Schulträger – „Hidden Champions“ des digitalen Wandels an Schulen

Foto: Phil Dera / CC BY 4.0

SCHULTRÄGER – „HIDDEN CHAMPIONS“ DES DIGITALEN WANDELS AN SCHULEN

von Julia Hense

veröffentlicht am 23.09.2020

In Deutschland gibt es mehr als 5.500 öffentliche Schulträger, dazu kommen zahlreiche weitere Träger freier Schulen. Beim digitalen Wandel kommt ihnen eine wichtige Funktion zu, denn die Beantragung von Mitteln aus dem DigitalPakt Schule geht nur über die Schulträger. Erstaunlich also, dass sie in der Debatte oft vergessen werden.

Die deutsche Schullandschaft ist vielfältig, nicht nur aufgrund der verschiedenen Schulformen, sondern auch wegen der vielen unterschiedlichen Zuständigkeiten, z. B. im Hinblick auf die Unterscheidung des Gesetzgebers von inneren Schulangelegenheite, die im Verantwortungsbereich der Schulen liegen, und äußeren Schulangelegenheiten, die in den Zuständigkeitsbereich der Schulträger fallen. In Deutschland sind die meisten öffentliche Schulträger Gemeinden, Kreise und kreisfreie Städte, aber auch Schulverbände und Institutionen der Bundesländer können Schulträger sein. Dazu kommen die freien Schulträger. Zehn Prozent der allgemeinbildenden Schulen in Deutschland liegen in freier Trägerschaft, werden also z. B. von einer kirchlichen Institution getragen, von einem Verein oder weiteren Institutionen. Eine genaue Zahl der freien Schulträger lässt sich derzeit nicht ermitteln, doch bei über 3.000 freien allgemeinbildenden Schulen in Deutschland, dürfte sich die Zahl der freien Schulträger ebenfalls im vierstelligen Bereich bewegen. Das ist eine beachtliche Zahl. Dennoch stehen freie Schulträger selten im Fokus statistischer Erhebungen und qualitativer Studien – generell und insbesondere im Hinblick auf den digitalen Wandel. Das ist überraschend, wenn man bedenkt, dass Schulträger gerade hier zunehmend wichtige Akteure sind.

Die unterschätzte Rolle der Schulträger bei der Umsetzung des digitalen Wandels

In der öffentlichen Debatte über die Umsetzung des digitalen Wandels an Schulen und das Lernen mit digitalen Medien richtet sich der Fokus zumeist auf die Schulen selbst, auf die Lehrkräfte, auf didaktische Konzepte und allen voran auf die technische Ausstattung der Schulen. Um diese zu verbessern, wurde auch der DigitalPakt Schule ins Leben gerufen, dessen Ziel es ist, für eine bessere Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik zu sorgen.

Die Mittel des Digitalpakts werden je nach Bundesland nach ganz spezifischen Gesichtspunkten vergeben, stehen aber überall nur für den Infrastrukturausbau inklusive der Ausstattung mit digitalen Endgeräten zur Verfügung – und der ist eine klassische Aufgabe im Rahmen der Erledigung der äußeren Schulangelegenheiten und damit eine Aufgabe der Schulträger. Entsprechend folgerichtig wird die Beantragung der Mittel auch über die Schulträger organisiert: Die Schulen erarbeiten Konzepte und Ideen für ihre Ausstattung, was immer auch an die Entwicklung eines Medienkonzepts gekoppelt ist, und geben ihre Unterlagen an ihren Schulträger weiter. Der Schulträger bündelt die Unterlagen und reicht die Anträge schließlich beim Fördergeber ein.

Expertise „Schulträger in Deutschland – Ihr Beitrag zur Gestaltung des digitalen Wandels an Schulen“

Die vom Forum Bildung Digitalisierung beim mmb Institut in Auftrag gegebene Expertise „Schulträger in Deutschland – Ihr Beitrag zur Gestaltung des digitalen Wandels an Schulen“ bietet einen Überblick über die gegenwärtigen Handlungsrealitäten und Entwicklungsfelder von Schulträgern allgemeinbildender Schulen in Deutschland. Sie gibt Aufschluss darüber, welchen Beitrag Schulträger in einzelnen Handlungsfeldern wie Strategie, Netzwerk oder Ausstattung und Support zur Gestaltung des digitalen Wandels leisten können und welche Unterstützung sie dazu noch benötigen.

Auf Grundlage der Erkenntnisse aus der Expertise wurde eine begleitende Handreichung für Schulträger entwickelt, die ihnen einen praxisnahen Wegweiser an die Hand gibt. Die Handreichung finden Sie hier zum Download.

Schulträger werden durch den Digitalpakt zu Knotenpunkten

Da viele Schulträger nicht nur eine, sondern mehrere Schulen betreuen, müssen die Anträge der einzelnen Schulen vom Schulträger koordiniert werden. Die Mittel aus dem Digitalpakt sind da bereits im Vorfeld zugewiesen: Jeder Schulträger erhält ein mögliches Budget, berechnet auf der Grundlage der Schüler*innenzahlen an den zu betreuenden Schulen. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Gelder gerecht verausgabt werden können und kein Ungleichgewicht bei einzelnen Bundesländern, Schulträgern oder Schulen entsteht.

Damit bekommen Schulträger eine ganz entscheidende Rolle bei der Umsetzung des digitalen Wandels. Sie unterstützen Schulen bei der Mittelbeschaffung und bemühen sich darum, Austausch zu ermöglichen und Informationen bereitzustellen. Sie stellen ein unverzichtbares Bindeglied zwischen Schulen und Schulverwaltung, Bildungsministerien, IT-Dienstleistenden und Herstellern von digitalem Lernmaterial sowie allen weiteren Beteiligten der damit verbundenen Prozesse dar. Sie müssen zunehmend koordinierend tätig werden, Prozesse organisieren, Konzeptentwicklungen ermöglichen und ggf. sogar vorantreiben, auf jeden Fall aber einfordern. Das hat eine deutlich stärkere strategische Komponente als jemals zuvor.

Schulträger sind eine wichtige Vermittlungsinstanz bei der Umsetzung des digitalen Wandels an Schulen. Umso wichtiger ist eine sorgfältige Koordinierung des strategischen Vorgehens im eigenen Einzugsgebiet, das idealerweise von allen Beteiligten getragen wird. Schulträger sind hier nicht nur in der Verantwortung, sondern auch prädestiniert, als Ansprechpartner für solche Prozesse zu fungieren. Allerdings fehlt es ihnen zumeist an ausreichenden finanziellen und personellen Ressourcen, um diese Aufgaben vollumfänglich übernehmen zu können.

Schulträger werden allein gelassen

Woran liegt das? Schulträger sind in einer Art und Weise gefordert, die bisher weniger im Fokus stand. Um diese deutlich stärker moderierende und koordinierende Rolle gut einnehmen zu können, bräuchten viele Schulträger zusätzliches Know-how und mehr Personal. Ein professionelles, digital-kompetentes Gesamtprozessmanagement können sie oft nicht bieten – aber genau das fehlt. Die Schulträger könnten hier gute Ansprechpartner sein, sind hierfür aber nicht ausgebildet und ausgestattet und müssen diese Aufgaben derzeit irgendwie aus ihrer eigenen Expertise heraus bewältigen. Hilfestellungen speziell für Schulträger gibt es nur wenige.

Zusätzlich unterscheiden sich die Möglichkeiten und Ausgangslagen von Schulträgern massiv. Diese hängen vor allem mit den individuellen Gegebenheiten und den Entwicklungen im Hinblick auf die Umsetzung des digitalen Wandels im eigenen Einzugsbereich zusammen. Das beginnt bei der Anzahl und Form der zu betreuenden Schulen, führt über die Größe und Lage des Einzugsgebiets (z. B. ländlich vs. städtisch), die bereits erfolgten Entwicklungsarbeiten im Hinblick auf Infrastrukturaufbau, monetäre Möglichkeiten aufgrund der Gesamthaushaltslage, etwaige Vorprojekte zur Umsetzung digital gestützten Lernens und der Entwicklung von Medienkonzepten bis hin zu personellen Ressourcen.

Hilfe bei der Orientierung gesucht

Orientierungshilfen, die Schulträger bei der Umsetzung des digitalen Wandels unterstützen, fehlen allerorten. Allenfalls Hilfestellungen zur Erarbeitung eines Medienkonzepts werden hier und da von Seiten der Bundesländer angeboten. Weitere essenzielle und praxisnahe Beratungs- und Unterstützungsleistungen – z. B. für die Umsetzung von Schulentwicklungsprozessen im Zusammenhang mit dem digitalen Wandel oder auch Checklisten und Kriterienrahmen zur Beurteilung von digitalem Lernmaterial und Lernplattformen – fehlen weitestgehend.

Auch wenn es um die Beurteilung von Qualifizierungsangeboten geht, wird schulseitig dringend Unterstützung gesucht. Schulen und Schulträger fühlen sich angesichts der Fülle der Angebote und der Komplexität des Gesamtthemas oft überfordert bei der Auswahl passender Lösungen und der Entwicklung passgenauer Strategien. Schulträger brauchen Leitlinien im Hinblick auf IT-Ausstattungen, Medienentwicklungskonzepte, rechtliche Rahmenbedingungen und didaktische Möglichkeiten des digital gestützten Lernens – also letztlich für die Umsetzung des digitalen Wandels.

Neue Angebote speziell für Schulträger sind gefragt

Auch Schulträger brauchen jetzt die Möglichkeit zur gezielten Fortbildung. Hier gilt es, gute Konzepte anzubieten, neue Formate auszuprobieren und qualitativ hochwertige Fortbildungsangebote zu etablieren. Denkbar wären z.B. kooperative Ansätze, um Fortbildungsangebote zu ermöglichen, die bisher so nicht existieren. Diese sollten sich im Sinne eines gemeinsamen Entwicklungsprogramms gleichermaßen an Schulleitungen, Lehrkräfte und Schulträger richten.

Auch im Hinblick auf die Einhaltung datenschutzrechtlicher Aspekte werden Schulträger derzeit oft allein gelassen und sind überfordert. Sie können der Komplexität des Themas mit ihren personellen Ressourcen und der eigenen Fachexpertise nicht gerecht werden. Hier wären Regelungen auf Landesebene, die für alle Schulen Gültigkeit haben und maximal für die Einzugsbereiche der Schulträger angepasst werden müssen, eine große Erleichterung.

Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für Schulträger ist hier auch  Austausch mit allen anderen Beteiligten des digitalen Wandels an Schulen. Es braucht die Möglichkeit zum regelmäßigen regionalen Austausch in unterschiedlichen, an die Gegebenheiten angepassten Formaten, die sich an alle Akteure im lokalen Bereich richten. Schulträger könnten hier auch die Rolle der Koordinatoren übernehmen, müssten jedoch entsprechend personell und finanziell ausgestattet werden, um diese wichtige zusätzliche Aufgabe übernehmen zu können. Auf diese Weise ließe sich ein stetiges Netzwerk zur regionalen Schulentwicklung etablieren.

Über die Autorin

Dr. Julia Hense ist Expertin für digitales Lernen, Bildungsberatung und Bildungspolitik. Als promovierte Pädagogin beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit Fragen rund um digitale Didaktik. Nach verschiedenen Stationen im Forschungsektor, unter anderem am DZHW in Hannover und der Universität Bielefeld, hat Julia Hense mehrere Jahre für die Bertelsmann Stiftung gearbeitet. Hier hat sie den „Monitor Digitale Bildung“ aufgebaut. Als Trainerin und Beraterin ist sie inzwischen auch selbständig unterwegs. Beim mmb Institut betreut sie das Projekt KI-Campus, das gemeinsam mit dem Stifterverband und dem DFKI die Entwicklung einer Online-Lernplattform zum Thema Künstliche Intelligenz vorantreibt.