Interview

#KonfBD21 | Pierre Tulowitzki: „Nichts geht ohne das richtige Mindset“

von Klaus Lüber
veröffentlicht am 28.10.2021

Technische Ressourcen, Infrastruktur und Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien sind Grundvoraussetzungen, damit Schulen den digitalen Wandel sinnvoll begleiten können. Aber es braucht auch das richtige Mindset, findet Prof. Dr. Pierre Tulowitzki, Leiter der Professur Bildungsmanagement und Schulentwicklung an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2021 stellt er am 11. November 2021 in einer Keynote die Erkenntnisse aus einem neuen Impulspapier zur digitalisierungsbezogenen Schulleitungsqualifizierung vor.

Foto: Privat

Herr Tulowitzki, vor welchen spezifischen Herausforderungen stehen Schulleitungen und Lehrkräfte im Zuge gesellschaftlicher Veränderungsdynamiken, die auch durch die digitale Transformation bestimmt werden?

Ich sehe hier zwei Ebenen: Zum einen berührt die Digitalisierung sämtliche Bereiche unseres Lebens und hat schon jetzt unser Arbeits- und Privatleben sowie Kommunikationsverhalten grundlegend verändert. Das macht natürlich vor der Schule nicht Halt. Das Leben von Kindern und Jugendlichen ist heute geprägt von der Nutzung digitaler Medien und dies verlangt die Vermittlung anderer Kompetenzen als noch vor 20 Jahren. Zum anderen stehen inzwischen aber auch eine ganze Reihe von Tools zur Verfügung, die das Lehren und Lernen unterstützen können.

Was heißt das für das Rollenbild und professionelle Selbstverständnis der Pädagog:innen?

Das Digitale wird zunehmend aktiv mitgedacht. Für die Lehrkräfte ist es wichtig, ein kritisches Verständnis der Chancen und Risiken für Kinder und Jugendliche zu entwickeln. Bei Schulleitungen sehe ich zusätzlich noch die strategische Ebene, also eine konkrete Vorstellung davon, wie die Schule insgesamt rund um Digitalisierung aufgestellt ist. Was wir auf jeden Fall vermeiden sollten, ist eine Haltung, die danach strebt, einfach das Alte durch neue Technologie zu emulieren. Also, bildlich gesprochen, statt ausgedruckter Papierblätter in Zukunft einfach Tablets in die Postfächer der Lehrenden abzulegen.

Wie können Schulleitungen und Lehrkräfte darauf vorbereitet werden? Was müssten digitalisierungsbezogene Qualifizierungsangebote für Schulleitungen leisten? 

Qualifizierungsangebote müssten primär diejenigen Schulleitungen und Lehrkräfte abholen, die grundsätzlich offen, aber weniger digital-affin sind als alle Vorreiter:innen, die es ja jetzt schon gibt und von denen wir zum Beispiel beim Deutschen Schulpreis hören. Ein Schritt für Schulleitungen könnte darin bestehen, bundesweite Standards für die Qualifikation zu erarbeiten. Da sollten dann auch Aspekte der Digitalisierung abgebildet sein, ähnlich wie in den Standards für die Lehrerbildung.

Pierre Tulowitzki

»Wir brauchen die Bereitstellung von guten Rahmenbedingungen in Form von Infrastruktur und Ressourcen. Wir brauchen entsprechende Angebote, um Kompetenzen zu erweitern. Aber nichts geht ohne das richtige Mindset, die Offenheit für Veränderung.«

Pierre Tulowitzki, Leiter der Professur Bildungsmanagement und Schulentwicklung, Fachhochschule Nordwestschweiz

Gibt es denn überhaupt schon spezifische Qualifizierungsangebote, die auf die Bedarfe von Schulleitungen eingehen?

Die gibt es, allerdings sehr heterogen in Bezug auf Format, Qualität und Passung. Das hängt stark vom einzelnen Bundesland ab. Auch deshalb wären bundesweite Standards nützlich. Und es würde sich aus meiner Sicht lohnen, sich noch einmal bewusst zu machen, wie wichtig die Haltung der Lehrkräfte und Schulleitungen in diesem Prozess ist. Wir brauchen die Bereitstellung von guten Rahmenbedingungen in Form von Infrastruktur und Ressourcen. Wir brauchen entsprechende Angebote, um Kompetenzen zu erweitern. Aber nichts geht ohne das richtige Mindset, die Offenheit für Veränderung.

Wie könnte man an diesem Punkt ansetzen?

Vor allem, indem man ganz klar kommuniziert: Digitalisierung ist nicht etwas Isoliertes, das womöglich bald wieder „out“ ist, sondern integriert in ganz viele Themen und dauerhaft da. Sie wird relevant für sehr vieles sein, was man als Herausforderung gerade auf dem Tisch hat. Und nicht nur in Belastungen und Problemen, sondern auch in Chancen und Möglichkeiten zu denken. Dieser Perspektivwechsel ist wichtig, um das Gefühl der Überlastung zu vermeiden, welches ja von vielen Lehrkräften und Schulleitungen nach wie vor empfunden wird. Das muss man auch ernst nehmen. Hier kann insbesondere auch der Austausch mit anderen Schulen hilfreich sein.

Inwiefern?

Ein Seminar „Das richtige Mindset für Schulleitungen“ wird uns an dieser Stelle definitiv nicht weiterbringen. Man sollte ganz konkret vor Ort sehen, was möglich ist. Wenn man mit eigenen Augen sieht, wie das an manchen Schulen funktioniert, was an neuen Unterrichtskonzepten schon eingesetzt wird, wie man mit Noten umgeht, wie digitale Tools für Unterricht, zur Kommunikation und Dokumentation eingesetzt werden – und das alles in mit einem vertretbaren finanziellen Rahmen – dann kann das womöglich zum Nachdenken anregen, so in Richtung: „Mensch, dieses oder jenes können wir doch auch bei uns machen!“

Prof. Dr. Pierre Tulowitzki ist Leiter der Professur Bildungsmanagement und Schulentwicklung an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Im Rahmen der Konferenz Bildung Digitalisierung 2021 stellt er am 11. November 2021 um 13:00 Uhr in einer Keynote Erkenntnisse und Handlungsempfehlen aus dem vom Forum Bildung Digitalisierung in Auftrag gegebenen  Impulspapier „Schulleitungen und digitale Schulentwicklung – Impulse zur Stärkung von Professionalisierungsangeboten“ vor.

Über die KonfBD21

Vom 10. bis 12. November 2021 lädt das Forum Bildung Digitalisierung zum sechsten Mal in Folge zur Konferenz Bildung Digitalisierung ein. Die Leitkonferenz für gute Schule in der digitalen Welt im deutschsprachigen Raum macht Best Practices sicht- und erlebbar, bietet den Akteuren eine Plattform für Austausch und Vernetzung und setzt entscheidende Impulse für die Transformation von Bildung in der Kultur der Digitalität. Den Link zur kostenlosen Anmeldung sowie das vorläufige Programm finden Sie hier.