorie und Praxis dieser guten Unterrichtssettings tauchte Anne Sliwka, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Heidelberg, ein. Schon zum wiederholten Mal stellt die vielgereiste Wissenschaftlerin das Konzept des Deeper Learnings vor, auch in diesem Jahr eine der bestbesuchten Sessions der Konferenz. Und das ist auch kein Wunder, geht es doch um eine bereits in vielen Ländern angewandte Unterrichtspraxis, die vieles von dem einzulösen scheint, was an Forderungen an eine zeitgemäße Unterrichtspraxis im Raum steht – insbesondere der Aspekt des partizipativen Lehrens und Lernens. Denn Deeper Learning setzt zentral auf Ko-Kreation. Nach einer instruktiven Phase, in der Lernende sich ein Wissensfundament aneignen, geht es im nächsten Schritt darum, sich dieses Wissen auch anzueignen. „Die Schüler:innen sollen eine eigene Stimme finden, die Relevanz des Themas für sich selbst entdecken“, so Sliwka. „Auch um eben wegzukommen von der Haltung: Das ist eh nur für die Klassenarbeit.“ Am Ende steht eine authentische Lernleistung – etwa in Form eines gemeinsam gestalteten Blogs, einer Konferenz, eines Buches, Designobjekts oder einer Tanzperformance.
Das Charmante an Deeper Learning: Es kombiniert Methoden der Wissensvermittlung, statt die eine durch die andere zu ersetzen. Instruktive Elemente bringen alle Schüler:innen auf einen Stand, durchaus im Setting des unter Bildungsinnovator:innen eigentlich wenig geschätzten Frontalunterrichts. Die Lehrkraft fungiert dabei als „klassischer“ Wissensvermittelnder. Ko-kreative Phasen brechen dieses Setting dann wieder auf, die Lehrer:innen wechseln ihre Rolle und werden zu Lernbegleiter:innen. Und nicht nur das: „Die Rollen sind noch komplexer: Mal ist man Manager:in, mal Designer:in, mal Feedbackgeber:in“, so Sliwka. „Und auch die Schüler:innen sind nicht mehr nur Lernende, sondern bringen ihr eigenes Wissen aktiv ein.“
Echte Transformationsprozesse
Dass Deeper Learning funktioniert, ist inzwischen durch viele Praxisbeispiele aus Ländern wie Kanada, Singapur, Finnland und Dänemark belegt. Um insbesondere die Rolle der digitalen Medien im Lernprozess näher zu untersuchen, wird dennoch weiter geforscht. Zum Beispiel im Projekt Digitale Chancengerechtigkeit (DCG), das an der LMU München angesiedelt ist und kooperative Lehr- und Lernsettings in der Grundschule untersucht. Gemessen wird der kreative Output einer Klasse, der digitale Technik zur Verfügung steht, sowie einer weiteren, die auf analoge Materialien zurückgreift, jeweils basierend auf der Annahme, dass individuelle Kreativität sich erst in der Gemeinschaft festigt. „Alle sprechen von Kreativität als zentrale Zukunftskompetenz. Wie diese sich aber in der Praxis manifestiert, ist erstaunlicherweise noch wenig beforscht“, so Forschungsleiterin Uta Hauck-Thum.
Erste Ergebnisse stellen deutliche Unterschiede zwischen den analogen und digital unterstützten Lernsettings fest. Kinder aus der Digitalklasse zeigten sich neugieriger, einfallsreicher, beharrlicher, kooperativer und fokussierter bei der Bewältigung einer Aufgabe. Insbesondere Kinder aus bildungsfernen Schichten konnten sich in der Digitalklasse deutlich leichter einbringen. „Digitale Medien machen nun einmal einen großen Teil der Alltagserfahrungen vieler Kinder aus, und zwar durch alle Milieus hinweg. Dieser Tatsache sollten wir uns auch in der Unterrichtsgestaltung stellen“, so Hauck-Thum. Noch sei es zu früh für ein abschließendes Ergebnis, unklar auch, ob die Begeisterung für digitale Medien nach einiger Zeit nachlässt. Entscheidend für Hauck-Thum sei es in jedem Fall, den Blick der Bildungswissenschaft für echte Transformationsprozesse zu schärfen. „Viele Studien fragen einfach: Wie können wir das etablierte Lernen optimieren? Dabei sollten wir uns darauf konzentrieren, wie ein grundlegend angepasster Unterricht uns einen echten Vorteil in der Aneignung von Zukunftskompetenzen verschafft.“
Es gibt viel zu wenig tun
Was bleibt von der KonfBD21? Zunächst die Erkenntnis, dass „der Zweifel weg ist, ob wir uns überhaupt verändern müssen“, so Jacob Chammon, Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung. Wenngleich auch in der Schlussrunde mit Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn, Nina Lemmens, Vorständin der Joachim Herz Stiftung und Silke Müller, Schulleiterin der Waldschule Hatten, die Einsicht überwog: Es gibt immer noch viel zu tun! „Selbst wenn wir endlich stärker ins Handeln kommen, wird das alleine nicht reichen“, so Birgit Eickelmann, die noch einmal den Bezug zur Auftakt-Keynote von Otto Scharmer herstellte. „Wir müssen Begeisterung für die Zukunft wecken, sowohl bei den Lehrenden wie Lernenden.“ Für die Praktikerin Silke Müller ist klar: Das geht nur vor Ort, im Kollegium, und besonders jetzt, da der Veränderungsdruck so hoch und gleichzeitig die Sehnsucht so groß ist, einfach wieder zurück ins „alte Normal“ zu fallen: „Wir müssen alle überzeugen, dass wir in einem Umbruch sind. Und wir brauchen mehr Wertschätzung für die Basis, also für diejenigen, die den Wandel in unseren Schulen aktiv gestalten.“