Digitalisierung im Bildungssektor als Chance für soziale Gerechtigkeit

Foto: Katja Anokhina / CC BY 4.0

Digitalisierung im Bildungssektor als Chance für soziale Gerechtigkeit

von Nina Smidt

veröffentlicht am 27.04.2021

Die Pandemie wirkt bei der Digitalisierung im Bildungswesen weltweit als Beschleuniger in Industrieländern ebenso wie in sich entwickelnden Ländern. Birgt Educational Technology die Chance, um weltweit sozialer Ungerechtigkeit entgegenzuwirken und eine Teilhabe aller zu ermöglichen?

Mein erster Arbeitstag als Vorständin der Siemens Stiftung fiel Mitte März vergangenen Jahres auf das Datum, als Deutschland erstmals in seiner Geschichte in einen Lockdown versetzt wurde. Massiv waren die Veränderungen, die die Pandemie beschleunigen würden. Jede und jeder Einzelne war und ist betroffen. Unternehmen, Organisationen, gesellschaftliche, politische Systeme mussten in fast allen Teilen der Welt essenziell umdenken. Plötzlich war VUCA nicht mehr ein abstraktes Wortgeschöpf, ein Akronym aus der Managementsprache, sondern spürbar im Alltag aller Menschen – vom Kleinkind bis zum Ältesten. Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity drangen auch in der „sicher“ erdachten westlichen Welt ins Bewusstsein. Sprunghaft, ungewiss, komplex, widersprüchlich stellt sich unser Leben unverhohlen dar. Auch wir als Siemens Stiftung wurden gefordert, zumal ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit in deutschen und internationalen Bildungskooperationen liegt – ein besonders sensibler Sektor und essenziell betroffen durch die Krise. So stellten wir uns die Frage, wie die weltweiten Bildungssysteme mit solch einer Herausforderung umgehen werden. Was können wir als international agierende Stiftung dazu beitragen, dass das Bildungssystem mit all seinen Teilhabenden nicht nur irgendwie durch diese Zeit kommt, sondern wie kann die Bewältigung der Pandemie zu gesunden, nachhaltigen Veränderungsprozessen führen?

OER: Ein Instrument für mehr Bildungsgerechtigkeit

Die Auswirkungen der Krise auf das Bildungswesen sind dramatisch. UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta H. Fore spricht von einer „katastrophalen Bildungskrise“. Gemäß einer Studie des UN-Kinderhilfswerks sind mehr als 168 Millionen Schüler:innen weltweit aufgrund von Maßnahmen gegen das Virus vom Unterricht ausgeschlossen. 214 Millionen Kinder – jedes siebte Kind der Erde – sollen mehr als drei Viertel ihres Unterrichts verpasst haben. Die Jüngsten der Gesellschaft seien die stillen Opfer der Krise, glaubt UNICEF und sieht einen Zusammenhang zum sozialen Status. Auch wenn in Industrienationen der Ausfall des Präsenzunterrichts oft nur durch eine unzureichende Umstellung auf digitales Lernen ersetzt werden konnte, trifft die Krise Kinder in Schwellen- und Entwicklungsländern härter. Zwei Drittel der 14 Länder, die sich von März 2020 bis Februar 2021 weitgehend im Lockdown befunden haben, liegen in Lateinamerika und der Karibik. Insgesamt 98 Millionen Schulkinder hatten und haben dort weitgehend keinen Zugang zu Bildung.

Was kann also über die Pandemie hinaus zur Unterstützung des Bildungssystems beigetragen werden, damit alle, auch sozial Benachteiligte, adäquat, daran teilhaben können? Ein Instrument der Demokratisierung von Bildung entwickelt sich seit einigen Jahren: Open Educational Resources (OER) – offen lizenzierte Unterrichtsmedien, idealerweise auf digitalen Plattformen frei zugänglich. Im Jahr 2012 verabschiedete der UNESCO-Weltkongress die „Paris OER Declaration“ mit dem Ziel der Teilhabe aller Menschen an qualitativ hochwertiger Bildung. Dort heißt es, OER sind „Lehr-, Lern- und Forschungsressourcen in Form jeden Mediums, digital oder anderweitig, die gemeinfrei sind oder unter einer offenen Lizenz veröffentlicht wurden, welche den kostenlosen Zugang sowie die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung durch Andere ohne oder mit geringfügigen Einschränkungen erlaubt”. Seit einiger Zeit verfolgen Länder wie die USA mit ihrem „National Education Technology Plan 2010“, aber auch Brasilien, die Niederlande, Polen und Großbritannien OER-Strategien. Internationale Akteure wie die UNESCO, die OECD, die EU sowie Stiftungen wollen offene Unterrichtsmedienportale in sich entwickelnden Ländern unterstützen. Denn besonders für diese Staaten kann der kostenfreie Zugang zu Bildungsmaterialien ein essenzieller Schritt zur Teilhabe ihrer Schüler:innen an Bildung sein. Schließlich wurde im November 2019 auf der UNESCO-Generalkonferenz eine „Recommendation“ zu OER angenommen, in der sich die Mitgliedsstaaten verpflichten, OER stärker in ihrer nationalen Bildungsarbeit und -politik zu verankern.

Dabei können OER nicht nur zur Bildungsgerechtigkeit beitragen, sondern durch adaptierbares Material auch der Heterogenität der Lernenden gerecht werden sowie Inklusionsprozesse unterstützen. Dies sind u. a. Gründe, warum auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) derzeit eine Strategie zur Förderung von OER erarbeitet, bei der die Siemens Stiftung beratend unterstützt. Seit 2009 sammelt die Siemens Stiftung mit der Gründung des Medienportals Erfahrungen im E-Learning. Lernmedien für den MINT-Unterricht werden dort in drei Sprachen (Deutsch, Englisch und Spanisch) kostenlos angeboten. Zunächst kein reines OER-Portal, folgte eine drei Jahre dauernde mühsame Umstellung, da sich das deutsche Urheberrecht als enges Korsett mit zahlreichen Hürden gestaltete. Jede Lizenz der 6.500 online gestellten Medien musste geprüft und teils neu verhandelt werden, bis schließlich 3.500 Medienangebote verblieben, die seit 2018 im Rahmen eines reinen OER-Angebots auf bislang 4.400 Materialien ergänzt werden konnten.

Wie groß die Notwendigkeit von freien, digitalen Unterrichtsmaterialien ist, lässt sich an dem Nachfrageschub ablesen, den das Medienportal zunächst nach der Wandlung zum reinen OER-Angebot und schließlich durch den Online-Unterricht aufgrund der Pandemie verzeichnete: Von 2018 bis 2019 konnten über 80 Prozent mehr Klicks und eine deutlich höhere Mediennutzung und gestiegene Webseiten- und Medienzugriffe festgestellt werden.

Inzwischen entwickeln sich immer mehr Plattformen mit kostenlosem Lehrmaterial für unterschiedliche Altersgruppen bis hin zur beruflichen Orientierung oder Ausbildung. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bietet beispielsweise für afrikanische Länder in einer Kooperation u. a. mit lokalen Ministerien, der GIZ und der Siemens Stiftung die E-Learning-Plattform atingi zur beruflichen Bildung und Orientierung junger Menschen an. Dabei hängt der Erfolg von OER-Plattformen wesentlich von einer zielgruppenspezifischen Regionalisierung der bereitgestellten Lerninhalte ab: Die Medien müssen auf die Kulturen und Lebensräume der Schüler:innen angepasst sein. Es darf nicht nur das Ziel sein, Kindern und Jugendlichen an jedem Ort der Welt Zugang zu hochwertiger Bildung zu verschaffen, wie es notwendigerweise in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen verankert wurde. Darüber hinaus müssen Lerninhalte auf die individuellen Hintergründe der Einzelnen zugeschnitten werden.

Gemeinsam schnell und pragmatisch Antwort finden

Eine OER-Plattform ist ein Gebilde von und für zahlreiche und unterschiedlichste Stakeholder. Nur wenn es gelingt, diese Komplexität des Systems mit seinen diversen wechselseitigen Beziehungen adäquat abzubilden und alle Akteure einzubinden, kann virtuelle und hybride Bildungsarbeit zum Erfolg geführt werden und Veränderung bewirken. So entschloss sich die Siemens Stiftung, ausgelöst durch die Notwendigkeiten der Pandemie-Krise, im Sommer 2020 kurzerhand im Verbund mit einem großen Netzwerk an Partnerinstitutionen und Fachleuten, das unter dem Namen RED STEM Latinoamérica arbeitet, ein eigenständiges OER-Partner-Portal zu initiieren. Expert:innen von 70 lateinamerikanischen Partnern aus 13 Ländern, von Bildungsministerien über Universitäten bis hin zu lokalen NGOs, taten sich für die Entwicklung von Bildungsmedien zusammen. Innerhalb von nur zwei Monaten konnte das OER-Portal   – kurz: CREA – freigeschaltet werden. Es wurden Medien, Programme und Schulungsformate von verschiedensten Seiten eingebracht, um auf die Nachfrage und vor allem die Dringlichkeiten seitens der Bildungsakteure und Systeme reagieren zu können.

In Kooperation mit zwölf weiteren internationalen Partnern gingen 530 Medien zu MINT-Themen und nachhaltiger Entwicklung online – zusammengestellt von ihnen und deren eigenen Netzwerken. Notwendige Kooperationsvereinbarungen mit Bildungsministerien aus Peru, Kolumbien und Chile sowie mit Bildungsbehörden großer Städte konnten unkompliziert und zügig geschlossen werden. Bereits Ende des Jahres zählte das Portal 20.000 Zugriffe.

Gelingen konnte dies so zügig und erfolgreich, weil alle Akteure sich der Notwendigkeit des schnellen Handelns bewusst waren; sie operierten auf Augenhöhe, ohne Empfindlichkeiten. Jeder und jede speiste seine verfügbaren Unterrichtsmedien in die Plattform ein, ohne vertragliche Bindung, unbürokratisch. Bei Entscheidungen stand stets das Ziel im Vordergrund, dringend eine Verbesserung für das Land und das Bildungssystem mit seinen Kindern und Jugendlichen zu bewirken.

Von Partnerschaften lernen

Diese undogmatische Herangehensweise krisenerprobter Nationen ist durchaus ein Key Learning, dessen Elemente auch in den Diskurs in Deutschland einfließen sollten. Flexibilität, eine situativ angepasste Fehlerkultur – denn natürlich gilt es im Nachgang nun die Qualität von CREA noch weiter anzuheben – und die gemeinschaftliche Herangehensweise sind Aspekte, die ausstrahlen sollten. Landesspezifische Regularien und organisationsspezifische Prägungen traten zurück, um Lösungen zu generieren und einen kollektiven Impact zu erzielen. Insofern können alle Stakeholder dieser internationalen Partnerschaft – von lokalen Universitäten über Ministerien bis hin zur Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Siemens Stiftung – voneinander lernen und signifikante Erfahrungen beziehen.

Dies findet auch ganz praktisch seinen Niederschlag: In einem nächsten Schritt soll nun versucht werden, das Medienportal und CREA zu verschmelzen – zunächst technisch und Lizenz-rechtlich, auf der folgenden Stufe auch durch die Adaption der Inhalte. Denn ein Kind auf der Nordhalbkugel sieht nicht das Kreuz des Südens am Firmament und in der Essenspyramide wird eine Papaya womöglich besser durch einen Apfel ausgetauscht. Partnerschaften, Netzwerke bieten die Möglichkeit, die Herausforderungen einer VUCA-Welt integrieren zu können. Die Breite unterschiedlichen Wissens und dessen kooperative Zusammenführung machen es möglich, komplexe Probleme abzubilden und Lösungen zu generieren.

Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten bei der Bereitstellung von OER, angefangen bei der Hardware, die weder für jede:n Schüler:in noch für das gesamte Lehrpersonal stets zur Verfügung steht. Dies könnte zwar in Schwellen- und Entwicklungsländern durch die Ausstattung von Schulen mit preisgünstigen, einfachen Computern gelöst werden, aber auch Datenvolumen sind vor Ort oft teuer zu erwerben oder gar nicht zugänglich. Damit OER ihre volle Wirkung entfalten können, besteht also durchaus noch Handlungsbedarf.

Solche Unwägbarkeiten eröffnen schließlich ein weiteres spannendes Feld: Wie können wir als Siemens Stiftung soziale Initiativen fördern und Sozialunternehmer:innen inspirieren, um im Education-Technology-Bereich aktiv zu werden? Es bedarf zahlreicher Schritte und vieler Beiträge, um dem Ziel sozialer Gerechtigkeit in der globalen Bildungslandschaft näherzukommen. Nutzen wir die Digitalisierung und Kooperationen als Instrumente auf diesem Pfad.

Über die Autorin

Dr. Nina Smidt ist seit dem 1. April 2020 Geschäftsführende Vorständin und Sprecherin des Vorstands der Siemens Stiftung. Vor ihrer Tätigkeit für die Siemens Stiftung war sie von 2011 bis 2020 Bereichsleiterin für Internationale Planung und Entwicklung in der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und von 2006 bis 2011 Geschäftsführerin der Bucerius Education GmbH an der Bucerius Law School in Hamburg. Von 2010 bis 2020 leitete sie zudem die amerikanische Stiftungstochter der ZEIT-Stiftung in New York als Präsidentin. Zuvor war Nina Smidt Stellvertretende Geschäftsführerin am International Center for Graduate Studies der Universität Hamburg und Programm-Managerin im Bereich Kommunikation an der Jacobs University in Bremen.