Veranstaltungsbericht

SpotlightBD: Personalentwicklung in der Digitalität

von Klaus Lüber
veröffentlicht am 17.02.2022

Digitale Schulentwicklung ist nicht möglich ohne kompetente Lehrkräfte. Bei der Personalentwicklung ihres Kollegiums tragen Schulleitungen eine besondere Verantwortung. Zu ihrer Rolle als Schnittstelle zwischen inneren und äußeren Schulangelegenheiten hat das Forum Bildung Digitalisierung ein Impulspapier in Auftrag gegeben. Vorgestellt und diskutiert wurde es im Rahmen der Reihe SpotlightBD am 9. Februar 2022.

Foto: Daniel Böhme

Schiffe, die vom Meer verschluckt werden, Flugzeuge, die sich in Luft auflösen – das sogenannte Bermudadreieck im Atlantik zwischen Florida und den Inseln Puerto Rico und Bermuda ist berüchtigt dafür, große Dinge spurlos verschwinden zu lassen. Glaubt man Mark Rackles und Dr. Maike Reese, treibt eine solche Zone auch im deutschen Bildungssystem ihr Unwesen. Aufgespannt zwischen Schulen, Schulträgern und Schulverwaltungen drohe sie das verschwinden zu lassen, was essentiell ist: die digitale Schulentwicklung. 

Dieses „Bermudadreieck der Zuständigkeiten“ zwischen äußeren (Schulträger) und inneren (Schulen, Schulaufsichten) Angelegenheiten aufzulösen, ist eine der Haupt-Handlungsempfehlungen, die Rackles, Staatssekretär a. D. in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie Berlin, und Reese, freiberufliche Organisations- und Schulentwicklungsberaterin, im Impulspapier „Personalentwicklung und die Rolle von Schulleitungen. Impulse zum Zusammenwirken von inneren und äußeren Schulangelegenheiten“ formulieren. Dabei betonen sie die entscheidende Rolle der Schulleitungen als Schnittstelle zwischen beiden Zuständigkeitsbereichen.

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Pädagogik neu denken

Das Impulspapier, das im Auftrag des Forum Bildung Digitalisierung erstellt wurde, beschreibt sehr präzise, was sowohl Bildungstheoretiker:innen und -praktiker:innen schon seit Jahren immer wieder anmahnen: Digitalisierungsbezogene Schulentwicklung kann nur dann gelingen, wenn man weit über die bloße Anwendungskompetenz digitaler Medien hinaus denkt. Im Kern gehe es darum, Pädagogik unter den Bedingungen der Digitalität neu zu denken. Für Lehrkräfte bedeute das: Ohne entsprechende Aus- und Fortbildung des pädagogischen Personals ist der Unterricht in Zukunft kaum noch zu gestalten. Oder, wie es im Impulspapier dazu heißt: „Trotz der gestiegenen Transformationsdynamik und der hohen Investitionssummen für die nachzuholende IT-Ausstattung in Deutschland besteht ein massiver Unterstützungsbedarf in Bezug auf digitalisierungsbezogene Personalentwicklung.“

Verantwortlich für die schulische Personalentwicklung sei die Schulleitung. Und rein rechtlich gesehen gebe es sogar eine Fortbildungspflicht für Lehrende, wie Mark Rackles bei der Vorstellung des Impulspapiers im Rahmen der Online-Veranstaltung SpotlightBD des Forums Bildung Digitalisierung am 9. Februar 2022 betonte. „Wir haben das extra noch einmal nachrecherchiert, es gilt tatsächlich in allen 16 Bundesländern ein Direktionsrecht der Schulleitung gegenüber dem Lehrkörper.“ Andererseits wisse man aus der Praxis: „Wirklich nachhaltig sind digitalisierungsbezogene Fortbildungen selten dann, wenn sie angeordnet werden, sondern wenn sie von den Erfordernissen realer IT-Ausstattung vor Ort getrieben werden.“

Technische Treiber

Insgesamt vier konkrete Treiber identifiziert das Impulspapier in diesem Zusammenhang: Lernmanagementsysteme, Dienstlaptops, Dienstmails sowie die Nutzung von Schulverwaltungssoftware. „Sobald Lehrende der unmittelbare Nutzen vorhandener Geräte und Systeme für den Unterricht erkannt haben, wirkt das bei Weitem motivierender als jede Direktive“, so Rackles. 

Das bestätigte auch Anna Fröhlich, Schulleiterin der Grundschule Westersburg in Solingen, die zusammen mit Karin Prien, KMK-Präsidentin und Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, Stephan Alker, Schulleiter der Peter-Lenné-Schule in Berlin, Rainer Ballnus, Leiter der Stabsstelle Digitalisierung im Bremer Senat und Jacob Chammon, Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung, das Impulspapier diskutierte. Für Fröhlich seien es oft die informellen Tür-und-Angel-Gespräche im Kollegium, die den Rahmen setzen für einen gelungenen Wissenstransfer. „Ganz viele Fortbildungen finden in solchen kleinen Gesprächen statt. Das sind im Grunde ja auch nichts anderes als Mikrofortbildungen“, so Fröhlich.

Graphic Recording: Wibke Tiedmann / CC BY 4.0

Neue Berufsbilder

Natürlich bietet Fröhlich auch vorstrukturierte Veranstaltungen für ihr Kollegium an, verpflichten möchten sie dennoch niemanden dazu. Anders als Schulleiter Stephan Alker, der in seinem Berliner Oberstufenzentrum ein sogenanntes Fortbildungs-(FoBi)-Dessert anbietet, an dem Lehrkräfte in der Mittagszeit teilnehmen können und sollen. Druck entstehe seiner Meinung nach dadurch dennoch nicht – es sei eine schlichte Notwendigkeit und als solche auch vom Kollegium akzeptiert. „Wir werden voraussichtlich gegen Ende des Jahres alle Tafeln gegen Smartboards ausgetauscht haben. Da muss man sich zwangsläufig damit auseinandersetzen, wie man mit der neuen Technik seinen Unterricht organisiert“, erklärte er. Wobei die Transmission von Technik zu Didaktik nach Alkers Meinung zentrales Ziel jeglicher Fortbildungsmaßnahmen sein sollte. 

Dass man Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte dringend neu denken müsse, dies betonte auch KMK-Präsidentin Karin Prien in der Diskussion: „Wir stehen vor unglaublichen Herausforderungen beim pädagogischen Personal.“ Genau dies, so Prien, werde auch zentrales Thema der nächsten Kultusministerkonferenz Anfang März sein und fokussiere dabei den gesamten Bereich der Lehrkräftebildung. Auch sei es wichtig, hier immer auch im engen Austausch mit der Bildungsforschung zu stehen. Für den Bereich Mediendidaktik lohne es sich durchaus, über ganz neue Berufsbilder nachzudenken, ergänzte Mark Rackles. Das allerdings „kostet Fachkräfte, die im Augenblick an jeder Ecke fehlen.“

Vom Einzelkämpfertum zur Teamschule

Wie wissen Schulleitungen überhaupt, auf welchem Stand ihr Kollegium ist? Hier empfiehlt das Impulspapier den Einsatz digitaler Monitoring-Tools, deren Potenzial bislang noch kaum genutzt werde, so Mark Rackles. „Wir waren selbst erstaunt, wie wenig bis gar nichts im Augenblick in diesem Bereich passiert.“ Dabei könnte die Schulverwaltungssoftware ohne Probleme entsprechend angepasst werden. In der Diskussion stieß dies nicht nur auf Zuspruch. Sie habe große Bedenken, so Karin Prien, ob dies nicht zu sehr in die pädagogische Freiheit der einzelnen Lehrenden eingreife. Wobei Monitoring, wie Jacob Chammon ergänzte, auch gänzlich ohne digitale Tools und in Form von Ziel- oder Entwicklungsgesprächen stattfinden könne. „Dafür braucht es natürlich entsprechende Freiräume. Sich bei 100 Lehrkräften für alle eine Stunde Zeit zu nehmen, ist schon eine Herausforderung.“

Gerade an diesem Punkt zeigte sich noch einmal sehr deutlich die Komplexität des Themas. Auch wenn alle Teilnehmenden sich einig waren, möglichst wenig in die Freiräume von Lehrenden eingreifen zu wollen, wurde an anderer Stelle immer wieder betont, wie wichtig es sei, das notorische Einzelkämpfertum deutscher Lehrkräfte hinter sich zu lassen und als Ziel die Entwicklung einer „Teamschule“ anzustreben, „die als professionelle Lerngemeinschaft agiert und gemeinsam die bestmögliche Lernumgebung schafft“, wie es im Impulspapier heißt. Und damit gewissermaßen eine Teambildung im Kleinen darstellt, welche die Teambildung im Großen zwischen den Akteuren Schule, Schulleitung und Schulträger aufnimmt und weiterführt. „Was wir dringend brauchen, ist eine Verantwortungsgemeinschaft aller Beteiligten“, brachte es Schulleiter Stephan Alker auf den Punkt.

Endgeräte statt Bring Your Own Device

Am Ende war man sich dennoch einig: Es gibt noch viel zu tun, aber den berüchtigten Innovationsstau des deutschen Bildungssystems habe man, befeuert durch die Pandemie, nun vermutlich endlich hinter sich gelassen. Wir könnten und sollten einfach weiterhin auf die im Impulspapier identifizierten technischen Treiber setzen, betonte der Bremer Stabsstellenleiter Digitalisierung Rainer Ballnus. „Obwohl man natürlich darüber schmunzeln könnte, sich im Jahr 2022 noch über E-Mail als Veränderungstreiber zu unterhalten.“ Sein Tipp am Ende: Vergessen wir Bring Your Own Device! „Sobald wir die Ausstattung der Schüler:innen mit digitalen Endgeräten angehen, werden wir den nächsten Entwicklungsschub erleben.“ 

Dies alles gelinge natürlich, bezogen auf die Kern-These des Impulspapiers, nur im guten Austausch zwischen Schulen, Schulträger und den Schulaufsichten. Um diesen Prozess weiter zu fördern, wird das Forum Bildung Digitalisierung das 2021 genau zu diesem Zweck gestartete Austausch-Format LabBD auch im Jahr 2022 weiterführen und mit den Schulaufsichten eine weitere Akteurgruppe in den Prozess einbinden.