Jenseits der Debatten um Social-Media-Verbote stehen Schulen vor der Herausforderung, Kinder und Jugendliche im digitalen Raum zu schützen und zugleich zu einer selbstbestimmten Nutzung zu befähigen. Die Frage, wie dieser Balanceakt gelingt, stand im Mittelpunkt der Fachtagung „Dimension Digitalisierung“ am 17. und 18. Juni 2026 in der Bayerischen Vertretung in Berlin. Unter dem Motto „Gesund. Digital. Lernen.“ diskutierten 150 Verantwortliche und Expert:innen aus Ministerien, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft Rahmenbedingungen und erfolgreiche Ansätze für ein besseres schulisches Wohlbefinden und eine lernförderliche Gestaltung im digitalen Raum.

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Es lernt sich besser, wenn es einem gut geht. Eine Binsenweisheit, die für Schulen aber eine große Herausforderung darstellt. Ein Viertel der Schüler:innen fühlt sich psychisch belastet, hat das Deutsche Schulbarometer gezeigt. Die Lernmotivation nimmt laut jüngstem IQB-Bildungstrend hingegen ab. Gleichzeitig verbringen junge Menschen mehr Zeit in digitalen Räumen – im Schnitt fast vier Stunden täglich. Das Smartphone ist ein ständiger Begleiter. Dabei zeigt sich ein ambivalentes Erleben: Die Nutzung digitaler Tools und Plattformen ermöglicht soziale Kontakte, Zugehörigkeit, den Zugang zu Informationen und eine leichtere Organisation des Alltags. Andererseits kann sie zu Kontrollverlust, Belastungen oder auch Gefährdungen wie Cybergrooming führen.

Es greift zu kurz, vorschnell Kausalitäten herzustellen, vor allem zwischen dem wachsenden Social-Media-Konsum und der Verschlechterung des Wohlbefindens. Viel deutet aber darauf hin, dass es Zusammenhänge gibt. Es braucht also Strategien, um Schüler:innen gutes Lernen in der Digitalität zu ermöglichen, ihre Kompetenzen für ein selbstbestimmtes Agieren im digitalen Raum zu stärken und sie zugleich vor Belastungen zu schützen.

„Medienkompetenz entsteht nicht automatisch mit einem bestimmten Geburtstag“

Vor diesem Hintergrund lautete das Thema der Fachtagung „Dimension Digitalisierung“ in diesem Jahr: „Gesund. Digital. Lernen.“ Ausgerichtet wurde sie gemeinsam von der Kultusministerkonferenz (KMK), dem Forum Bildung Digitalisierung und dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus als Präsidentschaftsland der Bildungsministerkonferenz (Bildungs-MK) 2026. Das Anliegen, Medienkompetenz und digitales Wohlbefinden in den Fokus zu rücken, erklärte Anna Stolz, Bayerische Kultusministerin und Präsidentin der Bildungs-MK, im Vorfeld so: „Medienkompetenz entsteht nicht automatisch mit einem bestimmten Geburtstag. Junge Menschen müssen erst lernen, Informationen kritisch einzuordnen, Manipulation zu erkennen und Fakten von Fälschungen zu unterscheiden.“ Schule habe dabei eine Schlüsselrolle. „Sie gibt Orientierung und vermittelt die Kompetenzen, die junge Menschen für ein gesundes und erfolgreiches Leben in einer digitalen Welt brauchen.“

Vier Kernfragen standen dazu bei der Tagung im Fokus:

  • Wie können Lernende digitale Medien kompetent und reflektiert nutzen?
  • Wie lässt sich digitales Wohlbefinden im Schulkontext fördern?
  • Was braucht es für mehr Balance und Resilienz in digitalen Lebenswelten?
  • Wie lässt sich Schutz realisieren, ohne die Chancen digitaler Räume einzuengen?

Dazu gab es eine Fülle von Inputs, Diskussionsformaten und Vernetzungsmöglichkeiten. Herzstück des Programms waren zehn Fachforen, die wissenschaftliche Vertiefungen durch Praxisbeispiele ergänzten. Es ging beispielsweise darum, wie sich positive Aspekte von Gaming für den Unterricht nutzbar machen lassen, wie ein besserer Schutz vor extremistischen Inhalten aussieht oder wie junge Menschen ihre digitalen Zeiten verantwortungsvoll steuern können. Dazu hat das bayerische Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung einen Chat-Kompass für Grundschulen und einen Social-Media-Kompass für weiterführende Schulen vorgestellt. Beide Angebote stehen Schulen ab Juli im Rahmen der Offensive für mehr digitale Balance zur Verfügung.

Nutzung von Social Media nicht per se gut oder schlecht

Jenseits der oft hitzig geführten Debatte um Verbote und Altersbeschränkungen zu Social Media und Smartphones war die Tagung von sachlichen Diskussionen geprägt. Das knüpft an die Tonalität an, die zuletzt die Expert:innenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“, der Ethikrat mit seiner Ad-hoc-Stellungnahme und die Bildungsministerkonferenz mit ihrer gemeinsamen Erklärung zum Umgang mit Social Media im schulischen Bereich gewählt haben: Sie alle betonen, dass Schutz vor Risiken mit der Befähigung zu einem verantwortungsvollen Umgang einhergehen muss.

Mehr Differenzierung in der Debatte mahnte auch Klaus Hurrelmann in seiner Keynote „Gesund aufwachsen in der digitalen Welt – Wohlbefinden zwischen Unsicherheit und Gestaltung“ an. Der Soziologe und Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School in Berlin machte deutlich: „Die Nutzung von Online-Plattformen ist weder grundsätzlich positiv noch grundsätzlich schädlich. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Technik, Inhalt, sozialer Begleitung und persönlichen Ressourcen.“ 70 Prozent der Jugendlichen seien in der Lage, digital souverän zu agieren. Die wichtige Frage sei doch: „Warum gelingt es der Mehrheit der jungen Menschen, ihre Social-Media-Nutzung reflektiert und souverän zu steuern, während die zugegebenermaßen große Minderheit mit Überforderung und Kontrollverlust zu kämpfen hat?“

Schule hat eine Schlüsselrolle bei der Kompetenzvermittlung

Wie junge Menschen Plattformen nutzen und wie Inhalte wirken, hängt aus Sicht des Soziologen stark vom sozialen Umfeld ab: Familie, Kita, Schule, Freundeskreis. Wichtig sei außerdem, wie gut Kinder und Jugendliche ihre persönlichen Ressourcen nutzen können: Selbstvertrauen, Selbstregulation, emotionale Stabilität, soziale Kompetenz und kritisches Urteilsvermögen seien entscheidend, um sich souverän in digitalen Räumen zu bewegen.

Schule ist für die Vermittlung dieser Kompetenzen entscheidend. Allerdings müssten ebenso die Lehrkräfte im Blick sein, machte Rudolf Kammerl, Professor für Pädagogik mit Schwerpunkt Medienpädagogik an der
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, im Fachforum „Medienbildung und Digital Wellbeing in Schulentwicklung“ deutlich. Denn auch für sie sei eine reflektierte Mediennutzung oft schwierig. „Technostress entsteht nicht durch Geräte, sondern durch soziale Normen: schnelles Antworten, fehlende Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit.“ Hier brauche es mehr Verbindlichkeit auch innerhalb der Schule, welche Kanäle wie für was genutzt werden. Das müsse Teil der Schulentwicklung sein. Denn junge Menschen können nicht Resilienz aufbauen, wenn sie von Eltern und pädagogischem Personal umgeben sind, denen das nicht gelingt.

Zu welchen Auswüchsen, aber auch Lösungen exzessiver Medienkonsum führen kann, zeigten Vertreter der Heinrich-Bußmann-Schule, einer Hauptschule aus Lünen bei Dortmund. „Wenn ich in eine neue Klasse gehe, frage ich immer nach dem Social-Media-Konsum“, erzählte Lehrer Serhat Cakir. Die Antwort, die er bekommt: zehn, elf Stunden, manchmal mehr – pro Tag. Die Schule hat den Handlungsdruck erkannt und gemeinsam mit Partnerschulen in der Türkei und Bulgarien das Erasmus+-Projekt Digital Wellbeing an ihrer Schule umgesetzt. Konkret geht es darum, die Jugendlichen für ihren Medienkonsum zu sensibilisieren und auf Risiken aufmerksam zu machen. Dazu gehört auch ein Digital-Detox-Experiment: Schüler:innen verzichten freiwillig für eine Woche auf soziale Medien, um die Auswirkungen auf ihren Alltag zu reflektieren.

Niedrigschwellige Peer-to-Peer-Ansätze

Im Rahmen der Digital-Wellbeing-Strategie beteiligt sich die Schule seit einem Jahr außerdem an dem NRW-weiten Programm Medienscouts. Nach dem Peer-to-Peer-Ansatz werden Schüler:innen zu Medienscouts ausgebildet, um andere Schüler:innen aufzuklären und sie zu einem gesünderen Umgang mit Social Media zu bewegen.

Ein anderes niedrigschwelliges Peer-to-Peer-Projekt, das in einem Fachforum Thema war, ist JUUUPORT. Bei dem bundesweiten Online-Beratungsangebot, das mehrere Landesmedienanstalten fördern, bekommen junge Menschen Rat von anderen jungen Menschen. Anonym, vertraulich und kostenlos können sie bei Problemen wie Mobbing im Klassenchat, Cybergrooming, Mediensucht oder die Konfrontation mit extremistischen Inhalten Anfragen stellen. Zehn Hauptamtliche, vor allem Medienpädagog:innen, und etwa 35 ehrenamtliche Scouts gehören zum Team.

Hauptamtliche prüfen zunächst jede Anfrage. „Bei Suizidgedanken oder selbstverletzendem Verhalten übernehmen das nicht Scouts, sondern Personen, die dafür speziell ausgebildet sind“, erklärte Ann-Kristin Gaumann, die für die Aus- und Weiterbildung der Scouts zuständig ist. Es geht dann darum, Ratsuchende dazu zu bewegen, sich professionelle Hilfe zu holen oder sich an eine Vertrauensperson zum Beispiel im schulischen Umfeld zu wenden. Was Gaumann erschüttert: „Oft gibt es keine solche Person im Umfeld der Betroffenen, zumindest kennen sie niemanden.“

Factsheet „Digitales Wohlbefinden“

Das Factsheet bündelt aktuelle Zahlen dazu, wie Kinder und Jugendliche in Deutschland digitale Medien nutzen und erleben. Zugleich richtet das Factsheet den Blick ins Ausland und leitet sechs Gelingensbedingungen ab.

Datenerhebungen sind auch im Bereich Wellbeing möglich

Es sind große Aufgaben, die weit über den Raum Schule hinausreichen. Und vor denen auch andere Nationen stehen. Sie finden zum Teil aber schon Lösungsansätze. Zum Beispiel in Dänemark. Gitte Lohse, die in der kommunalen Verwaltung von Kopenhagen zuständig für die Qualitätsentwicklung in der frühkindlichen Bildung und Betreuung sowie im Schulwesen ist, gab auf der Fachtagung einen Einblick in die Wellbeing-Strategie des Landes. Dänemark führt seit 2015 einmal im Jahr auf nationaler Ebene Erhebungen zum Wellbeing von Kindern und Jugendlichen durch. Die Stadt Kopenhagen ergänzt diese seit 2021 durch eine zusätzliche Befragung in der dritten, sechsten und neunten Klasse. Hier geht es auch um das Verhalten im digitalen Raum. „Wir haben gesehen, dass es den Kindern nicht gut geht“, erklärt Lohse, die früher selbst eine Schule in Kopenhagen geleitet hat, was den Anstoß gab.

Die Datenerhebungen dienen zum einen als Grundlage für die administrative Bildungssteuerung und zum anderen den Schulen selbst, um pädagogisch nachzusteuern. Sind die Ergebnisse schlecht, haben die Schulen zwar viel Freiraum, um Lösungen zu finden, aber sie sind auch angehalten, solche Lösungen zu finden. Gleichzeitig bleibt die Einzelschule mit dem Problem nicht allein, sondern es gibt Aktionspläne auf kommunaler Ebene. Ein Beispiel: In der Umfrage von 2021 kam heraus, dass nicht mal die Hälfte der Neuntklässler:innen acht bis neun Stunden schläft – die von Ärzten empfohlene Schlafzeit.

Als Reaktion auf das Ergebnis startete 2023 ein Modellversuch an zunächst zwölf Schulen in Kopenhagen, den Unterrichtsbeginn für Siebt- bis Neuntklässler:innen von 8 Uhr auf 8:35 Uhr zu verschieben. Die Evaluation zeigte, dass die Zahl derjenigen, die ausreichend schliefen, wieder auf 62 Prozent anstieg. Auch wenn es hier nur um ein Detail geht, macht es deutlich, wie die verschiedenen Ebenen – von der Einzelschule bis zur Verwaltung – bei der Problembewältigung zusammenwirken können und welche Rolle Datenerhebungen dabei spielen können.

Ein weiteres internationales Beispiel, das auf der Konferenz vorgestellt wurde, kommt aus Irland. Das dort bereits vor 20 Jahren entwickelte Programm Mindout ist inzwischen in den Startchancen-Schulen in Nordrhein-Westfalen angekommen. Die TU Dortmund begleitet und evaluiert den Prozess der Adaption – mit sehr positiven Ergebnissen. Das Programm stärkt in 13 interaktiv gestalteten Sitzungen Jugendliche ab der neunten Klasse in ihren sozial-emotionalen Kompetenzen und damit auch in ihrem Wohlbefinden. In interaktiven Übungen lernen sie beispielsweise, eigene Gedanken zu hinterfragen und Strategien für den Umgang mit belastenden Situationen – auch im digitalen Raum – zu entwickeln.

Ganzheitlicher Ansatz und Zusammenwirken aller Akteur:innen

Die Tagung hat deutlich gemacht: Es gibt nicht die eine Strategie oder Maßnahme, die zu einem reflektierten Umgang mit Social Media und Digital Wellbeing führt. Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz und eine Verzahnung vieler Kräfte: Alle Ebenen im Bildungssystem, außerschulische Partner und auch Eltern müssen zusammenwirken. Aber wie lassen sich gerade Eltern gut einbeziehen? Und inwieweit können sie, die oft selbst nicht immer souverän im digitalen Raum agieren, ihre Kinder unterstützen?

Das war nur eine Frage, zu der nach der Fachtagung sicher noch zu diskutieren ist. Eine weitere ist, wie Kinder und Jugendliche mit ihren unterschiedlichen Ausgangslagen die passende Unterstützung bekommen, um sich souverän im digitalen Raum zu bewegen. „Es macht einen Unterschied, ob jemand 3 Jahre, 13 Jahre oder 23 Jahre alt ist“, betonte Petra Bahr, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, im Abschlusspanel. Daher seien differenzierte Regelungen zu Altersbeschränkungen von Social Media aus ihrer Sicht genauso wichtig wie altersentsprechende Kompetenzvermittlung. Um zu wissen, was wer braucht, komme es einmal mehr auf eine starke Beziehungsarbeit an, ergänzte Udo Michallik, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, „die muss geleistet werden, um an den Kindern dran zu sein und adäquat reagieren zu können“.

Wie dringlich die Aufgabe ist, Antworten auf die vielen Fragen zu finden und junge Menschen im Digital Wellbeing zu stärken, dazu blieb ein Gedanke von Ralph Müller-Eiselt, Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung, hängen: „Wir müssen durch viele Spannungsfelder navigieren, eines ist Innovationstempo versus menschliche Adaption. Digitale Innovation dauert manchmal nur sieben Tage. Veränderungen im Schulsystem eher sieben Jahre.“ Klar ist: So lange können Kinder und Jugendliche auf die Antworten nicht warten.