Community Call: Kommunikation

Foto: Florian Freund  / CC BY 4.0

COMMUNITY CALL: KOMMUNIKATION

Anlässlich des ersten Community Calls am 24.März haben wir mit Micha Pallesche, Schulleiter an der Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe, zur aktuellen Situation im Umgang mit den flächendeckenden Schulschließungen, neue Kommunikationswege und über kreative digitale Lösungen gesprochen, damit das Lehren und Lernen trotzdem weitergehen kann.

Die mit der Corona-Pandemie einhergehenden flächendeckenden Schulschließungen stellen Schulleitungen, Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig kann die aktuelle Situation auch erfinderisch machen und eine wichtige Chance zur digitalen Fortbildung für Schulleitungen, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler werden.
Vor diesem Hintergrund hat das Forum Bildung Digitalisierung Community Calls als Online-Austauschformat  ins Leben gerufen, um einen moderierten Rahmen zu schaffen, um sich über aktuelle Herausforderungen und Chancen auszutauschen. Das Angebot richtet sich an Schulleitungen, deren Teams und andere für die Digitalisierung an Schulen verantwortlichen Personen. Im Vordergrund steht der gemeinsame Austausch und die Bündelung von Ressourcen und Anstrengungen. Wir hoffen, dadurch Mut zu machen und wollen anregen, erste bzw. weitere Schritte in Richtung neuer, digital gestützter Lernformate gemeinsam zu gehen. Ein erster Community Call zum Thema Kommunikation findet am 24. März um 14:00 Uhr mit Micha Pallesche statt.

Viele Schulen stehen angesichts der Schulschließungen gerade vor großen Herausforderungen und müssen kreative Lösungen finden, damit der Unterricht weitergeht. Wie ist die Situation aktuell an Ihrer Schule?

Wir haben das große Glück, dass wir an der Ernst-Reuter-Schule bereits früh die Weichen für eine gute digitale Infrastruktur gestellt haben. Die Schulgemeinschaft kommuniziert über eine gemeinsame Lernplattform, wir haben eine eigene Cloud-Lösung auf unserem Server und auch sonst ist das Lernmaterial für die Schülerinnen und Schüler in einem hohen Maße digital verfügbar.

Wie erfolgt jetzt der Unterricht? Arbeiten die Schülerinnen und Schüler eigenverantwortlich von zuhause, greift ihr auf Online-Lernplattformen oder digitale Tools zurück? Und wenn ja, welche sind das?

Wir haben uns überlegt, den Schülerinnen und Schülern einen guten Mix anzubieten. Zum Teil haben sie Material bekommen, um eigenverantwortlich zu arbeiten. Auf der anderen Seite gibt es die unterschiedlichsten Konzepte, die nun angewendet werden. Ob Flipped-Classroom-Szenarien, Livestreams, Gamification-Elemente –  also Content der von den Lehrerinnen und Lehrern für ihre Schülerinnen und Schüler produziert wird, bis hin zu Content, den die Schülerinnen und Schüler selbst produzieren und ihren Peers oder aber den Lehrkräften zur Verfügung stellen. Auch auf kommerzielle Plattformen greifen wir in den kommenden Wochen zurück, wobei ich auch ein Freund von Open Educational Resources (OER), also Materialien, die unter einer freien Lizenz zur Verfügung stehen, bin. Der Content wird mithilfe verschiedener Apps erstellt, die von System zu System unterschiedlich sind. Streams bieten wir entweder über unseren Vimeokanal oder auch über einen nicht öffentlichen Youtubekanal an. Als Plattform zur Sammlung des Contents nutzen wir unsere Next Cloud. Eine Cloud-Lösung, bei der die Cloud auf unserem Schulserver liegt. Unser Lernmanagementsystem ist DiLer.

Haben Sie auch Fragen an Micha Pallesche? Was sind aktuell Ihre größten Herausforderungen? Was bewegt Sie gerade? Schicken Sie uns diese gerne vorab zum Community Call per E-Mail an doreen.otte@forumbd.de oder via Twitter an @ForumBilDig.

In knapp zwei Wochen starten in vielen Ländern die Osterferien und es ist noch nicht absehbar, wie lange die Schulen geschlossen bleiben. Was sind die nächsten Schritte an Ihrer Schule und wie bereitet sich das Kollegium auf diese Situation vor?

Ich persönlich gehe davon aus, dass die Schulen auch nach den Osterferien noch nicht vollständig öffnen werden, sondern, dass die Normalität erst langsam wieder eintritt. Je länger diese Zeit dauert, desto wichtiger wird es sein, den Kontakt zwischen den Menschen an der Schule zu pflegen. Ein System, in dem ein großer, wenn nicht der größte Teil, nur über eine gute Beziehungsebene gut funktioniert, wird diesen Aspekt zunehmend in den Blick nehmen müssen. Natürlich werden die Schülerinnen und Schüler weiterhin Aufgaben zu bearbeiten haben. Auf der anderen Seite brauchen sie aber zunehmend die Begegnung mit dem Gegenüber und ihren Lehrkräften und Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern. Deshalb werden wir im weiteren Verlauf, den Fokus auf virtuelle Begegnungsräume legen, zum Beispiel Videokonferenzen, in denen man sich sehen und miteinander sprechen kann. Dass diese Beziehungsebene so wichtig ist, habe ich heute morgen an einem guten Beispiel erlebt. Eine Kollegin rief mich an und berichtete, dass sie allen Schülerinnen und Schülern einen persönlichen Brief in den kommenden Tagen schreiben werde und das, obwohl sie digital bestens mit ihnen vernetzt ist.

Sie haben das Glück, dass Sie mit der Ernst-Reuter-Schule im Digitalisierungsprozess schon relativ weit fortgeschritten sind. Viele Schulen, gerade im ländlichen Raum, stecken in puncto Digitalisierung noch in den Kinderschuhen und auch für die Schülerinnen und Schüler ist es nicht selbstverständlich, dass sie von zuhause aus online lernen können. Welche Tipps und Empfehlungen würden Sie anderen Schulleitungen geben, die jetzt das Thema Digitalisierung an ihrer Schule angehen wollen?

Ich glaube, das Wichtigste was Schulleitungen aber auch Lehrerinnen und Lehrer nun benötigen, ist Mut. Den Mut, neue Wege zu gehen, etwas Neues auszuprobieren und vielleicht auch mal etwas zu wagen, was man sich im „normalen“ Schulbetrieb nicht zugetraut hätte. Zu keiner Zeit war es so leicht wie jetzt, in dieser Krisenzeit, auch mal mit einer neuen Idee „scheitern“ zu dürfen. Da nun schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen, ist Pragmatismus ein guter Ratgeber. Trotzdem wird sich in einer Schule recht wenig verändern, wenn alte pädagogische Konzepte gleich wie vorher, nur in digitaler Form abgebildet werden. Jetzt ist der Moment, an dem Schulleitungen, Kollegien, Eltern und Schülerinnen und Schüler gemeinsam über zeitgemäßes Lernen vor dem Hintergrund der Digitalität nachdenken können und sollten. Das hat hat auch viel mit  Haltung und Veränderungsbereitschaft zu tun und es braucht Zeit. Einen Anstoß dazu, kann diese Krisenzeit in jedem Fall geben.

Micha Pallesche ist Schulleiter der Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe, einer Schule mit mehrfach ausgezeichnetem medienbildnerischem Profil und erste Smart School in Baden-Württemberg. Die Schule ist Teil des Schulnetzwerks des Forum Bildung Digitalisierung und hat 2017 an der Werkstatt schulentwicklung.digital teilgenommen. Nach seinem Studium an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe, an der er u. a. Medienpädagogik als Zusatzstudium absolvierte, war er lange Jahre neben seinem Lehrerberuf an das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg abgeordnet.