Transparentes Lernen mit E-Portfolio

Foto: Tina Umlauf / CC BY 4.0

TRANSPARENTES LERNEN MIT E-PORTFOLIO

Die Anforderungen an Bildung und Wissen ändern sich in einer digitalisierten Gesellschaft. Dabei wird es immer wichtiger, dass Schüler*innen zu Selbstbestimmung und Mündigkeit befähigt werden, indem sie ihre Lernprozesse selbst steuern und dokumentieren. Geeignete pädagogische Konzepte können durch den Einsatz digitaler Tools wie dem E-Portfolio effektiver umgesetzt werden, wie ein Beispiel der Oskar-von-Miller-Schule aus unserem Schulnetzwerk zeigt.

Es ist noch nicht acht Uhr morgens. Wie jeden Tag loggen sich die Schüler*innen an der Oskar-von-Miller-Schule, einer gewerblich-technischen Berufsschule in Kassel, in ihren privaten Bereich des E-Portfolio-Tools mahara ein. Annika scrollt durch ihre Lernprodukte: Blogs, Textdokumente, kurze Videos und eine selbst programmierte Datenbank. Viele Problemstellungen für ihre Lernaufgaben hat Annika aus ihrem Betrieb mitgebracht – sie sind also hoch individuell. Stolz präsentiert die 18-Jährige ihr neuestes Projekt: einen Podcast. Lernprodukte aus ihrem ersten Ausbildungsjahr will Annika aber lieber nicht zeigen: „Nee, die sind nicht gut genug!“

Selbst Ziele setzen und das Lerntempo bestimmen

Den eigenen Lernprozess zu dokumentieren, zu reflektieren und zu bewerten, das gehe mit digitalen Medien besonders gut, sagt Wilfried Dülfer, stellvertretender Schulleiter an der Oskar-von-Miller-Schule: „Beim E-Portfolio kann der Lernende beobachten, wie sich seine Lernprodukte über die Zeit verbessern. Und er hat online immer alles dabei: Er kann seine Lernergebnisse unabhängig vom Lernort weiter bearbeiten und selbst entscheiden, welche Links er für andere freigibt.“ Lehrkräfte, Mitschüler*innen, aber auch Firmen, bei denen sich die Schüler*innen bewerben, könnten so Einblicke in genau die Arbeiten bekommen, die die Lernenden selbst als besonders gut beurteilen – eine motivierende Erfahrung.

Mit den Chancen des E-Portfolios für das Lernen hat sich Wolf Hilzensauer in dem Projekt MOSEP (More Self-Esteem with my E-Portfolio) der Salzburg Research Forschungsgesellschaft wissenschaftlich auseinandergesetzt. „Man kann nicht unbedingt sagen, dass Schülerinnen und Schüler durch diesen Ansatz besser lernen, aber sie bekommen durch die Portfolio-Arbeit eine andere Perspektive: Sie können Lernwege finden, die ihrer Persönlichkeit entsprechen“, – wenn man es nicht nur als eine praktische Technologie betrachtet, in der Dokumente abgeheftet werden, sondern als Lernform für Kompetenzentwicklung, so Hilzensauer weiter. „Es geht darum, dass Lernende sich selbst Ziele setzen, sie in Teilziele unterteilen, sie im eigenen Lerntempo bearbeiten und auch auf der Metaebene darüber nachdenken wie erreichte Lernziele für andere nachweisbar werden.“ Die Herausforderung dabei liege darin, den Weg der Lernenden in die Selbständigkeit behutsam vorzubereiten und die veränderte Lernhaltung zu üben, betont der Forscher.

Eigenverantwortung für Schüler*innen

Das bestätigt auch Wilfried Dülfer von der Oskar-von-Miller-Schule in Kassel: Ein ganzes Jahr kann es dauern, bis die Schüler*innen mit dem E-Portfolio, vor allem aber mit dem daran gekoppelten pädagogischen Konzept der Lernschrittmethode vertraut genug sind, um ihre Lernprozesse eigenverantwortlich zu steuern. Dabei hilft den Schüler*innen die Dreiteilung in dem webbasierten E-Portfolio-Tool mahara: In der ersten Spalte tragen sie ihre Lernziele ein, in der mittleren dokumentieren sie ihre persönlichen Lernprodukte, in der rechten Spalte notieren sie, welche Verfahren sie eingesetzt und welche Hilfsmittel sie verwendet haben. Die jeweiligen Lernprodukte werden von den Schüler*innen eigenverantwortlich auf einem Cloudsystem abgelegt – dazu benutzen sie beispielsweise YouTube, die Dropbox oder SoundCloud. Für die Inhalte und die Lizenzierung ihrer Lernprodukte sind die Lernenden übrigens selbst verantwortlich. Sie müssen sicherstellen, dass sie eine Creative Commons Lizenz verwenden und dass sie alle Nutzungsbedingungen beachten.

In einem Fachgespräch mit der zuständigen Lehrkraft reflektieren die Schüler*innen später die Qualität ihrer Lösung und besprechen Ergänzungsmöglichkeiten. „Unsere Aufgabe ist es, den Schülerinnen und Schülern klar zu machen, dass ihr Lernen ihnen gehört – und wir nur Tipps zum nächsten Schritt der Lösung geben können“, betont Dülfer. Viel Eigenverantwortung seitens der Lernenden bringe daher auch eine große Veränderung für die Lehrkräfte mit sich: „Um den individuellen Lernprozess des Einzelnen nur noch organisatorisch zu begleiten, braucht man ja ein anderes Rollenverständnis und auch andere Methoden.“ Neben den technischen Voraussetzungen müssten daher auch Fortbildungen, wie zum Beispiel Lerncoachings den schulischen Veränderungsprozess begleiten.

Dann aber könne eine neue Lernkultur entstehen, in der Lernende motiviert für ihre Lernprozesse einstehen und ihre Lernprodukte auch im echten Leben einsetzen. So wie Schülerin Annika. Mit dem Link zu ihrem Podcast hat sie sich bei einem Betrieb beworben – und wurde prompt zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Und auch nach Abschluss der Schule wird Annika ihr E-Portfolio nutzen können, um ihre Lernbiografie weiter zu füllen.