Veranstaltungsbericht | veröffentlicht am 10.12.2025

Das war die Fachtagung „Dimension Digitalisierung – Für alle mehr drin“

von Annette Kuhn

Bei der zweitägigen Fachtagung „Dimension Digitalisierung“ ging es am 19. und 20. November 2025 vor allem um Themen wie Chancengerechtigkeit, Online-Lernen und länderübergreifende Vorhaben. Unter dem Motto „Für alle mehr drin“ kamen mehr als 160 Expert:innen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft in der Vertretung des Landes Mecklenburg-Vorpommern beim Bund in Berlin zusammen, um sich auszutauschen und zu vernetzen.

Wer schon mal vor einem Puzzle mit richtig vielen Teilen saß, kennt die Herausforderung: Wie soll sich das nur alles zusammenfügen? Jedes Puzzleteil allein ist wichtig, aber erst alle zusammen ergeben ein Ganzes. So etwa läuft es auch bei der Digitalisierung in Schule, wie Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn, bei der Fachtagung „Dimension Digitalisierung – Für alle mehr drin“ ausführte. 

Es gibt so viele Projekte, Konzepte und Vorhaben, aber die Gefahr sei groß, darüber das große Ganze aus den Augen zu verlieren. „Wir müssen aus den vielen für uns relevanten Themen ein Gesamtbild entwickeln“, sagte sie. Vom Kleinen zum Großen lautet ihre Devise. Viel zu oft seien Akteur:innen in der Bildung auf ihren Arbeitsbereich fokussiert, drehten an kleinen Stellschrauben und hofften, dass das Wirkung erzielt. „Aber es scheint nicht die Wirkung zu haben, wenn wir die Dinge unverbunden denken und uns im Klein-Klein verlieren“, so Eickelmann weiter. Puzzlearbeit sei jetzt gefragt.Ein Appell, der sich wie ein roter Faden durch das Programm der zweitägigen Veranstaltung zog. Das Forum Bildung Digitalisierung hatte am 19. und 20. November 2025 in Kooperation mit der Kultusministerkonferenz, vertreten durch das Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung Mecklenburg-Vorpommern als Präsidentschaftsland der Bildungsministerkonferenz 2025, eingeladen, um das Thema Schule in der Kultur der Digitalität aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Es ist inzwischen die achte Fachtagung dieser Art und die siebte, die gemeinsam von der Kultusministerkonferenz und dem Forum Bildung Digitalisierung ausgerichtet wird.

Den Digital Divide überwinden 

Mehr als 160 Expert:innen aus Landesinstituten für Schulentwicklung und Lehrkräftefortbildung, aus Bildungsverwaltung und -politik, der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft waren gekommen, um in Anlehnung an das Motto für die diesjährige Präsidentschaft der Bildungsministerkonferenz „Mehr Bildung ist drin. Für alle.“ in den Austausch zu kommen und sich zu vernetzen. Gelegenheit gab es dazu in 18 verschiedenen Formaten – vom wissenschaftlichen Input über Diskussionen, Vorstellung von Praxisbeispielen und Workshops. Sie wurden von 50 Referent:innen gestaltet und standen unter sechs übergeordneten Themen:

  • Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Zugangsfragen
  • Lernwirksames Online-Lernen
  • Förderung der Demokratiebildung in und über digitale Lernumgebungen
  • Chancengerechtigkeit
  • Länderübergreifende Vorhaben
  • Multiprofessionalität fördern und Zusammenarbeit stärken

Simone Oldenburg, Ministerin für Bildung und Kindertagesförderung des Landes Mecklenburg-Vorpommern, nannte als Ziel: „Alle Schüler:innen sollen die gleichen Chancen auf hochwertige digitale Bildung haben.“ Dem schloss sich Ralph Müller-Eiselt, Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung, an: „Wir müssen dringend den Digital Divide überwinden.“ Als weitere wichtige Aspekte nannte er die Qualifizierung auf allen Ebenen des Bildungssystems, das Spannungsfeld zwischen individualisiertem und gemeinschaftlichem Lernen und die Sicherstellung einer kooperativen Bildungssteuerung. Bei allen Themen müsse aber immer der pädagogische Prozess im Fokus stehen, betonte die Bildungsministerin. 

Daran konnte Birgit Eickelmann gut anschließen. In ihrer Keynote „Zwei Schritte vor, einer zurück – Schule auf dem Weg in die Zukunft“ forderte auch sie eine Rückbesinnung auf die pädagogischen Ziele. Das sei die Basis, auf der eine erfolgreiche Transformation von Schule in der Kultur der Digitalität überhaupt erst gelingen könne. Zum bisherigen Stand zog sie eine ernüchternde Bilanz: „Wir kommen nicht so richtig voran.“ 

Beleg dafür ist, dass die computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Achtklässler:innen zuletzt signifikant zurückgegangen sind, wie die International Computer and Information Literacy Study (ICILS 2023) zeigt. Und das, obwohl Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit an digitalen Geräten verbringen. Es müsse mehr passieren, um alle Schüler:innen zu erreichen, sonst würde sich der Digital Divide nicht verkleinern, sondern sogar noch größer werden, warnte die Wissenschaftlerin. 

Es braucht mehr Kooperation auf allen Ebenen im Bildungssystem

Ein Smartphone-Verbot greift für Eickelmann dabei zu kurz. Ebenso wie die Fokussierung auf die Basiskompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen. Sich auf diese drei Bereiche zu reduzieren, sei eine „Hungerformulierung“: Es gehöre weit mehr dazu, um eine gute Basis aufzubauen, auf der junge Menschen ihre Zukunft bauen können – zum Beispiel auch Recherchekompetenzen, kritisches Denken und Kommunikationsfähigkeiten. Statt zu reglementieren, sollte es eher darum gehen, Schüler:innen zu befähigen, sich souverän im digitalen Raum zu bewegen. Aber all das sei nicht allein Aufgabe der Schule. Hier brauche es Kooperationen auf allen Ebenen im Bildungssystem und auch mit Akteur:innen außerhalb des Systems. All das gehört für Eickelmann zur Puzzlearbeit dazu. 

Das klang wie eine Aufforderung, mit der die Teilnehmenden in die weiteren Programmpunkte gingen. Müller-Eiselt gab ihnen dabei auf den Weg: „Die Fachtagung ist der Ort der vertrauensvollen Begegnung, des informellen Austauschs und gegenseitigen Lernens.“ Jenseits der sonst üblichen Dienstwege und Gremiensitzungen gab es dazu viel Gelegenheit. Schon der Tagungsort war dafür ein Sinnbild. Die Sessions fanden im Wortsinn länderübergreifend statt – in der Landesvertretung von Mecklenburg-Vorpommern und gegenüber in der des Saarlandes. 

Die Länder wissen untereinander noch zu wenig darüber, woran sie arbeiten

Die Wege zur gelingenden Umsetzung der sogenannten Länderübergreifenden Vorhaben (LüV) scheinen da noch länger zu sein. Fünf Prozent der Mittel aus dem DigitalPakt Schule waren für die LüVs vorgesehen. Länderübergreifend heißt, dass mindestens zwei Länder gemeinsam an einem Projekt oder einem Konzept arbeiten. So entwickeln zum Beispiel Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gemeinsam an zwei berufsbildenden Schulen „Zukunftslabore“ in der beruflichen Bildung. Auf der Fachtagung wurde die Arbeit dieser Labore ebenso vorgestellt wie zum Beispiel die Implementierung des KI-Chatbots telli, an dem alle Bundesländer beteiligt sind. 

Noch auf dem Weg zu einem länderübergreifenden Projekt ist die Implementierung des Kompetenzrahmens DigCompEdu in der Lehrkräftebildung. Das Vorhaben basiert auf dem Digital Competence Framework for Educators (DCE), der 2017 von der EU veröffentlicht und 2021 von der Kultusministerkonferenz in der ergänzenden Empfehlung „Lehren und Lernen in der digitalen Welt“ zur Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ verankert wurde. Ziel ist es, die Medienpädagogik und -didaktik von Lehrenden zu stärken, damit diese wiederum in der Lage sind, die Medienkompetenz ihrer Schüler:innen zu fördern. Dafür sind insgesamt 22 Kompetenzen in sechs Bereichen definiert. 

Einen Überblick, wie weit jedes Land bei der Umsetzung von DigCompEdu ist, gibt es bislang nicht. Nikolaus Steffen und Iris Weigt von der Europa-Universität Flensburg wollen eine Landkarte dazu erstellen, aber noch liegen ihnen die Informationen aus den meisten Ländern nicht vor. Dabei haben sich viele Länder schon auf den Weg gemacht, wie sich im Workshop zeigte. Nur weiß das eine Land wenig darüber, was das andere Land hier schon macht. In der Dreiviertelstunde des Workshops ließ sich die Landkarte zwar nicht füllen, aber der Anfang für einen stärkeren Austausch war gemacht. 

Zentrale Frage: Wie können wir besser zusammenarbeiten?

Ähnlich groß war der Gesprächsbedarf beim Thema datengestützte Schulentwicklung. Hier war die Botschaft aus Birgit Eickelmanns Keynote in zweifacher Hinsicht angekommen: Immer wieder betonten die Diskutierenden, dass die Arbeit mit Daten vor allem zu einer Pädagogik führen müsse, die das Lehren und Lernen verbessert. Anstatt Insellösungen brauche es mehr länderübergreifende Verbindlichkeit. 

„Meine Sorge ist, dass jetzt jedes Bundesland sein eigenes Dashboard baut“, sagte beispielsweise Arne Ruhe von der Abteilung Digitale Welt beim Senator für Kinder und Bildung in Bremen. Torsten Kühne, Staatssekretär bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin fragte: „Wie bekommen wir alle dazu, mit den Daten zu arbeiten? Und wie können wir zielorientiert Bildungswissenschaft mit reinholen, um mit ihr gemeinsam zu entwickeln, wo wir den Hebel im Schulalltag ansetzen müssen?“ Es brauche dafür ein gemeinsames Zielbild. 

Ein Punkt, den auch die Bildungsforscherin Anne Sliwka von der Universität Heidelberg thematisierte. „Wir haben sehr viele und gute Daten, aber wir haben keine Ziele und leiten zu wenig Strategisches aus den Daten ab“, sagte sie am zweiten Tag der Fachtagung im Live-Podcast der Reihe „Auftrag:Aufbruch“. Dem stimmte Jürgen Müller, Leiter der Abteilung Grundsatz und Digitalisierung beim Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu. Er betonte, wie wichtig Kohärenz in diesem Zusammenhang sei:  „Man muss sich klar, sein, dass man dieselben Ziele verfolgt. Oft glaubt man aber nur, dasselbe zu meinen, tut es aber nicht.” Das führe dann zu einer „Schein-Einigkeit“. Die Ziele ließen sich nur im gemeinsamen Austausch finden. Da schienen die Teilnehmenden der Fachtagung auf einem guten Weg. In den Sessions und in den Kaffeepausen wurde rege diskutiert. Oft so intensiv, dass sich die Gruppen auch beim Gong zur nächsten Session nur schwer trennen konnten. 

Die Digitale Landesschule arbeitet an einer Lösung für Unterrichtsausfall  

Immer wieder ging es dabei um die Frage: Wie können wir konkret zusammenarbeiten? Gute Anknüpfungspunkte waren dafür die Vorstellung von Praxisbeispielen, zum Beispiel zur Digitalen Landesschule (DiLaS). Alle Bundesländer stehen vor der Herausforderung, längere Ausfallphasen von Lehrkräften auszugleichen. Mecklenburg-Vorpommern hat hier als erstes Bundesland mit der digitalen Landesschule eine Lösung entwickelt, die bei der Fachtagung auf großes Interesse stieß.

DiLaS ist eine eigenständige Schule – ohne Schulhaus – in der Trägerschaft des Landes und seit August 2025 im Schulgesetz verankert. „Wir sind eine weitere Blume im Blumenstrauß“, beschreibt die Leiterin der Stabsstelle der DiLaS Ulrike Möller. Die aktuell knapp 900 Schüler:innen bleiben Schüler:innen ihrer Stammschule und nehmen als Klasse temporär die Online-Angebote wahr. 

Die Idee, ortsunabhängig Unterricht anzubieten, entstand in der Corona-Zeit. Zunächst startete das Projekt mit Online-Angeboten für Deutsch als Zweitsprache und Trainingskursen für das Mathematik-Abitur. Nach und nach kamen Unterrichtseinheiten in den Kernfächern Mathematik, Deutsch und Englisch für die Sekundarstufe I dazu. Seit diesem Schuljahr sind auch die meisten Nebenfächer im Programm. Die Schule hat inzwischen 16 Lehrkräfte, davon drei DaZ-Lehrkräfte. Der DaZ-Unterricht läuft durchgängig, alle anderen Fächer in Sechs-Wochen-Blöcken. 

Möller sieht in der DiLaS auch einen Beitrag für mehr Bildungsgerechtigkeit, weil das Angebot Nachteile, die durch Unterrichtsausfall entstehen würden, ausgleiche. Außerdem gibt es spezielle Trainingskurse, die Schüler:innen asynchron abrufen können und so eine bessere Förderung erhalten. 

Die Frage nach mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit stand bei der Fachtagung immer wieder im Raum. Zu dem Thema gab es einige Diskussionen – auch dazu, welche Rolle KI dabei spielt. Sebastian Becker-Genschow, Professor für Digitale Bildung an der Universität Köln, sieht gerade in der Nutzung von KI die Chance, den Digital Divide zu überwinden. „Voraussetzung ist allerdings, dass wir allen Kindern und Jugendlichen einen freien, kostenlosen Zugang zu den besten Sprachmodellen geben und dass wir allen die Kompetenzen vermitteln, die sie brauchen, um KI für den eigenen Lernprozess eigenverantwortlich einsetzen zu können.“ Kristin van Meer, Grundschullehrerin aus Potsdam, hat gute Erfahrungen damit gemacht, Kinder schon früh daran heranzuführen, mit KI zu arbeiten – „nicht als Werkzeug, sondern als Denkraum”. Durch den souveränen Umgang mit KI könnten sie ihre eigenen Lernstrategien entwickeln, was zu einem größeren Lernerfolg führe.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Vermittlung von Recherche-, Nachrichten- und Informationskompetenzen. Auch das ist ein wichtiger Aspekt, wenn es um den Digital Divide geht. Samuel Greiff, Professor für Educational Monitoring an der Technischen Universität München und verantwortlich für die Durchführung der PISA-Studie in Deutschland, sieht hier großen Nachholbedarf. Er verwies in seinem Input darauf, dass ein Drittel der Jugendlichen sagt, dass sie Informationen teilen, ohne vorher zu prüfen, ob sie stimmen. Das ist ein Ergebnis der Sonderauswertung von PISA. Um hier besser zu werden, aber auch bei allen anderen Themen rund um Digitalisierung an Schule, komme es darauf an, auf allen Ebenen Engagement zusammenzuführen und Synergien zu schaffen. 

„Es darf nicht zehn Jahre dauern, um Curricula umzuschreiben“

Damit lag Greiff nah bei Birgit Eickelmann, das Große und Ganze im Blick zu behalten und sich nicht in einzelnen Aktivitäten zu verlieren. Es muss also auch hier gepuzzelt werden. Dazu braucht es allerdings auch eine entsprechende Haltung von Lehrkräften und allen anderen Akteur:innen im Bildungssystem. Ein weiterer Faktor ist die Zeit: „Es darf nicht zehn Jahre dauern, um Curricula umzuschreiben“, sagte Birgit Eickelmann. Mehr Tempo komme aber nur ins System, wenn nicht so kleinteilig geplant werde wie bisher. Da war es wieder: Das große Ganze statt Klein-Klein. 

Aber was es vor allem brauche, um Bildung in der Kultur der Digitalität voranzubringen, sei Mut. Diese Ansicht teilte Birgit Eickelmann mit Simone Oldenburg. Die Bildungsministerin machte vor allem „Mut, neue Wege zu gehen“. Auf der Fachtagung sind viele Teilnehmenden erste Schritte auf diesen neuen Wegen gegangen – und haben damit schon erste Puzzleteile ins Gesamtbild gefügt.

Kontakt

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Daniel Böhme (er/ihm)
Senior Projektmanagement

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Leitung Handlungsfeld „Rahmenbedingungen“ und Ko-Leitung Teilprojekt lernen:digital

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