Zusammenarbeit von Schule und Zivilgesellschaft: Fünf Fragen an Ann-Kathrin Watolla und Ronny Röwert

Fotos: Stephan Dublasky

ZUSAMMENARBEIT VON SCHULE UND ZIVILGESELLSCHAFT: FÜNF FRAGEN AN ANN-KATHRIN WATOLLA UND RONNY RÖWERT

von Ulrike Poremski

veröffentlicht am 17.09.2020

Am 17. September 2020 hat das Forum Bildung Digitalisierung den neuen Praxisleitfaden „Zusammenarbeit von Schule und Zivilgesellschaft in einer digital geprägten Welt“ veröffentlicht. Zur Veröffentlichung haben wir mit den beiden Autor*innen über ihre Herangehensweise an das vielschichtige Thema und die Entwicklung des Praxisleitfadens und ihre persönlichen Tipps an Schulleitungen für die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Partnern gesprochen.

Im außerschulischen Bereich ist viel Wissen und langjährige Erfahrung bei der Begleitung von digitalen Schulentwicklungsprozessen vorhanden. Um den digitalen Wandel an der eigenen Schule anzugehen, erweist sich die Zusammenarbeit mit außerschulischen Akteuren für Schulen als sehr gewinnbringend. Mit dem Praxisleitfaden „Zusammenarbeit von Schule und Zivilgesellschaft in einer digital geprägten Welt“ erhalten Schulleitungen eine praktische Orientierungshilfe für alle Phasen der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Initiativen an die Hand – von der Vorbereitung bis zur Evaluation der Zusammenarbeit. Der Praxisleitfaden wurde vom Forum Bildung Digitalisierung beim Institut für Technische Bildung und Hochschuldidaktik der Technischen Universität Hamburg (TUHH) in Auftrag gegeben und von Ann-Kathrin Watolla und Ronny Röwert erarbeitet.

 

Ronny und Ann-Kathrin, ihr habt für uns den Praxisleitfaden „Zusammenarbeit von Schule und Zivilgesellschaft in einer digital geprägten Welt“ erarbeitet. Wie seid ihr bei der Entwicklung des Leitfadens vorgegangen?

Ann-Kathrin Watolla: Um erst einmal grundsätzlich das Themenfeld abzustecken, haben wir zuerst ein kleines Literatur-Review gemacht, um darauf aufbauend bestehende Erfahrungen und Beispiele der Zusammenarbeit von Schulen und zivilgesellschaftlichen Initiativen in jeweils einer Online-Umfrage für beide Akteur*innen zu erfassen. Da die Studie zwischen November 2019 und August 2020 erarbeitet und durchgeführt wurde, mussten auch wir unser ursprünglich geplantes Untersuchungsdesign an die neue Situation in Folge der Corona-Pandemie anpassen. Anstelle eines Evaluationsworkshops haben wir die Ergebnisse im Rahmen eines Online-Workshops sowie in einem Community Call mit Expert*innen aus Schulen und der Zivilgesellschaft diskutiert. All diese gesammelten Impulse und Erfahrungen haben wir dann zusammengeführt und sehr verdichtet in diesem nun veröffentlichten Praxisleitfaden zusammengeführt.

Für den Praxisleitfaden wurde eine Umfrage unter Schulleitungen und zivilgesellschaftlichen Akteuren durchgeführt. Gibt es einen Aspekt, der euch während der Entwicklung des Praxisleitfadens besonders überrascht hat?

Ronny Röwert: Wir sind mit der Motivation gestartet, die in den letzten Jahren vielerorts entstandenen Beispiele und Erfahrungen der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Zivilgesellschaft zur Gestaltung des digitalen Wandels zu strukturieren. Wir kennen die Coding-Schools, die Angebote zu Lehrkräftefortbildungen sowie Unterrichtsmaterial-Portale, die in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft zunehmend realisiert werden. Wenn man dagegen jedoch ins Verhältnis setzt, dass es über 41.000 allgemeinbildende und berufliche Schulen in Deutschland gibt, dann sind diese bekannten Beispiele relativ gesehen eher ein Zeichen, dass die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Zivilgesellschaft noch längst nicht überall gelebt wird. Dabei soll der Leitfaden unterstützen.

Der Praxisleitfaden gliedert sich in drei Phasen der Zusammenarbeit – von der Vorbereitung, über die Umsetzung bis hin zur Evaluation der Zusammenarbeit. Wo liegen die größten Herausforderungen für Schulleitungen während des gemeinsamen Prozesses mit außerschulischen Partnern?

Ann-Kathrin Watolla: Unsere Erhebungen zeigen, dass es über alle verschiedenen zeitlichen Phasen der Zusammenarbeit hinweg wichtig und zentral ist, zu verstehen, dass Schulen und zivilgesellschaftliche Initiativen ganz eigene, und oftmals sehr unterschiedliche, Strukturen und Arbeitsprozesse haben. Das betrifft Entscheidungsstrukturen, Formen des Projektmanagements bis hin zu der konkreten IT-Ausstattung. Daher steht und fällt der Erfolg jeder Zusammenarbeit damit, inwiefern diese Differenzen nicht als Hürden im Prozess wahrgenommen, sondern als Chance für gegenseitige Lernprozesse verstanden werden. Ein guter Ansatz dafür ist, wie so oft, eine transparente Kommunikation, sodass sowohl Schulen als auch zivilgesellschaftliche Partner auf ihre Besonderheiten aufmerksam machen und der anderen Seite zuhören.

Welchen Tipp habt ihr persönlich für Schulleitungen, die gerne Hand in Hand mit außerschulischen Partnern zusammenarbeiten möchten, parat?

Ronny Röwert: Häufig sind es besonders engagierte Lehrkräfte an den Schulen, die neue Formen der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Partnern initiieren und mit viel persönlichem Einsatz im Sinne der Schüler*innen umsetzen. Auch wenn die Projekte auf diese Weise sehr gut laufen, sind insbesondere Schulleitungen gefragt, die Zusammenarbeit auch langfristig und strukturell für die gesamte Schule aufzusetzen. Schulleitungen können Räume schaffen, alle Mitglieder der Schule in die Zusammenarbeit einzubeziehen und gezielt weitere Personen in den Prozess zu integrieren. Auch können Freiräume und Ressourcen von der Schulleitung bereitgestellt werden, um diese engagierten Lehrkräfte nicht nur durch Schulterklopfen in ihrer Arbeit zu unterstützen.

Wie würdet ihr die Quintessenz aus der Zusammenarbeit von Schulen und Zivilgesellschaft in einem Satz oder mit drei Schlagwörter zusammenfassen?

Ann-Kathrin Watolla: Die Zivilgesellschaft kann der Wind für die Segel der Schulentwicklung in einer digital geprägten Welt sein, doch die Schulleitung hat dafür die Segel zu hissen.

Vielen Dank für das Interview!

 

Über die Autor*innen

Ann-Kathrin Watolla ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technische Bildung und Hochschuldidaktik der Technischen Universität Hamburg und ist dort als Wissenschaftliche Beraterin für Anerkennung in der Hamburg Open Online University tätig sowie verantwortlich für die Projektvernetzung und -kommunikation. Zudem promoviert sie zur Förderung von Kompetenzen in Zeiten der Digitalität in der Lehrkräftebildung.

Ronny Röwert ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technische Bildung und Hochschuldidaktik der Technischen Universität Hamburg und koordiniert dort das offene Online-Kompetenzzentrum digital.learning.lab für die schulische Unterrichtsgestaltung in digitalen Zeiten. Darüber hinaus forscht und lehrt er zu Digital- sowie Offenheitspraktiken in Bildungs- und Wissenschaftskontexten.