Fachbeitrag

Kollaborative Professionalität – Wie ein neues Zeitmodell die Zusammenarbeit von Lehrkräften fördern kann

von Anne Sliwka und Lena Kleber
veröffentlicht am 04.08.2021

Im deutschen Bildungssystem fehlen Strukturen, die die kollaborative Professionalität von Lehrkräften ermöglichen. Damit der digitale Transformationsprozess in der Bildung gelingen kann, gilt es die Lernprozesse der Schüler:innen und zugleich die der Lehrkräfte zu verändern. Fehlende Regelungen zur Kooperationszeit für Lehrkräfte stellen dabei eine Herausforderung dar, vor der Schulen und das Schulsystem aktuell stehen. Wie kann es gelingen, dass Lehrkräfte kollaborativer arbeiten und diese Zusammenarbeit im System zu verankern?

Foto: Phil Dera / CC BY 4.0

Seit Jahren wird von unterschiedlichen Seiten darauf hingewiesen, dass es zu einer stärkeren Kooperation und Kollaboration zwischen den Lehrkräften kommen muss, um einerseits den Unterricht zu verbessern und andererseits die Lehrkräftegesundheit und Berufszufriedenheit zu fördern. John Hattie hat in seiner Metastudie Visible Learning (2018) die kollektive Wirksamkeit von Lehrkräften als den stärksten Einflussfaktor für Lernerfolg herausgestellt. Diese kollektive Wirksamkeit kann erlangt werden, wenn Lehrkräfte gemeinsam arbeiten und dieses Arbeiten sich von einer sporadischen Kooperation hin zu einer verbindlichen kollaborativen Professionalität wandelt. Die kooperative Professionalität zielt auf eine Entwicklung von Schule und Unterricht, in denen die Individuen der Schulgemeinschaft ihre Expertise, ihr Wissen und ihre Erfahrungen miteinander teilen, gemeinsam Entscheidungen treffen und Probleme lösen. Sporadische oder oberflächliche Zusammenarbeit orientiert sich nicht an Qualitätskriterien, wodurch die Erfolge dieser Zusammenarbeit variieren können. Die kollaborative Professionalität hingegen strebt gezielt eine tiefgreifende Zusammenarbeit an, um so den Unterricht und die Lernergebnisse von Schüler:innen systematisch zu verbessern  (Hargreaves und O’Connor 2018). Die kollaborative Professionalität zeichnet sich dadurch aus, dass Treffen der Lehrkräfte nicht mehr nur episodisch und lose gekoppelt stattfinden, sondern dass gemeinsame Arbeitszeiten verbindlich in die wöchentliche Arbeitspraxis von Lehrkräften und Schulleitung eingebettet sind.

Pädagogische Zeiträume schaffen

Benötigt werden also pädagogische Zeiträume, innerhalb derer die Transformation hin zu einer zeitgemäßen Pädagogik durch Kommunikation und Kollaboration vollzogen werden kann. Das Bereitstellen dieser pädagogischen Zeiträume ist in Deutschland aufgrund des Deputatstundenmodells nur sehr schwer zu realisieren. Bisher leben Lehrkräfte an vielen Schulen noch in Koexistenz: Sie wissen wenig voneinander und kennen sich teilweise nicht einmal. Aber solange jeder allein arbeitet, werden wir in den Schulen kein höheres Level an Unterrichts- und Lernqualität erreichen – ein koordiniertes Vorgehen ist für die Bildung in der digitalen Welt aber unabdingbar.

Zeitmodell für mehr Kollaboration unter Lehrkräften:

  • Erhöhung der Dauer der einzelnen Unterrichtsstunden von 45 auf 90 Minuten
  • Die 90 Minuten setzen sich aus 80 Minuten Unterricht und 10 Minuten Kollaborationszeit zusammen
  • 120 Minuten für Lehrkräftekollaboration, wenn dies von den Deputaten abgezogen wird
  • 120 Minuten selbstgesteuertes Arbeiten der Schüler:innen auf der Grundlage von Medien und Aufgaben im Lernmanagementsystem

 

Vom „Ich und mein Unterricht“ zu einem „Wir und unser Unterricht“

Es besteht eine Möglichkeit, beispielsweise durch eine veränderte Nutzung des Deputats (siehe Infokasten), mehr Zeit und Raum für die Kollaboration zwischen Lehrkräften zu schaffen. Diese Zeitfenster zur Kollaboration müssen nicht vor Ort an der Schule stattfinden, sondern können durchaus auch digital umgesetzt werden. Der Befürchtung, dass Schüler:innen dadurch wertvolle Unterrichtszeit verlieren, kann entgegengesetzt werden, dass sie die Kollaborationszeit der Lehrkräfte für ihr eigenes selbstorganisiertes und selbstreguliertes Lernen nutzen können. Dieses Lernen können Lehrkräfte durch Lernmanagementsysteme, auf denen die sie passende Videos und Aufgaben bereitstellen, unterstützen. Während der Pandemie konnten wir bereits sehen, dass viele Schüler:innen in der Lage sind Selbstlernzeiten sehr gut für sich zu nutzen und dabei selbständiger zu werden. Die Umsetzung dieses Zeitmodells in der Mittelstufe (achte und neunte Klasse) kann als Vorbereitung und Einübungsphase von Selbstorganisation und -regulation für die Oberstufe gesehen werden und stellt eine regelrechte Win-Win-Situation dar. Neben der gewonnenen Zeit für das selbstregulierte Lernen der Schüler:innen gewinnen die Lehrkräfte Zeit zur Kollaboration und Co-Agency innerhalb ihres normalen Stundenplans. Co-Agency beschreibt eine sich gegenseitige unterstützende Beziehung unterschiedlicher Akteur:innen. Zudem wird durch die geschaffene kollektive Wirksamkeit der Lehrkräfte der Unterricht allgemein verbessert, wovon wiederum die Schüler:innen profitieren. Es geht also darum von einem „Ich und mein Unterricht“ hin zu einem „Wir und unser Unterricht“ zu gelangen. Eine Veränderung der Rolle der Lehrkraft an sich wird durch die Kollaborationszeiten angeregt und die professionelle Weiterentwicklung sowie die Zusammenarbeit unter Lehrkräften im Team wird gefördert. Dabei soll die Ko-Existenz von Lehrkräften zugunsten von ko-konstruktiven Prozessen und einer Mentalität des gemeinsamen Gestaltens und Entscheidens überwunden werden. Lehrkräfte, die in Teams arbeiten, können ihr Wissen und ihre Kreativität komplementär einsetzen, um guten Unterricht zu entwickeln, so wie das z.B. bei der hochwirksamen japanischen Methode der Lesson Study schon der Fall ist. So können beispielsweise mehrere Englischlehrkräfte gemeinsam daran arbeiten, in ihren achten Klassen ein bestimmtes Thema aus dem Lehrplan durch ein intelligentes Unterrichtsdesign umzusetzen und die Leistungsbewertung gemeinsam erstellen und somit für mehr Transparenz bei der Beurteilung sorgen.

In diesen entstandenen professionellen Lerngemeinschaften teilen Lehrkräfte ihr fachliches und fachdidaktisches Wissen und sie lernen gemeinsam neue pädagogische Prinzipien und Unterrichtsmethoden kennen und können diese in der Praxis erproben. Es gilt die Synergieeffekte, digital und vor Ort, optimal zu nutzen, um Doppel- und Mehrarbeit zu verringern. Die Lerneffekte liegen bei diesem Modell nicht nur auf der Seite der Schüler:innen, sondern auch bei den Lehrkräften, denn sie lernen von- und miteinander. Die wohlbekannten 4K sind nicht nur bei den Schüler:innen zu erreichen, die Lehrkräfte können ebenfalls durch Kooperation, Kritisches Denken, Kreativität und Kommunikation ihre Professionalität steigern.

Ein innovatives Zeitmodell als Lösungsvorschlag

Im Rahmen der Munich Economic Debates hielt Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD, einen Online-Vortrag, in dem er die mangelnden Gestaltungsfreiräume an deutschen Schulen kritisierte. In Deutschland werden laut Schleicher lediglich 17 Prozent aller Entscheidungen, die die Ausbildung der Schüler:innen betreffen, in den Schulen selbst getroffen. In unserem Nachbarland den Niederlanden sind es über 90 Prozent, was die Flexibilität der Schulen, aber auch das Engagement von Lehrkräften und Eltern fördert. In einem weiteren Interview nannte er die, in der Pandemie besonders hervorgetretene, Notwendigkeit der Entscheidungen vor Ort. Lehrkräfte und Schulleitungen müssen die Möglichkeit haben, auf kurzem Weg und schnell, selbst Entscheidungen treffen zu können. Der aktuelle Weg über das Ministerium, die komplexen Verwaltungsvorgänge und die lange Dauer stellen ein großes Hindernis für die Flexibilität und Innovationsbereitschaft der Schulen dar. Erfahrungen und Forschungen aus Schulsystemen, die in Hinblick auf die Kollaboration von Lehrkräften und der Digitalisierung schon weiter als Deutschland sind, zeigen, dass eine reine technische Ausstattung der Schule nicht zielführend ist, wenn sich nicht auch die Lernprozesse der Lehrenden und Lernenden verändern. In den meisten besonders erfolgreichen Schulsystemen ist die Anzahl der wöchentlichen Deputatsstunden niedriger als in Deutschland, zusätzlich zur Unterrichtszeit sind aber andere professionelle Tätigkeiten von Lehrkräften, wie die wöchentlichen Kooperationszeiten für Lehrkräfte, im Arbeitsvertrag der Lehrkräfte verbindlich geregelt. Es wäre jetzt an der Zeit Schulversuche zu starten, um das neue Zeitmodell zu erproben und Lehrkräften die Möglichkeit zu geben kollaborativ zu arbeiten, um gemeinsam besseren Unterricht zu entwickeln. Wenn das dazu führen würde, dass nicht nur Lehrkräfte mehr voneinander und miteinander lernen und dadurch besseren Unterricht gestalten, sondern auch Schüler:innen ihre Fähigkeiten zu digital gestütztem, selbst reguliertem Lernen verbessern, wäre eine neue Zeitstruktur der Schulen ein Gewinn für alle.

Literatur

Hargreaves, A. & O’Connor, M. (2018): Collaborative Professionalism. When Teaching Together Means Learning for All. 1st. Thousand Oaks: Corwin (Corwin Impact Leadership Series). 

Klopsch, B. & Sliwka, A. (2021): Kooperative Professionalität. Weinheim: Beltz.

Über die Autor:innen

Anne Sliwka ist Professorin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg. Sie forscht über Schul- und Schulsystementwicklung sowie Lehrer:innenprofessionalität in international vergleichender Perspektive. Sie gehört zum wissenschaftlichen Beirat des neuen Instituts für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW), das eine datengestützte Qualitätsentwicklung im Bildungssystem des Landes unterstützen soll

Lena Kleber schloss an der Ruprecht-Karls-Universität ein Lehramtsstudium in den Fächern Englisch, Erziehungswissenschaft, Politik und Wirtschaft mit dem Staatsexamen ab. 2016 absolvierte sie ein Auslandsjahr an der Middlesex University London. Seit Januar 2021 ist sie als wissenschaftliche Hilfskraft bei Anne Sliwka am Institut für Bildungswissenschaft in der Deeper Learning Initiative tätig.