Ein schönes Motto: „Alle Schüler sollen in einer Lerngemeinschaft möglichst viel über sich selbst und die Welt um sie herum lernen.“ (Foto: Anja Reiter/Forum Bildung Digitalisierung)

Bei der diesjährigen Delegationsreise vom 17. bis 19. September 2018 wollten wir herausfinden, wie Bildung und Digitalisierung bei unseren niederländischen Nachbarn einhergehen. Wir konnten viel lernen von einem Land, dass uns schon eine Schritt voraus ist. Die Reise im Überblick.

Tag 1:

Schon knapp hinter der deutschen Grenze beginnt die Zukunft. In der Hansestadt Nijmegen hat das iXperium seinen Sitz, ein interaktives Labor für Grundschullehrkräfte und deren Schülerinnen und Schüler. Das Labor ist an die Fachhochschule in Nijmegen angeschlossen und stellt digitale Medien und Unterrichtsmittel zum Ausprobieren zur Verfügung. Niederländische Lehrkräfte können hier mit ihren Klassen Coding-Spiele testen und den Einsatz von Unterrichts-Apps erproben.

Die Initiative wird von der Fachhochschule HAN in Arnhem und Nijmegen und den Schulbehörden in der Region Arnhem ermöglicht. „Wir wollen Lehrende inspirieren und für Forschungsfragen gewinnen“, sagt Marijke Kral, Professorin für Lehren und Lernen mit IKT. Sie sieht die Chancen von IKT vor allem darin, das personalisierte Lernen an den Schulen voranzutreiben – und räumt gleich ein Missverständnis aus dem Weg: „Personalisiertes Lernen ist nicht gleich individualisiertes Lernen.“

Das Labor ist gut ausgestattet: Zur Verfügung stehen Programmierspiele wie Bee-Bot oder die Verderkijkdos, eine Fotobox für kreative Licht-Experimente. „Mit Anwendungen wie dem Bee-Bot kann bei Grundschülern ein erster Einstieg in die Programmierung erfolgen“, sagt der Hochschullehrende und iXperium-Koordinator Petran Meertens.

Ein Bee-Bot, das ist ein Roboter im Bienenkostüm. Der gelbe Gefährte hat Knöpfe auf seinem Rücken, mit denen man spielerisch leicht seinen Weg programmieren kann. Die deutsche Delegation darf gleich testen: Laufe vorwärts, laufe rechts, laufe rückwärts, laufe links – und Go! Und siehe da: Die Roboterbiene bewegt sich entsprechend auf dem Spielplan.

Auch die Delegation muss nun weiter: Es geht nach Den Haag, wo die Reisegruppe im Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft einen Einblick in das niederländische Bildungssystem erhält. Simone de Bakker (Knowledge and Strategy Department des Ministeriums) klärt über die großen Freiheiten der niederländischen Schulen auf, in finanzieller wie in pädagogischer Hinsicht. Guido Leenders, Deutschlehrer in Maastricht, erzählt, wie er digitale Mittel im Unterricht einsetzt. „Meine Rolle ist nicht mehr die eines Dozenten, sondern die eines Coach.“

Tag 2:

8 Uhr früh, die Delegation drückt die Schulbank im Montaigne Lyceum in Den Haag. Das Gebäude vereint Gesamtschule, Gymnasium, Realschule und weitere Schulformen unter einem Dach. Wie fast überall in den Niederlanden arbeitet man auch hier mit der virtuellen Lernumgebung Peppels.net, die Lernfortschritte für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern sichtbar macht. Die unteren Jahrgänge verfügen alle über Chromebooks, die sie bei Bedarf im Unterricht einsetzen können.

Bei dem Rundgang durch die Schule erlebt die Delegation den alltäglichen Einsatz von digitalen Medien: Sie sind ein Mittel zum Zweck. Im Chemielabor blicken Schülerinnen und Schüler durch Mikroskope – und machen sich anschließend Notizen auf dem Laptop oder im Papierblock. Eine Diskussion über ein Verbot von Smartphones wie in Frankreich gebe es an der Schule keine, erzählt eine Französischlehrerin. „Die Schülerinnen und Schüler müssen lernen, damit umzugehen.“ Und die Schulleiterin ergänzt: „Wissensvermittlung ist wichtig, wir wollen unseren Schülerinnen und Schülern aber auch Skills beibringen.“

Mark Weekenborg gibt anschließend einen Einblick in die Entwicklung des neuen Curriculums in den Niederlanden (curriculum.nu). Ein Team aus Grund- und Sekundarschullehrern, Eltern, Schulträgern, Direktoren, Schülern und Wissenschaftlern erarbeitet derzeit in regelmäßigen Entwicklungssitzungen die Learning Areas und Skills der Zukunft. Das Megaprojekt soll 2021 abgeschlossen sein – und dann von der Regierung implementiert werden.

Der Bus fährt weiter nach Zoetermeer bei Den Haag, einem Zentrum für IT und Telekommunikation. Dort besucht die Reisegruppe Kennisnet, eine öffentliche Institution, die den Schulen die IKT-Infrastruktur bereitstellt. „Der digitale Graben wächst“, sagt Philipp Polst (Senior Policy Advisor), deshalb sei es wichtig, an alle Schülerinnen und Schüler IT-Skills zu vermitteln. „Ohne digitale Kompetenzen kann man nicht an der Gesellschaft teilnehmen“, erinnert Frans Schouwenburg (Advisor educational innovation with ICT) an ein Statement der OECD aus dem Jahr 2016.

Tag 3:

Am letzten Tag der Delegationsreise stehen gleich zwei Schulbesuche auf dem Programm. Am Vormittag besucht die Reisegruppe die Grundschule de Grondtoon am Stadtrand von Amsterdam. Hier wird mit dem neuen Software-Paket sCoolSuite des Steve JobsSchool-Gründers Maurice de Hond gearbeitet. Die Steve JobsSchools hatten auf individuelles Lernen mit individuellen Stundenplänen gesetzt, waren an einigen Schulen jedoch gescheitert. Die neue Software soll sich nun besser an die Bedürfnisse verschiedener Schulen anpassen lassen.

„Learning Goals Oriented Education“ nennt de Hond seine Methode. Mit seiner Software soll personalisiertes Lernen organisiert werden, indem Lernziele definiert, strukturiert und anhand individueller Stundenpläne umgesetzt werden. Die Idee: Kinder sollen dem eigenen Tempo und Lernpfad folgen können, indem ihnen ein iPad die geplanten und erreichten Lernziele anzeigt. Die Lehrkräfte haben ebenso jederzeit einen Überblick darüber, welche Kinder aus der Jahrgangsstufe die Ziele bereits erreicht haben.

Schulleiterin Mathilde Mujs erzählt von den Vorteilen der sCoolSuite-Software: „Die Kinder verfolgen nun ihre eigenen Ziele. Ihre Frustration ist verschwunden“, schwärmt sie. Auch hochbegabte Kinder würden vom zielorientierten Lernen profitieren, weil sie sich dabei besser unterstützt und in ihren Talenten wahrgenommen fühlen.

Maurice de Hond berichtet jedoch auch von schwierigen Erfahrungen, die er in der Vergangenheit mit den Steve JobsSchools gesammelt habe: Schulen müssten bereits gut organisiert sein, um mit seinem System arbeiten zu können. „Eine schlecht organisierte Schule wird durch das System nur noch schlechter.“ Maximale Freiheit für die Kinder, etwa durch die Flexibilisierung von Lern- und Ferienzeiten, sei unmöglich zu organisieren gewesen. Davon sei man wieder abgerückt. „Es ist nicht möglich, der Geschwindigkeit eines Kindes zu folgen, wenn man ihm die maximale Freiheit gibt.“

Zum Schluss besucht die Reisegruppe das IJburg College 2 in Amsterdam, eine Sekundarschule, die sich als „Community der Lernenden“ versteht. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten hier in jahrgangsübergreifenden Gruppen und an fächerübergreifenden Themen. Das sei nur möglich, weil die Architektur des Gebäudes dem pädagogischen Grundgedanken entspreche: Die Räume sind offen gestaltet, Lehrkräfte und Schüler arbeiten nebeneinander – auch außerhalb der Schulstunden. „So üben wir die gegenseitige Rücksichtnahme“, erklärt Schulleiter Freek Wevers.

Die Schulräume dürften die Schüler in einem gemeinsamen Prozess mitgestalten. Wevers glaubt, dass man in den Niederlanden schon einen Schritt weiter als in Deutschland sei: „Die letzte Bewegung war auch bei uns die digitale Bewegung. Nun dreht sich alles um Mitverantwortung und Partizipation.“

Text: Anja Reiter