Rückblick

Wirksame Schulleitungs-qualifizierungen planen und gestalten

von Anja Reiter
veröffentlicht am 01.07.2021

Bei einem Workshop des Forum Bildung Digitalisierung zum Thema Wirksamkeit von Formaten der Qualifizierung kamen Bildungsforscher:innen mit Referent:innen aus Landesinstituten und Kultusministerien zusammen. Sie tauschten sich darüber aus, was sie aus der Forschung für die Qualifizierung von Schulleitungen lernen können.

Foto: Katja Anokhina / CC BY 4.0

Welche Bedürfnisse haben Schulleitungen, wenn es um ihre (Weiter-)Qualifizierung geht? Woran lässt sich die Wirksamkeit von Qualifizierungsmaßnahmen festmachen? Und inwiefern lassen sich Erkenntnisse aus der Forschung rund um die Lehrkräftequalifizierung auf die Schulleitungsqualifizierung übertragen? Um diese großen Fragen drehte sich der Online-Workshop des Forum Bildung Digitalisierung am 22. Juni 2021. Auf Basis der wissenschaftlichen Arbeit der Bildungsforscher:innen Frank Lipowsky und Daniela Rzejak von der Universität Kassel diskutierten über 60 Teilnehmende, wie Schulleitungsqualifizierungen möglichst wirksam geplant und gestaltet werden können.

Große Nachfrage von den pädagogischen Landesinstituten

Das Forum Bildung Digitalisierung betrat mit der Ausrichtung des Workshops gewissermaßen Neuland: Zum ersten Mal richtete sich ein Angebot jenseits der Fachtagung „Dimension Digitalisierung“, die seit 2018 im jährlichen Rhythmus gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz (KMK) durchgeführt wird, explizit an Referent:innen der pädagogischen Landesinstitute und Bezirksregierungen. Die Nachfrage war groß: Aus ganz Deutschland kamen Bildungsmanager:innen und Mitarbeiter:innen aus den Kultusministerien, den Landesinstituten und verwandten Organisationen zusammen. 

In einer sehr dichten Input-Phase präsentierten Frank Lipowsky und Daniela Rzejak wichtige Erkenntnisse aus ihrer Forschung zum Thema Lehrkräftequalifizierung. Auf Basis des von der Bertelsmann Stiftung im Februar 2021 veröffentlichten Leitfadens „Fortbildungen für Lehrpersonen wirksam gestalten“ stellten sie die wichtigsten Merkmale und Gelingensfaktoren wirksamer Aus- und Fortbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte vor – von der angemessenen Fortbildungsdauer bis zur Verknüpfung von Input-, Erprobungs- und Reflexionsphasen. Stets schwebte dabei die Frage mit: Inwiefern sind die Erkenntnisse auch für die Qualifizierung von Schulleitungen relevant?

Transfer aus der Forschung zur Lehrkräftequalifizierung

Um in dieser Frage gemeinsam neue Erkenntnisse zu gewinnen, kamen die Teilnehmenden anschließend in einer interaktiven Arbeitsphase miteinander ins Gespräch. Im Lichte der aktuellen Forschung diskutierten sie in Kleingruppen die Übertragbarkeit der Erkenntnisse aus der Lehrkräftequalifizierungsforschung auf Schulleitungen. Die Diskussionen verfolgten dabei zwei Stränge: Welche Merkmale aus den wissenschaftlichen Arbeiten von Lipowsky und Rzejak können auch für die Planung und Gestaltung von Schulleitungsqualifizierungen relevant sein? Und wie können Schulleitungen die Ergebnisse nutzen, um in ihrem Kollegium die Unterrichtsentwicklung voranzutreiben?

Fortbildungen für Lehrpersonen wirksam gestalten

Schulen sind kontinuierlich gefordert, sich weiterzuentwickeln. Dies gilt für die digitale Transformation, die Inklusion und den Ganztagsausbau. Ob schulpolitische Reformen sich positiv auf das Lernen von Schülerinnen und Schülern auswirken, hängt letztlich auch davon ab, inwiefern Lehrkräfte ihre professionellen Kompetenzen durch wirksame Fortbildungsangebote erweitern können. Als Richtschnur für die Entwicklung von Fortbildungen kann der von Professor Frank Lipowsky und Daniela Rzejak von der Universität Kassel entwickelte Leitfaden dienen, der Forschungsbefunde praxisorientiert zusammenfasst. Er richtet sich an all diejenigen, die für die Professionalisierung von Lehrkräften und Fortbildnerinnen und Fortbildnern verantwortlich sind und die selbst Fortbildungen für Lehrpersonen planen und gestalten.

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Bei einigen der insgesamt acht Merkmalen war der Transfer verhältnismäßig einfach. So waren sich die Teilnehmenden beim Merkmal der angemessenen Fortbildungsdauer einig, dass das Credo „So lange wie nötig, so kurz wie möglich“ in besonderem Maße für die Qualifizierung von Schulleitungen gelten müsse. Schulleitungen stünden schließlich heute aufgrund neuer Aufgabengebiete und Herausforderungen unter einem immer größeren (Zeit-)Druck. Auch die Wichtigkeit des eigenen Wirksamkeitserlebens sei für Schulleitungen von größter Relevanz. Darüber hinaus wurden zwei Merkmale wirksamer Fortbildungen besonders intensiv diskutiert:

Verknüpfung von Input-, Erprobungs- und Reflexionsphasen: Wie die Forschung zeigt, sind Fortbildungsangebote für Lehrkräfte immer dann besonders wirksam, wenn sie auf eine Verzahnung von Wissenserwerb, Praxiserprobung und Reflexion setzen. So können Lehrpersonen eine neu erlernte Methode, etwa zum Multiplizieren-Lernen, direkt in der nächsten Unterrichtsstunde erproben und anschließend im Rahmen der Weiterbildung reflektieren. Da dieser Anspruch nicht an einem Nachmittag zu realisieren ist, setzt er eine mehrtägige Veranstaltung voraus.

In der Diskussion zeigte sich, dass dieser Ansatz auch für die Qualifizierung von Schulleitungen auf großes Interesse stößt, aber nicht immer so einfach zu realisieren ist. Insbesondere bei der Vor-Qualifizierung von Schulleitungen stehe die Verzahnung vor besonderen Herausforderungen, merkten einige Teilnehmende an: Es sei schwierig, neue Methoden (etwa in der Mitarbeiter:innenführung oder im Projektmanagement) in der Praxis zu erproben, wenn die Schulleitung noch gar nicht im Amt ist. Eine Workshop-Teilnehmerin berichtete von einem Lösungsweg in ihrem eigenen Landesinstitut: Dort werden angehende Schulleiter:innen im Rahmen ihrer Vor-Qualifizierung angehalten, sich bereits vor Amtsantritt kleine oder größere (Schulentwicklungs-)Projekte an ihrer Schule zu suchen, um ihre Fähigkeiten im Projektmanagement und dem Anleiten von Kolleg:innen schon in der Qualifizierungsphase zu erproben, zu schulen und zu reflektieren.

Feedback und Coaching: Aus dem Leitfaden zur Lehrkräftequalifizierung geht darüber hinaus hervor, dass die Inanspruchnahme von kollegialem und/oder professionellem Feedback die Wirksamkeit von Fortbildungen für Lehrkräfte erhöhen kann. Coaches können Lehrpersonen dabei unterstützen, Fortbildungsinhalte in die Praxis zu transferieren; sie hospitieren im Unterricht oder nutzen Videosequenzen aus dem Unterricht als Ausgangspunkt für ein umfassendes Coaching.

In der Diskussion beim Workshop zeigte sich, dass Coaching-Angebote für Schulleitungen in den letzten Jahren vermehrt nachgefragt wurden, etwa in Niedersachsen, Bayern oder im Saarland. „Die Coaching-Werkzeugkiste ist auch für Schulleiter:innen wichtig“, so formulierte es die Diskussionsgruppe, die sich mit diesem Merkmal beschäftigte. So könnten Schulleitungen etwa auf Coaching-Methoden der Gesprächsführung zurückgreifen, um Kolleg:innen zu beraten und zu führen. Schulleitungen seien hier aber gewissermaßen in einer Doppelrolle: Sie können selbst gecoacht werden, sollen zugleich aber auch Kolleg:innen beraten und Feedback geben. Hier sei es wichtig, Rollenkonflikte zu vermeiden.

Professionalisierung von Schulleitungen mehrfach sinnvoll

Der Workshop zeigte auf, wie wichtig die Untersuchung der Wirksamkeit von Schulleitungsqualifizierungen ist. Der Bedarf digitalisierungsbezogener Schulleitungsqualifizierungen ist derzeit groß. Angesichts begrenzter Ressourcen ist deswegen die Fokussierung auf wirksam gestaltete Qualifizierungsangebote in besonderem Maße geboten. Die Stärkung und Weiterentwicklung einschlägiger Fortbildungsangebote für Schulleitungen sei in mehrfacher Hinsicht sinnvoll, wie die beiden Bildungsforscher:innen betonten: Von einer Qualifizierung der Schulleitung seien indirekt auch positive Auswirkungen auf Lehrpersonen und und damit auch auf Schüler:innen zu erwarten.