Den Berg als Team besteigen – Schulleitungen und digitale Schulentwicklung

Foto: Florian Freundt / Dotter-Stiftung / Pacemaker Initiative

DEN BERG ALS TEAM BESTEIGEN – SCHULLEITUNGEN UND DIGITALE SCHULENTWICKLUNG

von Anne Sommer (Pacemaker Initiative / Education Y)

Mehr denn je wirkt während der Coronakrise die Digitalisierung von Schule auf Schulleitungen wie ein Berg, für dessen Erklimmung nicht das nötige Equipment vorhanden ist. Neidisch blickt man auf top ausgerüstete Schulen, die optimal beraten und begleitet werden und so Etappe für Etappe meistern. Dabei ist der erste Schritt für alle der schwerste: gemeinsam loszugehen.

Schulleitungen haben während der Coronakrise die schwierige Aufgabe, ein Maß zwischen Distanzunterricht und Präsenzunterricht in Kleingruppen zu finden. Digitale Instrumente sind wichtig wie nie zuvor, um zum Beispiel eine Verzahnung von Präsenz- und Distanzlernen zu ermöglichen, um durch asynchrones Lernen die Lehrkräfte zu entlasten, und um die digitale Souveränität von Schüler*innen und Lehrkräften auf das nötige Niveau zu bringen – für zukunftsfähige Schulen während und nach der Pandemie.

Dabei sind Schulleitungen stärker denn je in der undankbaren Rolle, verschiedene Anforderungen auszuhandeln. Vieles trifft hier aufeinander: Auflagen von Bund, Land und Kommune, Förderbedarfe der Schüler*innen, Auslastungssituation des Kollegiums, Gespräche mit Elternvertretungen und anderen Gremien innerhalb und außerhalb der Schule. Da verwundert es kaum, dass Schulen allgemein selten als Innovationsstätten der Digitalisierung gelten. Dabei dürfen wir nicht übersehen, dass es Spielraum gibt: Überall in Deutschland machen sich Schulen bereits auf den Weg der digitalen Schulentwicklung. Denn trotz der unbestrittenen und vielfach beschworenen Logistik- und Ausstattungsproblematik können Schulen, die die Wichtigkeit der Digitalisierung sehen, einfach mal losgehen.

Einfach mal losgehen

Die Digitalisierung an ihrer Schule wirkt auf viele Schulleitungen wie ein Berg, für dessen Erklimmung nicht das nötige Equipment vorhanden ist. Neidisch blickt man auf top ausgerüstete Schulen, die optimal beraten und begleitet werden und so Etappe für Etappe meistern. Dabei ist der erste Schritt für alle der schwerste: gemeinsam loszugehen.

Eine systemisch komplexe Herausforderung wie digitale Schulentwicklung, die im Idealfall nicht nur Hard- und Software, sondern auch Unterrichtsprinzipien und die gemeinsame Lernkultur umfasst, ist nämlich nur dann erfolgreich, wenn es ein „Bergsteigerteam“ gibt. Das bedeutet, dass alle Stakeholder*innen involviert werden: Lehrkräfte, Schüler*innen, Eltern und das kommunale System müssen mitgehen und die Veränderungen umsetzen, die eine digitale Schulentwicklung mit sich bringt. Denn wie bei jedem anderen Schulentwicklungsthema ist es bei der Digitalisierung wichtig, dass das ganze Umfeld mitgeht. Wenn das Kollegium nicht hinter der Veränderung steht, wenn es kein Format für Schüler*innenpartizipation gibt, wenn die Elternvertreter*innen, Fördervereine und kommunalen Entscheider*innen nicht involviert sind, dann besteht die Gefahr, dass wichtige Menschen auf der Strecke bleiben. Viele Schulen sind zum Beispiel bestens ausgestattet, verfügen aber nicht über den Rückhalt von Lehrkörper und Kommune, um die angeschafften Geräte regelmäßig zu warten oder deren Funktion vollständig zu erlernen. Gleichzeitig gibt es Schulen, die digitale Unterrichtskonzepte entwickeln und dabei die Elternschaft nicht gewinnen können, Anschaffungen zu machen oder Accounts anzulegen.

Schulleitungen können hier die Rolle spielen, einen schulweiten Prozess zu initiieren, der alle an Schule Beteiligte mitdenkt. Ein kleines Kompetenzteam reicht vielleicht, um den Anfang zu setzen und Begeisterung für die Möglichkeiten zeitgemäßen Unterrichts zu verbreiten. Es braucht Rückenwind durch die Schulleitung, um dieses Team zu befähigen und zu vergrößern, um die Etappen der digitalen Schulentwicklung zu erreichen. Etappen wie mit der zuständigen Bezirksregierung oder vergleichbaren Trägern Deputatsstunden zu verhandeln, die Lehrerschaft weiterbilden zu lassen, Schüler*innen zu empowern mit Rollen wie Digitalexpert*innen oder Medienscouts. Hier macht es einen enormen Unterschied, ob die Schulleitung das Thema priorisiert. Zusätzlich verfügen Fördervereine, Elterngremien und sonstige Vertreter*innen oft über wertvolles Wissen und Kontakte, die genutzt werden können, so diese Gruppen eingebunden sind. Wenn es für jede*n ein Format gibt, sich an dem Digitalisierungsprozess zu beteiligen, kann Schule zu einem Ort werden, der langfristig und nachhaltig Potenziale fördert.

„Eine gute Schule kann nur eine sein, die sich in ihrer Umgebung als förderlich für Lernende und für das gesamte Umfeld erweist. Daraus ergibt sich, dass eine gute Schule niemals für sich alleinstehen und existieren kann. Sie ist eingebunden in das gesellschaftliche Leben, sonst erhält sie keine Akzeptanz.“

Andreas Stüber, Schulleiter an der Gutenbergschule in Darmstadt-Eberstadt

Die Vision einer zeitgemäßen Schule

Andreas Stüber ist Schulleiter der Gutenbergschule in Darmstadt-Eberstadt, die wir als Pacemaker Initiative begleiten. Darmstadt-Eberstadt ist ein buntes Viertel und die Gutenbergschule ist eine vielfältige Schule. Konkurrenz zu Vergleichsschulen und Mittelknappheit spielen hier eine ebenso große Rolle wie vielerorts auch. Als Schulleiter ist es Stüber wichtig, dass die Digitalisierung eine Teamaufgabe ist. Besonders hilfreich sind dafür die Schüler*innen der achten Jahrgangsstufe, die wir an der Gutenbergschule in drei Workshops zu digitalen Expert*innen ausgebildet haben. Anfänglich hauptsächlich zuständig für das Verkabeln von Beamern und das Ausleihen von Tablets, steckte die Begeisterung der Schüler*innen-Experten für kleine Quizzes oder digitale Abfragen, für selbst erstellte Erklärvideos und Augmented Reality Unterrichtsmaterial, bald auch die Lehrerschaft an. Die Rolle der Schüler*innen veränderte sich im Prozess, sie wurden mehr und mehr als unverzichtbarer Teil der gemeinsamen Entwicklung gesehen. Eine Schülerin berichtet:

„Also, ich habe gemerkt, dass ich ein bisschen mehr respektiert werde von den Lehrern, seit ich mich hier dafür einsetze. Man wird mehr respektiert und ich hoffe mal, das bleibt auch so. Weil wir Schüler sind genauso wichtig wie die Lehrer. Ohne uns würde das hier nicht laufen.“

Marcelina, Schülerin an der Gutenbergschule in Darmstadt-Eberstadt

Das zeigt deutlich: mit Unterstützung der Schulleitung und des Schulleitungsteams ist diese Schule auf dem Weg, das volle Potenzial der Digitalisierung zu nutzen. Die Rollen verändern sich, die Schüler*innen übernehmen mehr Verantwortung, die Lehrkräfte wissen, dass sie sich auf ihre Schüler*innen verlassen können. Kurzum: Lehren und Lernen findet nicht mehr ausschließlich auf unterschiedlichen Seiten des Klassenraums statt, sondern steht vermehrt allen offen.

Potenziale nutzen: Digitalisierung als Entlastung fürs Schulsystem

Wenn die Verantwortung für digitale Schulentwicklung von allen mitgetragen wird, wird Schule zeitgemäß: Schüler*innen lernen, auf eine komplexe und im Wandel begriffene Umwelt zu reagieren, indem sie Verantwortung übernehmen für digitale Unterrichtsmethoden und sich dadurch auch die innere Logik dieser Methoden zu eigen machen. Verantwortungsübernahme ist eine der Kompetenzen, die zukünftig auch von ihnen gefragt wird. Kreativität, Problemlösung oder die Fähigkeit zur Kooperation sind die Kompetenzen, die ein mit digitalen Mitteln sinnvoll ergänzter zeitgemäßer Unterricht implizit und explizit vermittelt.

Zeitgleich werden durch die aktive Schülerschaft Ressourcen frei, die das Kollegium entlastet. Die Rolle der Schulleitung und ihrem Team ist es auch hier, die Schüler*innen zu stärken, ihre Potenziale zu sehen und zu fördern, ihnen zuzuhören und ihnen Raum zu geben.

„Wir wollen unsere Schülerinnen und Schüler befähigen, sich selbstständig und eigenverantwortlich zu bilden. Denn klar ist: Junge Menschen werden insbesondere durch die zunehmende Digitalisierung zukünftig Herausforderungen zu meistern haben, die wir zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht kennen.“

Andreas Stüber, Schulleiter an der Gutenbergschule in Darmstadt-Eberstadt

Diese ermutigende Haltung ist das Ergebnis eines Digitalisierungsprozesses, der seit Monaten in Darmstadt-Eberstadt langsam die Schule formt und verändert. Viele Etappenziele liegen hinter der Schule, einiges ist noch zu meistern. Der größte Erfolg ist dabei ganz nebenbei passiert: Ein Umdenken in der Schulkultur, für eine nachhaltige Veränderung.  Dieser Erfolg ist das Resultat von Teamarbeit, und für ein starkes Team braucht es Rückenwind, dann erscheint der Berg auch gleich nicht mehr so hoch.

Die Pacemaker Initiative befähigt Schulen, ihren eigenen Weg der Digitalisierung zu finden und zu gehen. Durch zielführende Schulentwicklung sowie innovative  Qualifizierung von Lehrer*innen und Schüler*innen entsteht zeitgemäßer Unterricht, an dem digital souveräne Lehrende und Lernende gleichermaßen beteiligt sind. Diese  Entwicklung von Kultur und Kompetenzen ermöglicht  eine nachhaltige Veränderung von Schulen, um Bildungsungerechtigkeit langfristig zu verringern. Mehr zu der Initiative erfahren Sie hier.