Die „Coronakrise“: Eine Chance für zeitgemäßes Lernen

Foto: Katja Anokhina / CC BY 4.0

DIE „CORONAKRISE“: EINE CHANCE FÜR ZEITGEMÄSSES LERNEN

von Björn Nölte

Das Coronavirus und die flächendeckenden Schulschließungen stellen Schulen, Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler vor neue Herausforderungen. Wie kann das Lehren und Lernen trotzdem weitergehen? Ein Plädoyer, diese Zeit als Chance für zeitgemäßes Lernen zu nutzen.

Wie gestaltet man den Schulbetrieb in Zeiten von Schulschließungen? Es gibt einen allgemeinen Bereich, auf den man sich grundsätzlich schulweit verständigen kann. Dazu gehört, dass man den Lehrkräften vielfältige Anregungen und Wege anbietet, wie sie das Lernen aus der Ferne für ihre Schülerinnen und Schüler organisieren können. Es gibt keinen vorgeschriebenen Weg, denn jede Lehrkraft sollte mit Fingerspitzengefühl entscheiden, wie sie mit ihrer Lerngruppe vorgeht, wobei alle Voraussetzungen sorgfältig zu beachten sind: die der Schülerinnen und Schüler, der Technik, der Erfahrung der Lehrkraft. Dann rate ich  davon ab, den Stundenplan eins zu eins ins Digitale zu übersetzen, sondern rate eher zu den Chancen asynchronen Lernens. 

Jüngere Schülerinnen und Schüler benötigen möglicherweise mehr Struktur als ältere – auch hier sind individuell sinnvolle Entscheidungen gefragt. Es sollte nicht übersehen werden, dass diese Situation für viele Schülerinnen und Schüler diverse Schwierigkeiten bereithält: das plötzliche Wegfallen des sozialen Rahmens oder private Einschränkungen wie das Betreuen von Geschwistern. Daher bitte kein Aufgabendruck, sondern eher empathische Kommunikation und kreative Aufgaben, wo es sinnvoll und möglich ist, zum Beispiel eine Corona Reading Challenge im Deutschunterricht, in der die Schülerinnen und Schüler eigene Lektüren auswählen, individuell darüber reflektieren und im spielerischen Wettbewerb ihre Kreativität unter Beweis stellen. 

Wie geht das Lehren und Lernen trotzdem weiter?

An meiner Schule gibt es Klassen und Kurse, die seit längerem digital arbeiten. Die Schülerinnen und Schüler kennen sich mit ihrer Lernplattform aus, sie kennen kollaborative Textproduktion, digitale Präsentationsformate, Feedback-Werkzeuge untereinander und mit der Lehrkraft, kennen kreative Apps und Eigenverantwortung bei der Gestaltung des Lernweges. Diese Lerngruppen arbeiten jetzt während der Schulschließungen eigentlich sehr ähnlich weiter wie bisher, nur dass die physischen Unterrichtsgespräche durch punktuelle Videokonferenzen ersetzt werden. Teilweise finden individuelle Video-Konsultationen mit der Lehrkraft statt. Ansonsten läuft die Kommunikation über die gewohnten digitalen Wege.

Andere Klassen und Kurse sind bislang weniger auf digitalen Wegen unterwegs, es eint sie aber schulweit eine Lernkultur der Reflexion und Selbstverantwortung. So fällt es auch diesen Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrkräften nicht schwer, sich der aktuellen Situation anzupassen. Eine niedrigschwellige Möglichkeit ist die Bereitstellung von Informationen und Materialien in einem sogenannten Padlet, einer Art digitalen Pinnwand. Dadurch haben alle gemeinsam unter einer gleichbleibenden Adresse Zugriff auf eine Vielfalt an multimedialen Möglichkeiten: die Schülerinnen und Schüler können eigene Beiträge in geschütztem Rahmen posten, kommentieren und kollaborativ arbeiten. Erklärfilme der Lehrkraft, Screencasts und Video-Ergebnisse der Lernenden können neben Text und herkömmlichen Ergebnissen direkt eingefügt werden.

In diesem Sinne kann die aktuelle Lage eine große Chance für die sogenannte zeitgemäße Bildung sein, um viele Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler an Bord zu holen und von den Möglichkeiten digitaler Medien und onlinegestütztem Lehren und Lernen zu überzeugen.

Die Durchführung von Videokonferenzen kann durch die hilfreiche Funktion, den eigenen Bildschirm als Bild für alle zu spiegeln, zur interaktiven Lernsitzung gemacht werden. Open-Source-Instrumente wie draw.chat ermöglichen die Kombination von Online-Whiteboard und Videochat. Erste Konferenzen stießen bei den Schülerinnen und Schülern auf derartige Begeisterung, dass eine Fortführung nach Beruhigung der Lage beschlossene Sache ist. In diesem Sinne kann die aktuelle Lage eine große Chance für die sogenannte zeitgemäße Bildung sein, um viele Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler an Bord zu holen und von den Möglichkeiten digitaler Medien und onlinegestütztem Lehren und Lernen zu überzeugen. Manche fragen sich schon, warum kollaboratives Arbeiten nicht auch dauerhaft in einem Etherpad organisiert werden könne oder warum das eine oder andere digitale Präsentationstool nicht schon längst benutzt wurde.

Fazit

Welche Herausforderungen wurden bislang sichtbar? Einige Kolleginnen und Kollegen befürchten eine Überforderung der Lernenden, wenn sie sich auf verschiedene digitale Vorgehensweisen bei verschiedenen Lehrkräften einstellen müssen. Auch sind manche digitale Lernangebote in den vergangenen Tagen unter der Last der plötzlich gestiegenen Anfragen zusammengebrochen. Bei einer längerfristigen Regelung steht zudem die Frage der Leistungsbewertung für viele im Raum. Zumindest das Abitur scheint derzeit nicht gefährdet, denn aktuell soll der geplante Terminrahmen eingehalten werden. 

Lasst uns Lehrkräfte durch eigene Kooperation, Risikobereitschaft, offene Fehlerkultur und Eigenverantwortung ein Vorbild sein in dieser Zeit, probieren wir Neues aus und vertrauen wir unseren Schülerinnen und Schülern! Dann sehen wir am Ende möglicherweise auf diese Zeit und die flächendeckenden Schulschließungen als eine Zeit des digitalen Wandels und der pragmatischen Innovation zurück.

Björn Nölte ist Lehrer für Deutsch und Geschichte. Er ist als Oberstufenkoordinator tätig, zuvor bildete er Referendarinnen und Referendare am Studienseminar Potsdam aus. Er sieht im Lernen in der Kultur der Digitalität vor allem Chancen für die Motivation, Individualisierung und tiefere Auseinandersetzung und interessiert sich u. a. für notwendige Veränderungen im Bereich der Leistungsbewertung.