Zeitgemäße Bildung: digital, offen, vernetzt

Foto: Florian Freund / CC BY 4.0

ZEITGEMÄßE BILDUNG:
DIGITAL, OFFEN, VERNETZT

von Dr. Nils Weichert

Die digitale Transformation geht für unser Bildungssystem mit großem Veränderungsdruck einher. Begriffe wie Open Educational Resources oder Learning Analytics deuten diesen Wandel nur oberflächlich an, denn im Kern geht es nicht um neue Tools oder Techniken, sondern um ganz grundlegende Veränderungen. Die Chancen und Herausforderungen sind vielfältig, die Umwälzungen sowohl in der Gesellschaft als auch in der Arbeitswelt fundamental. Bildungseinrichtungen stehen vor der Frage, wie sie darauf reagieren sollen, um Kinder und Jugendliche bestmöglich auf ein selbstständiges Leben in einer zunehmend digitalen Welt vorzubereiten und sie bei ihren ersten Schritten zu begleiten.

Technologische Beschleunigung und allgegenwärtiger Zugang zu Informationen bieten der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts Möglichkeiten, die nie zuvor bestanden haben und führen gleichzeitig zu einer Reihe von notwendigen Veränderungen im Bildungsbereich. Im Mittelpunkt zukünftiger Bildungslandschaften steht kein klassischer Wissenskanon mehr, sondern flexible Wissensarbeit, situative Problemlösungskompetenz, Kreativität, persönliche Resilienz, soziale Fähigkeiten und intrinsische Motivation. Auch Schulnoten oder Abschlüsse wirken antiquiert, denn gelernt wird lebenslang und nicht mehr nur in traditionellen Bildungseinrichtungen; Lernen wird individualisiert und ent-institutionalisiert.

Ganzheitliche Schulentwicklung statt Technisierung

Bildungspolitik und Schule haben noch unzureichende Antworten auf die neue, digital geprägte VUCA-Welt (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) spätmoderner Gesellschaften. Es geht dabei um die Konzeptionalisierung eines neuen Bildungsbegriffs, der dieser Gegenwart angemessen ist und nicht um die Ausstattung von Schulen mit Geräten. Zwar ist der Digitalpakt mit seinem Fünf-Milliarden-Paket ein Anfang, um Schulen zumindest eine technische Grundausstattung zu ermöglichen, aber er bleibt deutlich hinter den Notwendigkeiten zurück, weil hier Digitalisierung mit Technisierung gleichsetzt wird.

Aus einer Vielzahl empirischer Befunde wissen wir, dass die erfolgreiche und pädagogisch sinnvolle Integration digitaler Medien und die Vermittlung der notwendigen Kompetenzen für die flüchtige, unsichere, komplexe und mehrdeutige Moderne nur dann gelingen kann, wenn sie durch ganzheitliche Schulentwicklungsprozesse begleitet werden; abgeleitet aus einer klaren pädagogischen Vision und einem daraus resultierenden Gesamtkonzept. Dafür brauchen Schulen eine starke Leitung sowie verbindliche und wertschätzende Kooperationen im Kollegium. Daneben zusätzliche Ressourcen und Freiräume, die durch durch Beratungs- und Qualifizierungsangebote ergänzt werden.

  • Das Forum Bildung Digitalisierung ist ein gemeinnütziger Verein, der sich der komplexen Aufgabe verschrieben hat, den digitalen Wandel im Bildungsbereich zu gestalten.

    Foto: Florian Freund / CC BY 4.0

  • Die Schulen des Schulnetzwerks zeigen Wege auf, die Möglichkeiten der Digitalisierung für eine gerechte, zeitgemäße und inklusive Bildung zu nutzen.

    Foto: Phil Dera / CC BY 4.0

Kompetenzen für die digitale Welt

Damit werden auch die notwendigen Erweiterungen des Digitalpakts für die Schule deutlich. Es reicht nicht aus, Bildungseinrichtungen beim Aufbau digitaler Infrastrukturen und der Ausstattung mit Geräten zu unterstützen oder die pädagogischen Fachkräfte beim Einsatz dieser digitalen Medien zu schulen. Stattdessen ist es unabdingbar, Bildungsprozesse ganzheitlich zu betrachten – ausgehend von der Fragestellung, welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Bildungsbiographie erwerben sollten. Die Kultusministerkonferenz hat im Rahmen ihrer Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ einen Kompetenzkatalog auf den Weg gebracht. Er stellt durchaus ein ambitioniertes Entwicklungsprogramm für Bildungseinrichtungen dar, mit Auswirkungen sowohl auf das fachliche Lernen als auch auf die Strukturierung von Lernprozessen. Hier gilt es anzusetzen und weiterzudenken – beispielsweise über verstärkt überfachliche Kompetenzmodelle, wie im Learning Compass 2030 der OECD.

Das 20. Jahrhundert war gekennzeichnet von Bildungs- oder Unterrichtsplänen. Für Bildung in den heterogenen und vernetzten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts kann dieser Planungsdrang nur noch bedingt Wirkung entfalten. Die Chiffre „zeitgemäße Bildung“ steht in diesem Zusammenhang für ein offenes Verständnis von Bildung, das Konventionen überwindet, neue Wege beschreitet und Freiräume schafft: pädagogisch und didaktisch oder technologisch. Schulen benötigen ausreichend Ressourcen, um dafür geeignete Schul- und Unterrichtskonzepte entwickeln zu können. Nur so können digitale Technologien dabei unterstützen, schulische Herausforderungen wie Bildungsgerechtigkeit oder Inklusion anzugehen ohne als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen zu werden.