Rückblick

Schulleitungsqualifizierung: Spannungsfeld digitale Schulentwicklung

von Sofie Czilwik
veröffentlicht am 18.11.2021

Gemeinsam mit dem Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) richtet das Forum Bildung Digitalisierung ab Oktober 2021 eine mehrteilige Schulleitungsqualifizierung aus und begleitet Schulleitungen bei der digitalen Transformation. Zum Auftakt trafen sich Leitungsteams aus ganz Deutschland Anfang Oktober in Berlin.

Foto: Phil Dera / CC BY 4.0

Seit vielen Jahren, diskutieren Lehrkräfte, Schulleitungen, Eltern und Politiker:innen darüber, wie Schulen digitalisiert werden können. Mit digitalen Medien und Technik umgehen zu können, gilt als Schlüsselkompetenz für das 21. Jahrhundert. Schüler:innen auf eine digitale Zukunft vorzubereiten, ist daher eine der zentralen Herausforderungen für die Schule von heute.

Doch was sind digitale Kompetenzen überhaupt und wie vermittelt man sie? Wer was darunter versteht und wie weit der Digitalisierungsprozess vorangeschritten ist, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, von Schule zu Schule, von Lehrkraft zu Lehrkraft. Gemeinsam mit dem Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) begleitet das Forum Bildung Digitalisierung ab Oktober 2021 Schulleitungen und ihre Teams bei der digitalen Schulentwicklung. 

Im Oktober kamen Schulleitungen und Mitglieder von Steuerungsgruppen aus Grund- oder Gesamtschulen, Gymnasien und beruflichen Schulen aus ganz Deutschland ins betahaus in Berlin-Kreuzberg, um sich kennenzulernen, auszutauschen und zu vernetzen. Bis April wird sich die 30-köpfige Gruppe in vier weiteren Online-Terminen über die digitale Entwicklung an ihren Schulen austauschen und einen gemeinsamen Lernprozess durchlaufen. Eine Gemeinschaft aus Lernenden, denn wie sie ihre Schulbetriebe digital umstellen, dafür gibt es kein Rezept.

Johannes Heinrich und Roman Josten kommen aus Hamburg und arbeiten an der Beruflichen Schule Bautechnik (BS 08). Johannes Heinrich ist EDV-Beauftragter und Roman Josten verantwortet die didaktischen Prozesse an seiner Schule. Die Digitalisierung, sagen die beiden, habe bei ihnen wahrscheinlich früher eingesetzt als in anderen Schulen. Weil sie mit Betrieben kooperieren, in denen digitale Anwendungen selbstverständlich zum Arbeitsalltag dazugehören, mussten auch sie als Bildungseinrichtung nachziehen. Angehende Bauzeichner:innen etwa oder Geomatiker:innen lernen nicht erst in den Unternehmen mit Software umzugehen, sondern bereits an der BS 08.

Was Johannes Heinrich und Roman Josten in diesem Schuljahr über digitale Schulentwicklung, und wie sie gestaltet werden kann, lernen möchten, ist, wie ein sinnvolles, in sich schlüssiges, didaktisches Konzept für ihre Schule aussehen kann. Eines das Digitalisierung als etwas Größeres fasst und nicht nur den Einsatz von Technik im Unterricht. 

Für die beiden Hamburger Lehrkräfte ist Digitalisierung die Chance, neue Formen des Zusammenlebens zu entwickeln. In der Schule ermöglicht sie beispielsweise Kollaboration, die ortsunabhängig erfolgen kann. Die Berufsschüler:innen lernen, ein Projekt gemeinsam zu bearbeiten, sich zu organisieren, sich ihre Aufgaben einzuteilen, auch wenn sie sich nicht physisch in einem Raum aufhalten. Sie lernen als primäres Kommunikationstool Microsoft Teams zu benutzen, um sich mit ihren Mitschüler:innen auszutauschen oder die Lehrkräfte um Hilfe zu bitten. 

Es gehe aber auch darum, sagt Roman Josten, den Schüler:innen beizubringen, sich etwas zu trauen: „Im Digitalen kann nichts kaputt gehen. Einfach mal machen, etwas auszuprobieren, das ist unser Leitprinzip.“ Die Jugendlichen zu ermutigen etwas Neues zu wagen, sich mit neuen Programmen vertraut zu machen, anstatt mit Stift und Papier zu arbeiten, das sei eine Chance, die die Digitalisierung abseits von Technik mit sich bringe. Organisieren, zusammenarbeiten, sich selbst zu ermächtigen – das sind Kompetenzen, die mit digitalen Anwendungen geschult werden.

Spannungsfeld zwischen sozialer Kompetenz und Digitalisierung

Dirk Weigand ist Schulleiter am Evangelischen Gymnasium Bad Marienberg in Rheinland-Pfalz. Für ihn besteht gerade für ein Evangelisches Gymnasium ein Spannungsverhältnis zwischen Digitalisierung und dem Selbstverständnis der Schule, das großen Wert auf künstlerische Fächer und soziale Kompetenzen legt. Mit seinem Kollegen Moritz Zöller nimmt er deshalb an Konferenzen in ganz Deutschland teil, beispielsweise an der Konferenz Bildung Digitalisierung im Jahr 2017.

Technologisch ist das Gymnasium in Bad Marienberg mit Mitteln aus dem DigitalPakt Schule mittlerweile gut ausgestattet.. Ähnlich wie bei den Hamburgern geht es in Bad Marienberg nun darum, ein Konzept für das digital gestützte Lehren und Lernen auszufeilen. Deshalb, so Schulleiter Dirk Weigand, sei ihm der Austausch mit den anderen Schulleitungen und Digitalisierungverantwortlichen auf Veranstaltungen, wie denen des Forum Bildung Digitalisierung so wichtig: Wie weit sind die anderen? Welche Programme nutzen sie? Funktioniert Unterricht, der nicht im Klassenverband sondern nach Projekten organisiert wird, wirklich besser? 

„Seit Frühjahr 2020 haben wir ein Medienkonzept“, sagt Moritz Zöller, Informatiklehrer am Bad Marienberger Gymnasium. Er koordiniert und plant die Digitalisierung an seiner Schule. Das Medienkonzept sei dynamisch, sagt er, wachse weiter und werde laufend ergänzt. Dieses Schuljahr soll, so steht es im Konzept, eine Tablet-Klasse organisiert werden, die im kommenden Schuljahr ganz ohne Schulbücher auskommen soll. Und zwar die komplette Zeit auf dem Gymnasium von der fünften Klasse bis zur Oberstufe. Doch so simpel sich diese „papierlose Klasse“ anhört, ist sie nicht. Die digitalen Lizenzen für die Bücher müssen mit den Verlagen geklärt werden, ebenso in welcher Form die Prüfungen abgelegt werden sollen. Und es gebe immer noch Kolleg:innen, die den Einsatz digitaler Medien im Unterricht kritisch beäugten und lieber auf altbewährte Lehrmittel setzten. 

Doch nicht nur im Unterricht sondern auch für die Ermittlung des Leistungsstandes können digitale Verfahren den Lehrkräften in Zukunft viel Arbeit ersparen. Schüler:innen zu bewerten und benoten, ist für die Lehrkräfte enorm zeitaufwändig. Eine Maschine könnte das in kürzester Zeit übernehmen und die Lehrkräfte hätten mehr Kapazitäten, sich mit den Inhalten im Unterricht zu befassen.

Für die Hamburger Berufsschullehrer sind digitale Prüfungen noch eine Baustelle. In der Berufsschule können die Schüler:innen das Gelernte bereits in einem Kurzfilm aufarbeiten oder einen Podcast als Abschlussarbeit präsentieren. Doch wenn es zur Abschlussprüfung am Ende der Berufsschule kommt, müssen die Lehrkräfte ihre Schüler:innen auf die herkömmliche Art prüfen, das heißt mit Textaufgaben oder Multiple-Choice-Fragen. Denn für die Innungen und die Kammern, die den Nachwuchs aufnehmen sollen, müssen die Ergebnisse der Ausbildung vergleichbar sein. Selbst wenn die Schulen sich weiterentwickeln und ihre Ausbildung modernisieren, das System hakt an den Stellen, an denen Digitalität nicht zu Ende gedacht wird.

Foto: Phil Dera
Foto: Phil Dera
Foto: Phil Dera
Foto: Phil Dera
Foto: Phil Dera
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Digitale Schulentwicklung als Chance für den ländlichen Raum

Doris Keilwagen ist Schulleiterin am Grundschulzentrum Robert Reiss im brandenburgischen Bad Liebenwerda. „Gerade bei uns im ländlichen Raum bietet digitale Schulentwicklung eine extrem gute Möglichkeit,“ sagt Doris Keilwagen. „Sei es für Distanzlernzeiten oder in der Kommunikation mit den Eltern, ohne dass sie immer präsent sein müssen.“ Die Digitalisierung an ihrer Schule ist ein Prozess, der zwar langsam vorankommt und doch nicht mehr aufzuhalten ist. Die Nutzung digitaler Medien  ist fester Bestandteil vieler Klassen im Unterricht. Doch es hakt, wie in so vielen Schulen am WLAN. Die Wände im alten Schulgebäude sind so dick, dass die Verbindung nicht jeden Klassenraum erreicht. Doch die WLAN-Ausleuchtung ist nicht das größte Problem. In der Verbandsgemeinde, zu der die Schule zählt, gibt es nur eine Person, die die Geräte aller Institutionen und Schulen warten kann. Selbst wenn ihre Schule technisch besser ausgestattet wäre, wenn die Software auf den Laptops geupdatet werden muss oder ein System mal zusammenbricht, es würde schlicht am technischen Support mangeln.

Für Doris Keilwagen sind digitale Anwendungen im Schulalltag eine Ergänzung des Unterrichts, um die Verwaltung zu entlasten und die Arbeitsprozesse zu unterstützen. Doch gerade in der Grundschule, sagt die Schulleiterin, müssten die Schüler:innen immer noch lernen mit der Hand zu schreiben, um ihre motorischen Fähigkeiten entwickeln zu können. Auf dem Tablet oder einer Tastatur schreiben zu lernen, kann sie sich für die Zukunft der Bildung nicht vorstellen. Schüler:innen müssten auch lernen, der Lehrkraft zuzuhören, wenn sie dabei ein Gerät mit Apps und Spielen vor sich liegen haben, lenkt das die Grundschüler:innen ab.

Doris Keilwagen stellt sich eine Frage, die sich wohl viele Schulleitungen und Lehrkräfte stellen und die im Prozess während der  Schulleitungsqualifizierung eine zentrale Rolle spielen wird: „Wo soll das alles hinführen?“ Was bedeutet Schule in einer digitalisierten Welt? Wann ist eine Schule ausreichend digitalisiert, gibt es irgendwann so etwas wie einen Status quo? Abschließende Antworten auf diese Herausforderungen hat Doris Keilwagen noch nicht. Doch sie glaubt, dass es wichtig ist, den Kindern Methoden beizubringen, wie sie sich in der digitalen Welt zurechtfinden. Das bedeutet auch, mehr Wert zu legen auf individuellen Kontakt zu den Kindern und das soziale Gefüge in den Klassen zu stärken.

In ihrem Unterricht versucht Schulleiterin Doris Keilwagen mit den Kindern gemeinsam zu erarbeiten, wie Technik und Medienkonsum auf sie wirken. Dass man in Youtube-Videos Neues lernen kann, dass ihnen aber auch der Kopf dröhnt, wenn sie zu viel auf den Bildschirm starren. Dass sie abends nicht einschlafen können, wenn sie verstörende Serien schauen oder Spiele spielen.

Unterschiedliche Rahmenbedingungen und Schwerpunkte

Die Digitalisierung an den Schulen ist unterschiedlich weit fortgeschritten und stellt für jede Bildungseinrichtung eine eigene Herausforderung dar. Welche digitalen Konzepte die Schulen für ihre Pädagogik und Didaktik in Zukunft finden, wird sich wahrscheinlich stark unterscheiden. Denn je nach Schulart und Schüler:innenklientel setzen die Schulleitungen auf unterschiedliche Schwerpunkte. Das wurde beim Auftakt der Schulleitungsqualifizierung deutlich. An den Berufsschulen unterstützt Technik und Software das selbstständige Lernen und Organisieren, an den Gymnasien vermitteln Apps Wissen und helfen den Lehrer:innen dabei Leistungen zu überprüfen. An Grundschulen, wie dem Schulzentrum in Bad Liebenwerda, geht es für Leiterin Doris Keilwagen darum, einen gesunden Umgang mit digitalen Medien zu vermitteln. Und das geht manchmal auch am besten Offline.