Acht Thesen für Bildung in der Digitalisierung

„Digitalisierung in Schule, Ausbildung und Hochschule“ am 17. Oktober 2018 in Berlin

Am 17. Oktober 2018 fand im Bundestag, auf Einladung des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, das öffentliche Fachgespräch zum Thema „Digitalisierung in Schule, Ausbildung und Hochschule“ statt. Als Experte war Dr. Ekkehard Winter, Mitglied des Forum Bildung Digitalisierung e. V. und Geschäftsführer der Deutschen Telekom Stiftung, eingeladen, eine Stellungnahme vorzustellen:

 

1. Es geht um Bildung in der Digitalisierung, nicht um Digitalisierung in der Bildung

Der Titel dieses Fachgesprächs lautet „Digitalisierung in Schule, Ausbildung und Hochschule“. Bezogen auf diese Überschrift möchte ich meine Ausführungen mit einer kleinen, aber entscheidenden semantischen Korrektur beginnen: Aus meiner Sicht muss es um die Frage gehen, wie sich Bildungsprozesse angesichts des digitalen Wandels verändern und entwickeln – nicht, wie diese digitaler gestaltet werden können. Die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung sind vielfältig, die Umwälzungen sowohl in der Gesellschaft als auch in der Lebens- und Arbeitswelt fundamental. Bildungseinrichtungen stehen vor der Frage, wie sie darauf reagieren können, um Kinder und Jugendliche bestmöglich auf ein selbstständiges Leben in dieser zunehmend digitalen Welt vorzubereiten und sie bei ihren ersten Schritten in dieser Welt zu begleiten. Dies gilt umso mehr, da Kinder, die in diesem Jahr eingeschult wurden, in den 2030er Jahren eine Ausbildung oder ein Studium beginnen. Angesichts der rasanten technologischen Entwicklung und auch der gesellschaftlichen Dynamik ist noch gar nicht vorherzusehen, mit welchen Herausforderungen sie dann konfrontiert sein werden.

2. Erforderlich ist ein ganzheitlicher Blick auf Bildungsprozesse, keine Fokussierung auf Fragen der technischen Ausstattung oder des Technikeinsatzes

Deshalb reicht es nicht aus, Bildungseinrichtungen bei dem Aufbau digitaler Infrastruktur und der Ausstattung mit Lernmedien zu unterstützen oder die pädagogischen Fachkräfte und die Lehrkräfte beim Einsatz dieser digitalen Medien zu schulen, wie es aktuell zum Beispiel mit dem Digitalpakt zwischen Bund und Ländern geplant ist. Erst recht reicht es nicht aus, das Thema anhand einer eingeengten Frage wie der Nutzung von Smartphones an Schulen zu diskutieren. Stattdessen ist es notwendig, Bildungsprozesse ganzheitlich zu betrachten: ausgehend von der Fragestellung, welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Bildungsbiographie erwerben können müssen. Die Kultusministerkonferenz hat im Rahmen ihrer Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ einen Katalog von „Kompetenzen in der digitalen Welt“ aufgestellt. Dieser Katalog stellt ein ambitioniertes Entwicklungsprogramm für Bildungseinrichtungen dar, mit Auswirkung sowohl auf das fachliche Lernen als auch auf die Strukturierung von Lernprozessen. Bildungspolitik sollte hier ansetzen und Bildungseinrichtungen zum einen Freiraum für die Umsetzung geben, zum anderen Unterstützungsstrukturen bereitstellen, die über das übliche punktuelle Fortbildungsangebot weit hinausgehen.  

3. Digitale Medien erweitern den pädagogischen Handlungsspielraum und können damit zu Bildungsgerechtigkeit beitragen

Dass digitale Medien dazu beitragen können, den pädagogischen Handlungsspielraum von Lehrkräften zu erweitern, zeigt sich zum Beispiel daran, dass der Einsatz digitaler Medien, etwa von Bedienungshilfen, zur Unterstützung von Lernenden mit Handicap längst selbstverständlich ist; auch in Willkommensklassen und bei der Unterstützung des Spracherwerbs von Deutsch als Fremdsprache werden digitale Medien vielfach eingesetzt. Bei dem Aufbau von Strukturen zur individuellen Förderung und zur Realisierung von Ansätzen personalisierten Lernens sind digitale Medien geeignete Hilfsmittel: Digitale Lernmaterialien bieten eine Vielzahl an unterschiedlichen Zugängen zu fachlichen Inhalten, Lernmanagement-Systeme unterstützen beim Überblick über die jeweiligen Lernstände, adaptive Lernsoftware kann auf den jeweiligen Lernstand bezogen passende Aufgaben liefern und die Lehrkraft bei der Diagnostik unterstützen. Damit können digitale Medien, richtig eingesetzt, einen wichtigen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leisten. Notwendig ist hierfür die Einbettung in die passenden pädagogischen Konzepte.

4. Grundlagen sind ein Kulturwandel und neue Ansätze in der Aus- und Fortbildung von Fach- und Lehrkräften sowie von Leitungspersonal

Entscheidend für das Gelingen dieser bildungspolitischen Großreform ist die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften sowie von Leitungspersonal, insbes. Schulleitungen. Dabei wird in den Ausführungen oben deutlich, dass es nicht alleine darum gehen kann, die Bedienkompetenz von Lehr- und Fachkräften beim Einsatz bestimmter digitaler Medien zu schulen; stattdessen geht es um Fragen der Haltung und des Kulturwandels – hin zu einer Kultur des Teilens und der Zusammenarbeit, d. h. hier geht es auch um Führungsaufgaben. Dabei gleichen sich die Herausforderungen, vor denen Bildungseinrichtungen und Unternehmen angesichts des digitalen Wandels stehen.

Auch zur Aus- und Fortbildung entwirft die KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ ein ambitioniertes Programm, jedoch ist dieses bisher in den meisten Ländern nicht mit entsprechenden Aktivitäten in der Umsetzung unterlegt. Die Überarbeitung der „Gemeinsamen inhaltlichen Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung“ sorgt in diesem Zusammenhang für Ernüchterung, da Digitalisierung einfach als ein zusätzlicher Unterpunkt hinzugefügt wird, die interdisziplinären Aspekte oder die Veränderungen der Fachwissenschaften durch die Digitalisierung aber kaum eine Rolle spielen. Die Lehrerausbildung sollte aber doch Vorreiter bei der pädagogisch getriebenen Nutzung digitaler Medien sein. Allerdings werden die Hochschulen dieser Rolle nicht gerecht.

Angesichts der Anreizstrukturen kein Wunder, vergleicht man die Mittel für die Exzellenzinitiative und die Qualitätsoffensive Lehrerbildung; die Fördersummen daraus für die geplante Neuausschreibung mit dem Schwerpunkt „Digitalisierung“ bewegen sich lediglich im mittleren zweistelligen Millionenbereich!

Für die Fortbildung müssen neue Ansätze entwickelt werden – etwa in Kombination von innerschulischen Formaten, dem Lernen in Netzwerken und Ansätzen des Blended Learning. Für die Entwicklung innovativer Formate könnte die Kooperation zwischen Bund und Ländern oder zumindest der länderübergreifende Austausch einen wichtigen Katalysator darstellen.

5. Netzwerke und die Zusammenarbeit mit Fachkräften verschiedener Professionen können beim digitalen Wandel unterstützen

Die Vernetzung auf Peer-Ebene kann ein wichtiger Baustein für das Gelingen von Schul- und Unterrichtsentwicklungsprozessen sein, sowohl innerhalb eines Kollegiums – zum Beispiel im Rahmen von kollegialer Kooperation oder wechselseitigen Hospitationen – als auch zwischen Schulen, zum Beispiel im Rahmen von Schulentwicklungsnetzwerken oder professionellen Lerngemeinschaften von Schulleitungsmitgliedern. Dies sollte gefördert werden, etwa durch Plattformen, die im Rahmen der Arbeitszeit genutzt werden können. Ebenfalls unterstützend wirken kann die Vernetzung mit anderen lokalen Einrichtungen, insbesondere auch mit Betrieben in einer Region, die auch mit dem digitalen Wandel umgehen müssen – und mit Eltern, die teilweise selbst mit vielen Fragen hinsichtlich der Nutzung digitaler Medien in der Familie konfrontiert sind.

Darüber hinaus brauchen Schulen auch neue Fachkräfte verschiedener Professionen – sowohl für die Sicherstellung von Support-Strukturen, als auch für die pädagogische Begleitung des Einsatzes digitaler Medien. Es sollte darüber nachgedacht werden, nicht nur Stellen für IT-Systemadministratoren, sondern auch für Educational Technologists als neue Fachkräfte zur Unterstützung der Lehrerkollegien zu schaffen.

6. Wir müssen Bildung in der digitalen Welt größer denken

Wir denken Digitalisierung oft viel zu kleinformatig. Digitalisierung ist viel mehr als Tablet-Klassen oder Recherchieren im Internet. Es geht, wie oben dargelegt, um neue Bildungsprozesse, um ganzheitliche Unterrichts- und Schulentwicklung, um eine Kultur des Teilens, aber auch um eine durchgängige informatische Grundbildung, Computational Thinking, das Wissen um und den Umgang mit Big Data (und darum, wie andere mit den eigenen Daten verfahren!), um KI, um Ansätze von Citizen Science, um die Neugestaltung von Fachräumen mit Möglichkeiten für reale und simulierte Experimente, um Gamification und um kreatives Gestalten mit Medien – und selbstverständlich auch um kulturelle, politische und ökonomische Bildung in der digitalen Welt!

7. Entwicklungsstarke Bildungseinrichtungen in Deutschland und Bildungssysteme in anderen Ländern können Vorbilder sein

Für alle in dieser Ausführung gemachten Vorschläge gibt es Vorbilder – entweder entwicklungsstarke Bildungseinrichtungen hier in der Bundesrepublik Deutschland, die sich zum Beispiel in der Werkstatt schulentwicklung.digital des Forum Bildung Digitalisierung zusammengeschlossen haben, oder auch im europäischen und außereuropäischen Ausland. Gerade in Zeiten der Digitalisierung ist es sowohl notwendiger als auch einfacher geworden, von guten Ansätzen an anderen Orten zu lernen – und das sprichwörtliche Rad nicht immer wieder neu zu erfinden. Das Forum Bildung Digitalisierung hat es sich zur Aufgabe gemacht, gute Beispiele aufzubereiten und diese Schulen als Bausteine für ihre eigenen Unterrichts- und Schulentwicklungsprozesse zur Verfügung zu stellen.

Aber auch die Bildungspolitik sollte von den Erfahrungen anderer Länder lernen, etwa in der Gestaltung von Fortbildungsangeboten, aber auch bei so komplexen Themen wie dem Umgang mit dem Datenschutz.

8. Ein kooperativer Föderalismus, unter Einbezug der Kommunen und anderer Perspektiven, unterstützt die Entwicklung der einzelnen Bildungseinrichtung

Ich begrüße es sehr, dass der Bildungsausschuss anlässlich dieses wichtigen und aktuellen Themas zu einem Fachgespräch eingeladen hat; denn dass eine Mitwirkung des Bundes hier notwendig ist, zeigt sich nicht zuletzt darin, was der Digitalpakt bereits als „Phantom“ in der öffentlichen und bildungspolitischen Debatte bewirkt hat. Natürlich ist es nicht wünschenswert, dabei stehen zu bleiben – jetzt muss auch geliefert werden. Und offen gestanden reicht es hier in meinen Augen nicht aus, ein einmaliges Förderprogramm für die technische Infrastruktur aufzulegen. Notwendig wäre eine dauerhafte Rolle des Bundes bei diesem wichtigen Zukunftsthema; dies ist auch eine Chance, einen kooperativen Föderalismus und ein gutes Zusammenwirken der verschiedenen Ebenen Bund, Länder und Kommunen unter Einbezug auch weiterer Perspektiven wie der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft zu entwickeln. Deshalb ist es gut, dass rund um die Einrichtung des Digitalpakts auch eine neue Diskussion über den Bildungsföderalismus entsteht. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne auf die beiden Stellungnahmen verweisen, die das Forum Bildung Digitalisierung hierzu bereits abgegeben hat.

Alles bildungspolitische Handeln sollte sich daran messen, wie die einzelne Bildungseinrichtung dabei unterstützt wird, ihren pädagogischen Auftrag angesichts des digitalen Wandels bestmöglich zu erfüllen. Die 38 Schulen, die sich 2017 in der Werkstatt schulentwicklung.digital des Forum Bildung Digitalisierung engagiert haben, haben hierzu einen Katalog von Handlungsempfehlungen erstellt, der wichtige Punkte benennt und von Bildungspolitik auf allen Ebenen beherzigt werden sollte.