Chancen der Digitalisierung für Schule

Foto: Michael Setzpfandt / CC BY 4.0

CHANCEN DER DIGITALISIERUNG FÜR SCHULE

von Andreas Schleicher

Globalisierung und Digitalisierung verwandeln unsere Volkswirtschaften in regionale Produktionszentren, die durch globale Informations- und Wertschöpfungsketten eng miteinander verknüpft sind; die sich aber vor allem dort konzentrieren, wo Wettbewerbsvorteile geschaffen werden. Die Verteilung von Wissen und Vermögen ist dabei entscheidend und hängt wiederum eng mit der Verteilung von Bildungschancen zusammen. Aber auch wenn Globalisierung und digitale Technologien disruptive Auswirkungen auf unsere Wirtschafts- und Sozialstruktur haben können, so sind deren Folgen nicht vorherbestimmt. Es hängt von unserer kollektiven und systemischen Reaktion auf diese Verwerfungen ab, in welcher Weise sie auf uns wirken. Bildung spielt hier eine zentrale Rolle.

Es ist dabei wichtig, den Blick nach vorne zu richten. Unsere heutigen Schulen sind eine Erfindung des Industriezeitalters, als die vorherrschenden Normen Standardisierung und Regelkonformität waren. Damals war es sowohl effektiv als auch effizient, Schüler*innen in Klassenverbänden auf die Reproduktion standardisierter Lerninhalte vorzubereiten, und die Lehrkräfte ein einziges Mal für ihre gesamte Laufbahn auszubilden. Es war ein pyramidales System: Die Lehrpläne, die festlegten, was Schüler*innen lernen sollten, wurden ganz oben entworfen und dann auf Lehrmittel, die Lehrerausbildung und das Lernumfeld übertragen. Dabei durchliefen sie häufig mehrere Verwaltungsebenen, bis sie schließlich bei den einzelnen Lehrkräften ankamen und von ihnen im Unterricht umgesetzt wurden.

"Heute müssen Schulen die Schüler*innen auf einen rascheren Wandel vorbereiten als je zuvor; sie befähigen, für Arbeitsplätze zu lernen, die es noch gar nicht gibt, gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen, die wir uns derzeit noch nicht vorstellen können und Technologien einzusetzen, die noch nicht erfunden wurden."

Diese vom industriellen Arbeitsmodell abgeleitete Struktur hat zur Folge, dass eine Neuausrichtung der Schulen in unserer schnelllebigen Welt viel zu langsam vorangeht. Die gesellschaftlichen Veränderungen haben die strukturelle Reaktionsfähigkeit unserer heutigen Bildungssysteme bei Weitem überholt. Selbst die besten Bildungsminister können den Bedürfnissen von Millionen von Schüler*innen, Hunderttausenden von Lehrkräften und Zehntausenden von Schulen nicht mehr gerecht werden. Die Herausforderung besteht darin, auf der fachlichen Kompetenz der Lehrkräfte und Schulleitungen vor Ort aufzubauen, und sie in die Gestaltung besserer Politik und Praxis einzubeziehen. Weniger als ein Fünftel der Entscheidungen für die Gestaltung und Organisation der Schulpraxis werden in Deutschland in den Schulen getroffen, in den Niederlanden sind es 90%, im OECD-Mittel noch über ein Drittel. Natürlich bedarf es dafür sorgfältig gestalteter Rahmenbedingungen, unter denen sich die Innovationskraft von Lehrkräften und Schulen entfalten und die Fähigkeit zum Wandel entwickeln können. 

Heute müssen Schulen die Schüler*innen auf einen rascheren Wandel vorbereiten als je zuvor; sie befähigen, für Arbeitsplätze zu lernen, die es noch gar nicht gibt, gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen, die wir uns derzeit noch nicht vorstellen können und Technologien einzusetzen, die noch nicht erfunden wurden. Dabei lassen sich Dinge, die sich einfach unterrichten lassen, heute eben auch leicht digitalisieren und automatisieren. In Zukunft wird es darum gehen, die künstliche Intelligenz von Computern mit unseren kognitiven, sozialen und emotionalen Kompetenzen sowie menschlichen Werten zu verknüpfen. Es wird auf unsere Phantasie und unser Verantwortungsbewusstsein ankommen, um die Digitalisierung so zu nutzen, dass wir die Welt zum Besseren verändern.

Was Schüler*innen heute lernen müssen

Natürlich wird solides Sachwissen immer wichtig bleiben. Die moderne Welt aber belohnt uns nicht mehr allein für das was wir Wissen – Google weiß ja schon alles – sondern für das, was wir mit dem was wir wissen, tun können, für unsere Fähigkeit, Wissen kreativ auf neue Situationen zu übertragen. Genau das fällt deutschen Schüler*innen im PISA-Vergleich heute noch schwer. Epistemisches Wissen – z.B. denken können wie ein Naturwissenschaftler, Philosoph oder Mathematiker – wird wichtiger als das Sachwissen über spezifische Formeln, Namen oder Orte. So muss es in der Schule heute sehr viel stärker darum gehen, Denkmethoden (die Kreativität, kritisches Denken, Problemlösefähigkeit und Urteilsfähigkeit erfordern), Arbeitsmethoden (insbesondere Kommunikation und Teamarbeit), Arbeitsinstrumente (darunter die Fähigkeit, das Potenzial neuer Technologien zu erkennen und voll auszuschöpfen), aber auch die Fähigkeit zu entwickeln, in einer facettenreichen Welt als aktiver und verantwortungsvoller Bürger zu leben.

Die herkömmliche Strategie deutscher Schulen besteht häufig darin, Probleme in überschaubare Teile zu zerlegen und den Schüler*innen dann beizubringen, diese Puzzleteile zu bearbeiten oder auswendig zu lernen. In modernen Gesellschaften erfolgt Wertschöpfung, indem verschiedene Wissensgebiete zusammengeführt und Ideen miteinander verknüpft werden, die zuvor in keinem Zusammenhang zueinander zu stehen schienen. Dies setzt voraus, mit anderen Denkweisen vertraut und aufgeschlossen für sie zu sein.

Vernetzung ist wichtig

In den Schulen von heute lernen Schüler*innen meist individuell, und am Ende des Schuljahres bescheinigen wir ihnen ihre persönlichen Leistungen. Je stärker die Welt aber von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägt ist, desto mehr brauchen wir Menschen, die gut zusammenarbeiten und die das Miteinander koordinieren. Innovationen werden heute selten von Einzelpersonen hervorgebracht, sondern sind vielmehr ein Produkt unserer Fähigkeit, Wissen zu aktivieren, zu teilen und zusammenzuführen. Schulen müssen daher Lernumgebungen entwickeln, in denen Schüler*innen lernen, selbständig zu denken und gemeinsam mit anderen zu handeln.

Die Algorithmen der sozialen Medien teilen uns oft in Gruppen Gleichgesinnter ein. Sie erzeugen virtuelle Blasen, die unsere Überzeugungen verstärken und uns von abweichenden Ansichten abschirmen; sie vereinheitlichen Meinungen und polarisieren unsere Gesellschaften. Schulen müssen den Schüler*inneb helfen, anderen mit Empathie zu begegnen, im Arbeitsleben und als mündige Bürger; sowie ein ausgeprägtes Rechtsbewusstsein, Sensibilität für die Erwartungen anderer an uns sowie ein Verständnis für die Grenzen individuellen und kollektiven Handelns zu entwickeln. Am Arbeitsplatz, zu Hause und in der Gemeinschaft werden Menschen lernen müssen, wie andere in fremden Kulturen und Traditionen leben und denken – ob als Wissenschaftler oder als Künstler. Die Fähigkeit, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, eröffnet neue Möglichkeiten, die eigenen Sichtweisen zu vertiefen und in Frage zu stellen und reifere Entscheidungen zu treffen.

  • In Zukunft sollte Unterricht in Schulen projektorientiert sein. Zudem müssen Schüler*innen dazu befähigt werden, verschiedene Perspektiven einnehmen zu können.

    Foto: Florian Freund / CC BY 4.0

  • Schulen und Lehrkräfte sollten sich stärker vernetzen, sowohl mit anderen Schulen als auch mit außerschulischen Partnern.

    Foto: Florian Freund / CC BY 4.0

Heute dominiert oft das Trennende – Lehrkräfte und Lehrinhalte werden auf Fächer aufgeteilt, die Lernenden nach ihren künftigen Berufsaussichten getrennt. In den Schulen bleiben die Schüler*innen unter sich und der Rest der Welt außen vor. Es mangelt an Zusammenarbeit mit den Familien, und Partnerschaften mit anderen Schulen werden oft mit Vorbehalten gesehen. In Zukunft muss der Unterricht stärker projektorientiert sein und Erfahrungen vermitteln, die Schüler*innen das fächerübergreifende Denken erleichtern. Die Gegenwart ist hierarchisch geprägt, die Zukunft ist partnerschaftlich organisiert: Lehrkräfte und Schüler*innen werden gleichermaßen als Wissensquelle anerkannt. Moderne Lernumgebungen schaffen Synergien und öffnen neue Wege, um berufliches, soziales und kulturelles Kapital zu stärken. In einer Welt komplexer Lernsysteme begrenzt Isolation das Entfaltungspotenzial erheblich. Der Blick darf nicht mehr nach oben in die bürokratische Hierarchie, sondern muss nach außen gerichtet werden, auf die Kolleg*innen, Schulen und Bildungssysteme nebenan. Heute steht bei den Behörden das Schulmanagement im Mittelpunkt, in Zukunft muss der Fokus auf Schulentwicklung liegen, wobei es Aufgabe moderner Schulleitungen ist, hoch qualifizierte Lehrkräfte zu unterstützen, zu fördern und zu evaluieren sowie attraktive Karrieren zu fördern und zu begleiten.

Vielfältige Lernwege

Heute werden unterschiedliche Schüler*innen auf die gleiche Art und Weise unterrichtet. In Zukunft müssen Schulsysteme der Vielfalt mit differenzierten Lernmethoden begegnen. Heute stehen Standardisierung und Regelkonformität im Vordergrund, und Schüler*innen werden in Alterskohorten nach demselben Standardlehrplan unterrichtet. In Zukunft müssen Unterrichtsinhalte auf den Interessen und Fähigkeiten der Schüler*innen aufbauen. Lehrkräfte müssen erkennen, wie jeder anders lernt und in unterschiedlichen Phasen seines Lebens anders an Aufgaben herangeht. Sie müssen neue Wege der Bildungsvermittlung eröffnen, die dem Lernenden das Lernen näherbringen und seinen Lernfortschritt bestmöglich fördern. Lernen ist kein Ort, sondern eine Aktivität.

Heute sind Schulen technische Inseln. Der Einsatz von Technologien beschränkt sich häufig auf bereits bekannte Praxis. In Zukunft müssen die Schulen das Potenzial neuer Technologien kreativ nutzen, um das Lernen von überkommenen Konventionen zu befreien und die Lernenden auf neue und dynamische Weise zu verbinden.

  • Auf Konferenzen und Fachtagungen bringt das Forum Bildung Digitalisierung unterschiedliche Akteure aus dem Bildungssystem zusammen.

    Foto: Florian Freund / CC BY 4.0

  • Die Zusammenarbeit an innovativen Lösungen zwischen allen Akteuren wird in Zukunft immer wichtiger sein.

    Foto: Florian Freund / CC BY 4.0

Politik und Verwaltung als Triebkraft für Innovationen

Natürlich kann die Politik nicht direkt für Innovationen im Klassenzimmer sorgen, sie kann sich aber für Veränderungen stark machen und ein Leitbild für das Lernen im 21. Jahrhundert formulieren. Die Verwaltung kann eine Schlüsselfunktion als Plattform und Vermittler, als Impulsgeber und Triebkraft einnehmen. Sie kann Mittel gezielt einsetzen, und Veränderungen in der Rechenschafts- und Berichtspflicht nutzen, um neue Praktiken zu fördern. Dafür muss das Bildungswesen die Triebkräfte des Wandels besser erkennen, sich hinter sie stellen und wirksamere Strategien finden, um Innovationen zu skalieren und zu verbreiten. Es geht dabei auch darum, bessere Wege zu finden, um Erfolge anzuerkennen, zu belohnen und sichtbar zu machen, sowie alles zu tun was möglich ist, um Innovationsträgern die Übernahme von Risiken zu erleichtern und neuen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen. Heute arbeiteten öffentliche und private Einrichtungen oft gegeneinander, in Zukunft werden sie gemeinsam an innovativen Lösungen arbeiten.

Der Blick nach außen

Schließlich bleibt der Blick nach außen wichtig. Bildungssysteme, die sich durch alternative Denkweisen bedroht fühlen, werden keinen Bestand haben; die Zukunft ist mit denen, die offen für die Welt sind und bereit, von und mit den leistungsfähigsten Bildungssystemen der Welt zu lernen. In leistungsstarken Schulsystemen geht es weniger darum, den Blick innerhalb der Verwaltung des Schulsystems nach oben zu richten. Vielmehr geht es darum, den Blick nach außen zu richten, auf die Kolleg*innen und Schulen nebenan, um eine Kultur der Zusammenarbeit und starke Innovationsnetzwerke zu schaffen. Außerdem werden neue Technologien wirksam eingesetzt, um Lernen zu individualisieren und zeitgemäße Lernumgebungen zu schaffen. Es ist schwer zu vermitteln, dass man in Deutschland erst das Grundgesetz ändern will, um Schulen mit WLAN auszustatten.

Die Herausforderungen sind gewaltig, aber wir haben die Fähigkeit zu gestalten. Chancengerechte Bildung von hoher Qualität ist ein erreichbares Ziel. Durch ein modernes Bildungssystem ist es möglich, Millionen von Lernenden eine Zukunft zu bieten, die heute keine haben. Die Aufgabe ist nicht, das Unmögliche möglich zu machen, sondern das Mögliche zu realisieren.

Andreas Schleicher ist ein deutscher Statistiker und Bildungsforscher. Er leitet bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) das Direktorat für Bildung. Zusätzlich ist er Chefkoordinator der PISA-Studien, die seit dem Jahr 2000 in einem dreijährlichen Turnus von der OECD veröffentlicht werden.