Rückblick

Schwerpunkt Kommunikation: Austausch auf Augenhöhe zwischen Schulen und Schulträgern

von Anja Reiter
veröffentlicht am 23.09.2021

Geht es um nachhaltige Schulentwicklungskonzepte im Kontext der Digitalisierung, ist die Kommunikation zwischen Schulen und Schulträgern von besonderer Bedeutung. Welche Formate helfen beim Austausch auf Augenhöhe – und wie findet man eine gemeinsame Sprache? Zwei Teilnehmende des LabBD geben einen Einblick in ihre Praxis.

Foto: Phil Dera / CC by 4.0

Am 13. April 2021 ging ein bundesweiter Dialog- und Experimentierraum für Schulen und Schulträger an den Start: Beim LabBD des Forum Bildung Digitalisierung trafen insgesamt 18 Tandems, bestehend aus Schulleitung, Schulträgern und zuweilen auch Vertreter:innen des jeweiligen regionalen Medienbüros, aufeinander. Bis Ende des Jahres wollen sie gemeinsam der Frage nachgehen, wie die Zusammenarbeit zwischen Schulen und ihren Trägern noch besser gestaltet werden kann.

Schon in der Auftaktveranstaltung wurde klar, wie wichtig wirksame und bedürfnisorientierte Kommunikation als Erfolgsfaktor für die gelingende Zusammenarbeit zwischen Schulen und ihren Trägern ist. Welche Kommunikationsformate haben sich in den letzten Jahren bereits bewährt – und wo sehen die teilnehmenden Tandems noch Leerstellen und Potenziale für Verbesserung? Zwei Teilnehmende aus dem LabBD berichten.

Tanja Jeschke

»Wir arbeiten immer daran, eventuelle Missverständnisse frühzeitig aus dem Weg zu räumen und gemeinsam tragfähige Kompromisse zu finden.«

Tanja Jeschke, IT-Koordinatorin, Stadt Norderstedt
Foto: Privat

Norderstedt: IT-Koordinatorin mit Kommunikations-Skills

Tanja Jeschke ist IT-Koordinatorin der 80.000-Einwohner-Stadt Norderstedt in Schleswig-Holstein. Mit 21 städtischen Schulen ist sie laufend im Kontakt: zwölf Grundschulen, acht weiterführende Schulen und eine Förderschule. „Originär sind wir als Schulträger natürlich nur für die Ausstattung der Schulen verantwortlich“, erklärt Jeschke. „Doch ehe man an einer Schule etwas installiert oder montiert, sollte man in einen kooperativen Austausch mit den Schulleitungen und Lehrkräften treten, damit die Bedarfe mit der Ausstattung abgedeckt werden. Als IT-Koordinatorin sitze ich an genau dieser Schnittstelle.“

Für ihre Aufgabe seien neben technischem und didaktischem Verständnis insbesondere Kommunikations-Skills gefragt. Als Diplompsychologin und staatlich geprüfte Betriebswirtin weiß Jeschke, wie man unterschiedliche Bedürfnisse moderiert und verschiedene Interessen zusammenbringt. Vier bis fünf Mal im Jahr bringt sie Schulleitungen und digital verantwortliche Lehrkräfte einer Schulform in gemeinsamen Runden an den Tisch. In diesen Sitzungen geht es um folgende Fragen: Welche Sachmittel werden aktuell benötigt? Und wie sollen vorhandene Gelder und Sachmittel verwendet werden?

Diese Meetings sorgen für mehr Transparenz und Verständnis, auch schul- und schulformübergreifend: „Als während der Corona-Pandemie Bundesmittel für Ausleihgeräte für Schüler:innen zur Verfügung gestellt wurden, haben wir in der Runde mit den weiterführenden Schulen darüber diskutiert, wie die Mittel verteilt werden sollen“, erinnert sich Jeschke. „Diese Verteilungsdiskussion hat wunderbar geklappt. Die Gymnasien haben sich bereit erklärt, weniger Geräte zu erhalten als die Gemeinschaftsschulen, weil an den Gemeinschaftsschulen ein deutlich höherer Bedarf besteht.“ 

Das größte Potenzial für Missverständnisse gebe es aktuell noch zwischen IT-Mitarbeiter:innen der Stadt und den Schulleitungen und Lehrkräften vor Ort. „Hier kann es vorkommen, dass fachlich bedingt teilweise eine unterschiedliche Sprache gesprochen wird, also diverse Sichtweisen und damit auch andere Prioritäten aufeinandertreffen. Dies ist aber nicht ungewöhnlich“, so Jeschke. Während die Administrator:innen vor allem die technischen Aspekte im Blick hätten, würden die Lehrkräfte wiederum vor allem an Fragen der Didaktik und Umsetzung denken. „Wir arbeiten immer daran, eventuelle Missverständnisse frühzeitig aus dem Weg zu räumen und gemeinsam tragfähige Kompromisse zu finden.“ 

Mithilfe der Meetings versucht Tanja Jeschke auch die Vernetzung und den Austausch zwischen den Schulen zu fördern. Schwierig sei es, jene Lehrkräfte zu erreichen, die bei den Sitzungen nicht anwesend sind. „Wenn ich eine Info an alle Lehrkräfte streuen will, kann ich nur über meinen Verteiler mit den Digitalverantwortlichen gehen. Ob meine Nachricht dann tatsächlich weitergeleitet wird, kann ich leider nicht überprüfen.“ Um diesen Modus zu verbessern, möchte Jeschke über die zukünftige Norderstedter Schulplattform ein Community Management aufbauen.

Anfangs sei der Austausch mit den Schulleitungen und digital verantwortlichen Lehrkräften nicht immer fruchtbar und wertschätzend gewesen. „Neue Ideen und Arbeitsprozesse werden nicht immer überall sofort begrüßt, weil es zunächst zu Mehrarbeit, zu neuen Denkmustern, veränderten Arbeitsabläufen führen kann. Das gehört einfach dazu. Als Koordinatorin eines Schulträgers benötigt man daher auch manchmal einen langen Atem“, sagt Jeschke. Häufig werde vonseiten der Schulen vor allem angemerkt, was noch fehle – und nicht, was schon funktioniere. Mittlerweile sei es ihr und ihren Kolleg:innen aber gelungen, ein gutes Vertrauensverhältnis zu den Schulleitungen und ihren Digitalteams aufzubauen. „Die Lob- und Fehlerkultur hat sich in jedem Fall deutlich verbessert und wir genießen mittlerweile ein großes Vertrauen. Die Kommunikation ist und bleibt hierbei das A&O.“

Bremen: Niedrigschwellige Kommunikation über Lernplattform

Rainer Ballnus arbeitet in der Stabsstelle Digitalisierung der Freien Hansestadt Bremen. Etwa 220 Schulen betreut er in seinem Bundesland, 20 Prozent davon in Bremerhaven, 80 Prozent in der Stadt Bremen. Auch Ballnus setzt auf direkte Kommunikation: Vor etwa zehn Jahren richtete er eine zentrale Steuergruppe ein, die sich mit Fragen von Schule in der digitalen Welt beschäftigt. Einmal im Monat treffen sich seither Vertreter:innen von Gymnasien, Oberschulen, Grundschulen, Förderschulen und Berufsschulen. Mit am Tisch sitzen außerdem Vertreter:innen aus Land und Kommune, etwa aus dem ministeriellen Referat für Qualitätsentwicklung und des Schulamts, und Vertreter:innen aus der Wissenschaft. „Im Grunde gehen alle maßgeblichen Entscheidungen durch dieses Gremium“, erläutert Rainer Ballnus. „So erreichen wir ein hohes Maß an Beteiligung und Zufriedenheit.“

Der Austausch sei fruchtbar und von gegenseitigem Verständnis geprägt. „In zehn Jahren mussten wir nur ein einziges Mal abstimmen.“ Dass man sich auch in Fragen der Verteilungsgerechtigkeit so schnell einig werde, liege vor allem an der Transparenz in der Kommunikation, vor allem in Sachen Budget. „Wir zeigen den Schulen klar die zur Verfügung stehenden Mittel für Ausstattung und Personal. Diese Transparenz garantiert, dass sich niemand benachteiligt fühlt.“

Die Kommunikation zwischen der Hansestadt und ihren Schulen sei aber nicht von Anfang an frei von Missverständnissen gewesen. „Die Akteure mussten erst zusammenwachsen“, erklärt Ballnus. „Das Technikreferat musste verstehen lernen, dass es nicht nur darum geht, Technik zu bauen. Die Sprecher:innen der Schulen mussten lernen, dass es nicht darum geht, die Problemlage ihrer Schule deutlich zu machen, sondern die gesamte Schulform zu vertreten.“ 

Aus der Sicht von Rainer Ballnus lautet ein Erfolgsgeheimnis Bremens: „So viel Standardisierung wie möglich, aber auch so viel Freiheit wie möglich.“ Die Schulen verfügen schon lange nicht mehr über eigene Schul-Server, sondern über eine landesweit einheitliche Client-Serverstruktur mit zentralem Identitätsmanagement. „Jede Schüler:in und jede Lehrer:in verfügt über einen Benutzernamen, mit dem sie sich für alle Dienste anmelden können – vom WLAN über die Lernplattform oder den schulischen Rechner bis zur Mediendistribution.“ Das erleichtere den Technik-Support genauso wie Fragen des Datenschutzes.

Für die größte kommunikative Veränderung habe die flächendeckende Einführung einer webbasierten Lernplattform gesorgt. Bremen hat sich hier für itslearning entschieden. „Seit der Einführung der Plattform können alle Akteure auf einfachem Wege miteinander in Kontakt treten“, so Ballnus. Alle Schüler:innen, Lehrer:innen und Lehramtsstudierende haben einen Zugang zu dem Lernmanagementsystem, genauso wie Mitarbeiter:innen der Bildungsbehörde. Auf der Plattform tauschen sich Lehrkräfte über Didaktikfragen und neue digitale Tools aus. Haben sie technische Fragen, können sie diese in einem Forum posten, das auch von den Mitarbeiter:innen des Technikreferats des Bildungsressorts gelesen wird. „Wenn Lehrkräfte innerhalb von 24 Stunden eine Antwort bekommen, sorgt das für eine hohe Zufriedenheit.“

Rainer Ballnus

»Wir zeigen den Schulen klar die zur Verfügung stehenden Mittel für Ausstattung und Personal. Diese Transparenz garantiert, dass sich niemand benachteiligt fühlt.«

Rainer Ballnus, Stabsstelle Digitalisierung, Senatorin für Kinder und Bildung Bremen
Foto: Privat

Fazit: Kommunikativer Freiraum muss gefüllt werden

Wie schon in der Auftaktveranstaltung des LabBD klar wurde, gibt es zwischen Schulen und Schulträgern einen kommunikativen Freiraum, der gestaltet und gefüllt werden muss. Beide Institutionen bringen eigene kulturelle und kommunikative Praktiken mit, die oft in sich geschlossen sind. Damit die Kooperation zwischen den Akteuren gelingt und sie gemeinsam Schule weiterentwickeln können, haben die interviewten Schulträger Formate entwickelt, die alle beteiligten Akteure regelmäßig an einen Tisch bringen. 

Ihre Erfahrung zeigen dabei den Stellenwert von professioneller Kommunikation: Zur Kompromissfindung zwischen Schulen und ihren Trägern, aber auch zwischen den einzelnen Schulen sind professionelle Moderator:innen mit kommunikativem Fingerspitzengefühl gefragt. Nur wenn der Austausch moderiert wird, kann Verständnis für die unterschiedlichen Bedürfnisse, Anforderungen und auch Sachzwänge entwickelt werden. Ist die Kommunikation erfolgreich, können Schulträger gemeinsam mit Schulleitungen und Lehrkräften einen wertvollen Beitrag zur digitalen Schulentwicklung leisten.