Das BYOD-Konzept bietet einen niederschwelligen Einstieg in das Lehren und Lernen mit digitalen Medien. (Bild: Phil Dera/Forum Bildung Digitalisierung

BYOD – Schlüssel zur Digitalen Bildung?!

Wenn es um die Frage geht, wie die deutschen Schulen auf die Digitalisierung vorbereitet sind, wird es schnell emotional. Extreme Positionen stehen sich gegenüber: sogenannte Evangelisten auf der einen und Skeptiker auf der anderen Seite. Kein Konzept, das nicht polarisiert. Und immer stehen Fragen des Datenschutzes und der Bildungsgerechtigkeit als nervige Hürden im Weg oder sind der Lackmustest an dem sich ein Konzept beweisen muss. Doch die häufig anzutreffende Schwarz-Weiß-Malerei hilft nur bedingt weiter, weil sie eine differenzierte und kritische Auseinandersetzung verhindert.

Ein Beispiel hierfür ist das Konzept BYOD – Bring your own device. Dahinter steckt, vereinfacht gesagt, die Idee, die Ausstattung mit mobilen Geräten an die Lernenden zu delegieren und diese nicht durch die Schule zur Verfügung zu stellen. Ein wesentlicher Kritikpunkt: die Lehrmittelfreiheit wird untergraben und Kinder wohlhabender Eltern sind bessergestellt. Ein Versprechen: Die Kommunen müssen nicht mehr für die Ausstattung der Klassenzimmer und Computerräume sorgen, da die Lernenden beziehungsweise ihre Eltern das ja selbst übernehmen.

BYOD in der Praxis

Ein Blick in die bestehende BYOD-Praxis hilft, das Thema differenziert zu betrachten. In der 5. Klasse von Florian März an der Sekundarschule Hamborn in Duisburg steht das Thema Märchen an. Die Lernenden arbeiten in kleinen Gruppen von vier bis sechs Lernenden an verschiedenen Stationen. Eine Gruppe recherchiert wesentliche Elemente eines Märchens und fasst diese in einem gemeinsamen Dokument zusammen. Andere bauen mit verschiedenen Materialien die Figuren und Kulissen für ihr eigenes Märchen. Wieder andere, die diese Kulissen schon gebaut haben, sind dabei einen Trickfilm zu drehen und in einem Nebenraum entsteht ein Hörspiel.

Für Florian März bietet das Szenario eine Reihe von Vorteilen. Die Lernenden befassen sich vielfältig und umfassend mit dem Thema. In den Gruppen, die die einzelnen Stationen durchlaufen, können die einzelnen ihrem Leistungsvermögen nach mitarbeiten. Die Stärkeren helfen den anderen. Damit das alles klappt ist auch eine Menge Technik erforderlich. Für die Recherche-Station hat der Lehrer eine kleine Lernumgebung mit Fragen, Videos, Texten und Links im Internet vorbereitet. In dieser Umgebung arbeiten die Lernenden mit Tablets, die die Schule angeschafft hat und die der Lehrer für einzelne Stunden buchen kann. Hörspiele und Trickfilme entstehen mit privaten Geräten. „Eigentlich wäre es schön, wenn jeder Schüler ein eigenes Tablet hätte“, sagt Florian März. „Für die Recherchen sind die Tablets schon praktischer. Aber bei den Audio- und Videoaufnahmen sind die Smartphones der Kinder oft handlicher und besser geeignet. Und auch die Bearbeitung klappt an den Geräten ganz gut. Im 5. Schuljahr erwarten wir ja keine Profi-Arbeiten. Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit dem Thema und die intensiviert sich durch diese Arbeitsweise enorm.“

Die Mischung macht’s

Die Mischung aus schulischen und privaten Geräten ist für die Sekundarschule Hamborn ein guter Mittelweg. Die Eltern in dem sozial schwachen Stadtteil werden nicht mit den Kosten für Tablets belastet, die Stadt Duisburg stellt eine Basisausstattung und sorgt für die Infrastruktur. Auch die Ausstattung mit eigenen Smartphones ist erstaunlich gut. Bei der Infrastruktur tut die Stadt eine Menge. WLAN ist vorhanden. Nur mit dem Glasfasernetz klappt es noch nicht in allen Gebäudeteilen. Da es keine Cloud als Landeslösung gibt, hat die Stadt ein System angeschafft, bei dem Server in der Schule stehen. Das ist zwar in der Wartung und Administration aufwendig, entlastet aber beim Dateiaustausch die Internetanbindung. Bei der regelmäßigen Erneuerung der digitalen Arbeitsplätze stellt die Stadt nun der Schule frei, statt Desktop-Rechnern auch Tabletts oder Laptops anzuschaffen. Die offene Gestaltung des Unterrichts erfordert auch nicht, dass jeder Schüler immer ein Smartphone dabei hat. In der Hörspielgruppe etwa liegen nur zwei Geräte zum Aufnehmen auf dem Tisch. Auf einem Gerät ist der Sprechtext zu sehen. Das reicht für die Arbeit der sechs Schüler. Bring your own device wird hier übersetzt mit: Du bist eingeladen dein Smartphone mitzubringen. Der Unterricht wird so gestaltet, dass die privaten Geräte der Lernenden den Unterricht bereichern und neue Arbeitsweisen ermöglichen, aber kein Kind, das einmal oder dauerhaft kein Gerät dabei hat, einen Nachteil daraus zieht.

Die Mischung aus schulischen und privaten Geräten hat für den Schulleiter aber noch einen weiteren Vorteil: Die Arbeit mit digitalen Medien ist für viele Lehrkräfte noch nicht selbstverständlich. BYOD in Kombination mit schulischen Leihgeräten bietet hier in zweifacher Hinsicht einen niederschwelligen Einstieg. Manche Lehrkräfte wollen die Geräte, mit denen die Kinder arbeiten, gut kennen und möchten, dass alle das gleiche Gerät haben, damit sie bei technischen Fragen immer helfen können. Andere überlassen den Lernenden gerne die Verantwortung für die Geräte und regen zur gegenseitigen Unterstützung und Problemlösung bei technischen Fragen an. Ihnen bietet BYOD die Möglichkeit, sich eher auf fachliche Inhalte zu konzentrieren oder auf das methodische Vorgehen. So wie für die Schüler gilt: „Du bist eingeladen, dein Smartphone mitzubringen“, gilt für die Lehrkräfte: „Du hast die Möglichkeit, die Geräte im Unterricht zu nutzen“.

Im Vergleich zu einer 1:1-Ausstattung mit einheitlichen Geräten bietet BYOD einen niederschwelligen Einstieg in das Lehren und Lernen mit mobilen Geräten. Lehrkräfte können auf vorhandene Geräte zugreifen, ohne dass Schulen zunächst den administrativen Aufwand der Organisation von 1:1-Ausstattungen haben. Ebenso kann der Einsatz von Beginn an in vielen Klassen und Jahrgangsstufen erfolgen und ermöglicht mehr Lehrkräften eine Beteiligung als dies bei einzelnen 1:1-Pilotklassen möglich ist. BYOD kann also ein leichter Einstieg in einen Schul- und Unterrichtsentwicklungsprozess sein.

Das hat viel mit Bildungsgerechtigkeit zu tun. Die treibt auch Ulrich Ehrentraut, Schulleiter der Sekundarschule in Duisburg-Hamborn an. Er sagt: „Wir haben hier die Aufgabe, alles daran zu setzen, dass unseren Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit haben, hier in Duisburg später auch zu leben und eine Arbeit zu finden. Eine gute Vorbereitung auf das Leben in einer digitalisierten Welt ist da eine wichtige Voraussetzung (...). Mit BYOD und den damit verbundenen Unterrichtskonzepten haben wir die Möglichkeit, alle unsere Schüler auf die digitale Welt vorzubereiten. Die Geräte haben sie. Wir müssen ihnen den Umgang beibringen und immer wieder in der Schule einüben. Wenn wir es nicht machen, macht es keiner!“

Richard Heinen, Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft

Die hier gekürzte Fassung des Beitrags „Bring Your Own Device. Schlüssel zur Digitalen Bildung?“ von Richard Heinen wurde erstveröffentlicht in: Schul-management 4/2018, © Cornelsen Verlag GmbH, München. Der Originalbeitrag wird Ihnen im Verlagsportal „Oldenbourg-Klick.de“ freundlicherweise in voller Länge vom 17.09. bis zum 31.12.2018 kostenfrei zur Verfügung gestellt.

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