Fachbeitrag

Schule von Grund auf neu denken – Was wir von innovativen Schulen im Aus- und Inland lernen sollten

von Esther Ostmeier und Isabell M. Welpe
veröffentlicht am 22.04.2021

Digitale Technologien, künstliche Intelligenzen und das omnipräsente Internet verändern unsere Lebenswelt und stellen die Organisationsmodelle und Arbeitsweisen in vielen Bereichen infrage. Das Bildungssystem stellt hier keine Ausnahme dar. Unsere digital vernetzte, globale Gesellschaft erfordert zunehmend eine grundlegende Erneuerung mit echten Innovationen von Bildungs- und Schulkonzepten in Deutschland, um sicherzustellen, dass Schulen hierzulande (weiterhin) ihren Bildungsauftrag erfüllen.

Foto: Gerd Altmann / Pixabay

Dafür, dass die Schulkonzepte und Unterrichtsinhalte in Deutschland grundlegend neu gedacht werden müssen, spricht zum Beispiel, dass sich der Bildungsmarkt stark verändert. Seit mehreren Jahren wächst die Zahl der Unternehmen auf dem Bildungsmarkt, welche die klassischen schulischen Unterrichtsformen mit motivierenden, effektiven und ortsunabhängigen (digitalen) Lernangeboten ersetzen oder ergänzen wollen. Außerdem fehlen Schulen in Deutschland Lösungen für einige fortwährende oder zyklisch wiederkehrende bildungspolitische Herausforderungen. Zum Beispiel fällt (zu) viel Unterricht aufgrund fehlender Lehrkräfte aus, manche Lehrkräfte empfinden eine (zu) hohe Arbeitsbelastung und (zu) wenige Möglichkeiten, heterogenen Schüler:innengruppen gerecht zu werden. Seit 2013 steigt der Anteil an jungen Menschen, die ohne allgemeinbildenden oder beruflichen Abschluss das deutsche Schulsystem verlassen – von 5,7 Prozent im Jahr 2013 auf 6,8 Prozent im Jahr 2018. Zudem konstatieren Expert:innen, dass das deutsche Bildungssystem das Prinzip der Chancengleichheit nicht ausreichend erfüllt. Auch die Notwendigkeit, den Schulunterrichts in manchen Fächern zu verbessern, wie es beispielsweise die Studien ICILS, TIMSS und PISA dokumentieren, sowie die Tatsache, dass heute andere Kompetenzen zukunftsrelevant sind als vor Jahrzehnten, erfordern grundlegende Veränderungen von Schulbildung in Deutschland.

In diesem Beitrag stellen wir einige Schulen im In- und Ausland vor, die uns Wege aufzeigen, wie zeitgemäße Formen von Schule und Unterricht aussehen können. Wir haben diese Schulen als Beispiele dafür ausgewählt, wie die Anforderungen, denen Schulen unserer Meinung nach künftig stärker nachkommen sollten, umgesetzt werden können. Wir hoffen, dass diese Schul- und Unterrichtsbeispiele an vielen Schulen und Kultusministerien in Deutschland einen Austausch anregen sowie die Offenheit und den Mut wecken, flächendeckend zeitgemäße Konzepte für Schulen in Deutschland zu entwickeln und am Ball zu bleiben, wenn Hindernisse überwunden werden müssen. Konkrete Beispiele und ein Austausch über diese können helfen, Offenheit für die Entwicklung grundlegend neuer Schulkonzepte zu wecken und letztendlich Veränderungsresistenzen abzubauen. Gleichwohl sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass einige der von uns genannten Schulen Schulgebühren erheben und dadurch über andere finanzielle Ressourcen verfügen als die meisten öffentlichen Schulen in Deutschland.

Von Schulen mit lebensnahen Projekten als wesentlicher Unterrichtsform lernen 

Schulunterricht sollte heute viel stärker als bisher in Form interdisziplinärer Projektarbeit mit Bezug zur aktuellen Lebenswelt der Schüler:innen und deutlich weniger in den Strukturen einzelner Schulfächer stattfinden, um zukunftsrelevante Kompetenzen wie kreatives und originelles Denken, komplexes Problemlösen (statt Auswendiglernen), aber auch eigenverantwortliches und eigeninitiatives Handeln und Lernen sowie Empathie und Zusammenarbeit stärker ausbilden zu können.

Wie Schul- und Unterrichtskonzepte aussehen können, die problembasiertes Lernen in Projekten mit Lebensweltbezug als primäre Unterrichtsform einsetzen, zeigen beispielsweise die NuVu School in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts für Schüler:innen zwischen 11 und 18 Jahren und ihre 14 Partnerschulen beispielsweise in den USA und Großbritannien. Statt nach starren Stundenplänen arbeiten die Schüler:innen an der NuVu School über zwei Wochen an relativ komplexen und interdisziplinären Themen wie „Städte der Zukunft“ oder „Die Zukunft der globalen Erwärmung“. Dafür hat die NuVu School sogenannte „Studios“, die an die zweiwöchigen Projekte und Themen der Schüler:innen angepasst sind. Tipps und Feedback erhalten die Schüler:innen während der Projekte von Coaches; ihre Projektergebnisse müssen sie schulinternen und teilweise auch schulexternen Gutachter:innen präsentieren. Dementsprechend dokumentieren die Schulzeugnisse der NuVu School die Leistungen der Schüler:innen in ihren Projektarbeiten und verzichten auf Fächersystematiken. 

Auch am Ørestad Gymnasium in Kopenhagen lernen Schüler:innen viel in kleinen Projektteams, die von Lehrkräften begleitet werden. Dafür besteht die Schule mit rund 350 Schüler:innen aus einem großen „Klassenraum“, der über verschiedene Lern- und Aufenthaltsbereiche verfügt. In Deutschland erproben einzelne Schulen in ausgewählten Klassen oder Schüler:innengruppen Unterricht, in dessen Mittelpunkt selbstgesteuertes Lernen sowie lebensnahe und interdisziplinäre Projektarbeiten stehen. Beispielsweise wechselt die Evangelische Schule Berlin Zentrum in der Oberstufe zwischen Wochen mit klassischem Unterricht und „Blockwochen“, in denen die Schüler:innen das erworbene Fachwissen in Workshops und Projekten anwenden und vertiefen. Am Landschulheim Marquartstein in Oberbayern gibt es anwendungsorientierte „Werkkurse“, während der die Schüler:innen in der schuleigenen Elektrowerkstatt, Schreinerei, Töpferei und Gärtnerei tätig sind; der Erwerb eines beruflichen Ausbildungsabschlusses ist parallel zum Abitur möglich.

Von Schulen mit personalisierten statt pauschalen Lern- und Stundenplänen lernen

Ein wichtiges Ziel der Schule der Zukunft sollte sein, dass alle Schüler:innen erfolgreich lernen, auch wenn sie dafür mehrere Prüfungsversuche benötigen. Dafür bieten sich personalisierte Lehrpläne und Lehrzeiten und die damit verbundene Nutzung digitaler Endgeräte mit Lern-Apps an. Die K12-Schools und die AltSchools, jeweils mit mehreren Standorten in den USA, und die Steve Jobs School in Amsterdam sind Beispiele für solche Schulen, die entsprechende Unterrichtsformen ganzheitlich in ihren Schulkonzepten etabliert haben. Alle Schüler:innen haben dort ein (schul-)eigenes Tablet oder einen Laptop mit Lern-Apps zur Verfügung und können sich so (auf unterhaltsame Weise) in ihrem eigenen Lerntempo und an einem Ort ihrer Wahl innerhalb offener Schulgebäude mit bestimmten Lerninhalten auseinandersetzen. Dabei geht es vor allem darum, dass sie sich Wissen aneignen und dessen Anwendung üben, während die Lehrkräfte die Rolle von Mentor:innen und Lernbegleiter:innen einnehmen. Weltweit kombinieren mehrere Schulen diese Art des Lernens mit Team- und Projektarbeiten, um neben der Fähigkeit des selbstgesteuerten Lernens auch soziale, problemlösende und kreative Fähigkeiten zu fördern.

Die Schule der Zukunft muss gleichzeitig virtuell und physisch gedacht und entworfen werden, es sollte eine seamless transition zwischen beiden Räumen geben.

Christos Chantzaras, Architekt und Raumforscher

In Deutschland finden wir entsprechende Ansätze in den sogenannten Tabletklassen, wie es sie beispielsweise in der Realschule am Europakanal in Erlangen, der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamt­schule in Göttingen oder der Janusz-Korczak-Gesamtschule in Gütersloh gibt. Diese Schulen berichten, dass der Einsatz von Tablets im Unterricht nicht nur bessere Möglichkeiten für die Ausbildung von Medienkompetenzen bietet. Mit Tablets können Schüler:innen auch Aufgaben selbstständiger und eigenverantwortlicher recherchieren und schließlich kreativer und individueller lösen – etwa wenn sie eigene E-Books, Blogs, Wikis oder Videos erstellen. Auch das Gymnasium Neubeuern in Bayern berichtet, dass Schüler:innen der neunten und zehnten Klassen mithilfe von Tablets, Lernplattformen, Online-Kursen und einem begleitenden, von den Schüler:innen selbst gesteuerten Austausch in Gruppen weitestgehend eigenverantwortlich lernen, während Lehrkräfte in diesen Klassen primär als Lernbegleiter:innen agieren.

Von Schulen lernen, die interkulturelle Erfahrungen und Fremdsprachenunterricht besonders fördern

In Hinblick auf unsere globale, transkulturelle Lebens- und Arbeitswelt ist wichtig geworden, dass junge Menschen eine weltoffene Haltung entwickeln und interkulturelle Kompetenzen erwerben. Dafür scheint uns wichtig, dass Schüler:innen eigene Erfahrungen mit und in anderen Kulturen machen und versiert Englisch sprechen lernen. Schulen, die Projektarbeiten und ehrenamtliches Engagement im In- und Ausland für alle Schüler:innen im Schulprogramm verankert haben, können in diesem Aspekt als Vorbild dienen. Als solche sind z. B. die internationalen United World Colleges, u. a. mit einem Standort in Freiburg im Breisgau, und die um die Welt wandernde THINK Global School zu nennen. Auch Schulen, die durchgehend bilingualen Unterricht (Deutsch-Englisch) anbieten, wie die Jan Amos Comenius Grundschule in München und die St. George’s Schools, die in Köln, Duisburg, München und anderen Ländern vertreten sind, können Vorbilder für Schulen in Deutschland sein.

Fazit

Außerhalb Deutschland finden sich viele Beispiele für Schulen, an denen von Grund auf neu gedachte Schulkonzepte umgesetzt werden, während in Deutschland neue Ansätze nur in deutlich kleinerem Rahmen erprobt werden, etwa wochenweise, mit bestimmten Schüler:innengruppen oder an einzelnen Modellschulen. Wir denken, dass es für die Schulbildung in Deutschland wichtig ist, mutiger und kreativer im Neudenken von Schule zu sein. Alle Schulen sollten Konzepte entwickeln, die es ihren Schüler:innen ermöglichen, lebensnah und, mithilfe von Bildungstechnologien, ihren eigenen Lernvoraussetzungen entsprechend zukunftsrelevante Fähigkeiten zu entwickeln und das Schulsystem erfolgreich, mit der Motivation zu weiterem Lernen, zu verlassen. Um dieses Ziel zu erreichen, dürfen Schulkonzepte in Deutschland aus unserer Sicht vielfältiger und Schulräume hybrid (virtuell und physisch) werden. Für die Entwicklung, Umsetzung und Evaluation solcher Schul- und Unterrichtskonzepte sollten Plattformen des Wissensaustauschs, rechtliche Rahmenbedingungen sowie finanzielle, technische und personelle Ressourcen bereitgestellt und genutzt werden.

Dieser Beitrag beinhaltet Gedanken aus unserem Beitrag „Schule 5.0: Die Zukunft von Schule erfinden“, den wir zuvor bereits auf medium und Linkedin veröffentlicht haben.

Über die Autorinnen

Esther Ostmeier ist wissenschaftliche Referentin am Bayerischen Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IHF) und Doktorandin am BWL-Lehrstuhl Strategie und Organisation an der Technischen Universität München. Sie forscht zur Zukunft von Bildung, den Bedingungen für Innovationen in Organisationen sowie für proaktives und innovatives Berufsverhalten. Vor diesen Tätigkeiten war Esther Ostmeier am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg tätig.

Isabell M. Welpe ist Inhaberin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation an der Technischen Universität München und Wissenschaftliche Leiterin des Bayerischen Staatsinstituts für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IHF). Davor arbeitete sie am Max-Planck-Institut für Ökonomik. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Strategie, Führung und Innovation sowie der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft.  Aktuell beschäftigt sie sich vor allem mit dem digitalen Wandel von Unternehmen und der Arbeitswelt sowie der Zukunft von Führung, Arbeits- und Organisationskonzepten unter diesem Einfluss. Isabell M. Welpe ist Vorstandsmitglied im Center for Digital Technology & Management (CDTM), Mitglied im „Münchner Kreis“ sowie Angehörige weiterer Beiräte und trat wiederholt als Speaker auf der Digital Life Design (DLD) Konferenz auf. Die Zeitschrift „Capital“ zählt sie zu den Top 40 der „digitalen Elite“ in Deutschland.